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Die Grenzboten. Jg. 5, 1846, I. Semester. II. Band.

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VI.

Die Nähstunde war eine herrliche Einrichtung; sobald der Zeiger
der altersgrauen Thurmuhr, welche Richard von seinem Fenster aus
unverrückt vor Augen hatte, die fünfte Stunde verkündete, wurde es
ihm zu eng im einsamen Stübchen, es trieb ihn hinaus. Er machte
sorgfältige Toilette und wanderte nach dem wohlbekannten Fußpfad,
der nach Reichenau führt, wo er jeden Abend Marie zufällig traf, um
sie nach Hause zu geleiten und von Tag zu Tag mehr zur Vertrau¬
ten seines innersten Lebens zu machen. So gewiß ist es, daß der
Mensch sich in die fremdesten Situationen hineinforciren kann, bis ihn
zuletzt die Gewohnheit mit unwiderstehlicher Gewalt beherrscht, und
ihm Bilder vorgaukelt, wie sie seinem eraltirten Empfinden entsprechen,
wenn sie auch mit der Wirklichkeit im schneidendsten Widerspruche stehen.
Er hört das Hohngelächter der Geister, welche über den Gräbern sei¬
nes Jugendglückes schweben, schwächer und entfernter, er bekämpft sie
mit gleichen Waffen. --

Fünf Uhr ist vorüber, Richard's Zimmer steht offen; er hat sich
heute in etwas verspätet und in der Eile vergessen, die Thür zu ver¬
schließen, eine Nachlässigkeit, die seinem gewohnten häuslichen Tacte
widerspricht und den Drang einer übersprudelnden Aufregung verräth.
Treten wir ein. Von dem schwellenden seidenen Divan bis herab zu
den gewirkten Fußteppichen, welche den Boden bedecken, herrscht eine
überraschende Eleganz, die sogar einen beengenden Eindruck machen
würde, wenn nicht das Ensemble eine so behagliche, wohnliche Gemüth'
lichkeit zeigte. Kein Stäubchen aus den blinkenden Möbeln, auf den
in strengster Reihenfolge aufgestellten, mit goldnen Lettern bezeichneten
Büchern; rings herum sind Stickereien angebracht und die Wände mit
Portraits behängen; der enge Raums abeime überfüllt, und doch würde
man ungern irgend einen Gegenstand vermissen. Kein übereiltes Garde¬
robestück, keine abgebrannte Cigarre läßt vermuthen, daß hier 0i. Ri¬
chard wohnt, erklärter Träumer, Schöngeist und Liebhaber von Pfar¬
rers Mariechen, hier inmitten der klarsten, durchsichtigsten, etwas ängst¬
lichen, und doch so harmonischen, geschmackvollen, heimischen Ordnung.
Entfernt von den übrigen, in der äußersten Ecke des Gemachs, hängt
ein in Goldrahmen eingefaßtes Gemälde, es ist mit schwarzem Flore
verhüllt. Wenn wir den Schleier lüften, so blicken wir in ein wun¬
derbar schönes Mädchcnantlitz, und möchten das Geheimniß ergründen,
das uns in der tiefen Romantik des dunklen Auges entgegenschaut,


VI.

Die Nähstunde war eine herrliche Einrichtung; sobald der Zeiger
der altersgrauen Thurmuhr, welche Richard von seinem Fenster aus
unverrückt vor Augen hatte, die fünfte Stunde verkündete, wurde es
ihm zu eng im einsamen Stübchen, es trieb ihn hinaus. Er machte
sorgfältige Toilette und wanderte nach dem wohlbekannten Fußpfad,
der nach Reichenau führt, wo er jeden Abend Marie zufällig traf, um
sie nach Hause zu geleiten und von Tag zu Tag mehr zur Vertrau¬
ten seines innersten Lebens zu machen. So gewiß ist es, daß der
Mensch sich in die fremdesten Situationen hineinforciren kann, bis ihn
zuletzt die Gewohnheit mit unwiderstehlicher Gewalt beherrscht, und
ihm Bilder vorgaukelt, wie sie seinem eraltirten Empfinden entsprechen,
wenn sie auch mit der Wirklichkeit im schneidendsten Widerspruche stehen.
Er hört das Hohngelächter der Geister, welche über den Gräbern sei¬
nes Jugendglückes schweben, schwächer und entfernter, er bekämpft sie
mit gleichen Waffen. —

Fünf Uhr ist vorüber, Richard's Zimmer steht offen; er hat sich
heute in etwas verspätet und in der Eile vergessen, die Thür zu ver¬
schließen, eine Nachlässigkeit, die seinem gewohnten häuslichen Tacte
widerspricht und den Drang einer übersprudelnden Aufregung verräth.
Treten wir ein. Von dem schwellenden seidenen Divan bis herab zu
den gewirkten Fußteppichen, welche den Boden bedecken, herrscht eine
überraschende Eleganz, die sogar einen beengenden Eindruck machen
würde, wenn nicht das Ensemble eine so behagliche, wohnliche Gemüth'
lichkeit zeigte. Kein Stäubchen aus den blinkenden Möbeln, auf den
in strengster Reihenfolge aufgestellten, mit goldnen Lettern bezeichneten
Büchern; rings herum sind Stickereien angebracht und die Wände mit
Portraits behängen; der enge Raums abeime überfüllt, und doch würde
man ungern irgend einen Gegenstand vermissen. Kein übereiltes Garde¬
robestück, keine abgebrannte Cigarre läßt vermuthen, daß hier 0i. Ri¬
chard wohnt, erklärter Träumer, Schöngeist und Liebhaber von Pfar¬
rers Mariechen, hier inmitten der klarsten, durchsichtigsten, etwas ängst¬
lichen, und doch so harmonischen, geschmackvollen, heimischen Ordnung.
Entfernt von den übrigen, in der äußersten Ecke des Gemachs, hängt
ein in Goldrahmen eingefaßtes Gemälde, es ist mit schwarzem Flore
verhüllt. Wenn wir den Schleier lüften, so blicken wir in ein wun¬
derbar schönes Mädchcnantlitz, und möchten das Geheimniß ergründen,
das uns in der tiefen Romantik des dunklen Auges entgegenschaut,


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[0312] VI. Die Nähstunde war eine herrliche Einrichtung; sobald der Zeiger der altersgrauen Thurmuhr, welche Richard von seinem Fenster aus unverrückt vor Augen hatte, die fünfte Stunde verkündete, wurde es ihm zu eng im einsamen Stübchen, es trieb ihn hinaus. Er machte sorgfältige Toilette und wanderte nach dem wohlbekannten Fußpfad, der nach Reichenau führt, wo er jeden Abend Marie zufällig traf, um sie nach Hause zu geleiten und von Tag zu Tag mehr zur Vertrau¬ ten seines innersten Lebens zu machen. So gewiß ist es, daß der Mensch sich in die fremdesten Situationen hineinforciren kann, bis ihn zuletzt die Gewohnheit mit unwiderstehlicher Gewalt beherrscht, und ihm Bilder vorgaukelt, wie sie seinem eraltirten Empfinden entsprechen, wenn sie auch mit der Wirklichkeit im schneidendsten Widerspruche stehen. Er hört das Hohngelächter der Geister, welche über den Gräbern sei¬ nes Jugendglückes schweben, schwächer und entfernter, er bekämpft sie mit gleichen Waffen. — Fünf Uhr ist vorüber, Richard's Zimmer steht offen; er hat sich heute in etwas verspätet und in der Eile vergessen, die Thür zu ver¬ schließen, eine Nachlässigkeit, die seinem gewohnten häuslichen Tacte widerspricht und den Drang einer übersprudelnden Aufregung verräth. Treten wir ein. Von dem schwellenden seidenen Divan bis herab zu den gewirkten Fußteppichen, welche den Boden bedecken, herrscht eine überraschende Eleganz, die sogar einen beengenden Eindruck machen würde, wenn nicht das Ensemble eine so behagliche, wohnliche Gemüth' lichkeit zeigte. Kein Stäubchen aus den blinkenden Möbeln, auf den in strengster Reihenfolge aufgestellten, mit goldnen Lettern bezeichneten Büchern; rings herum sind Stickereien angebracht und die Wände mit Portraits behängen; der enge Raums abeime überfüllt, und doch würde man ungern irgend einen Gegenstand vermissen. Kein übereiltes Garde¬ robestück, keine abgebrannte Cigarre läßt vermuthen, daß hier 0i. Ri¬ chard wohnt, erklärter Träumer, Schöngeist und Liebhaber von Pfar¬ rers Mariechen, hier inmitten der klarsten, durchsichtigsten, etwas ängst¬ lichen, und doch so harmonischen, geschmackvollen, heimischen Ordnung. Entfernt von den übrigen, in der äußersten Ecke des Gemachs, hängt ein in Goldrahmen eingefaßtes Gemälde, es ist mit schwarzem Flore verhüllt. Wenn wir den Schleier lüften, so blicken wir in ein wun¬ derbar schönes Mädchcnantlitz, und möchten das Geheimniß ergründen, das uns in der tiefen Romantik des dunklen Auges entgegenschaut,

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Zitationshilfe: Die Grenzboten. Jg. 5, 1846, I. Semester. II. Band, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/grenzboten_341550_365120/312>, abgerufen am 27.04.2024.