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Griesinger, Wilhelm: Die Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten, für Ärzte und Studierende. Stuttgart, 1845.

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Pathologische Anatomie
füllt. Zuweilen entleert sich auch die Höhle durch entstandene Risse
von selbst. (S. Bird, Gräfe und Walther's Journal. 1833. 19. Bd. Hft. 4.)
Meist wird nach wenigen Wochen die Geschwulst und Röthe geringer,
es bleibt eine stärkere oder mässigere Verdickung der befallenen
Stelle zurück -- Belhomme wollte den Knorpel hypertrophisch, Cossy
(Archives generales etc. 1842. XV. p. 290) eine Knorpellamelle neuer
Bildung gefunden haben -- der oft später ein Schrumpfen und eine
bleibende Missstaltung der Ohrmuschel folgt. Dass diese Erkrankung,
wie in neuerer Zeit angegeben wurde, immer als Folge zufälliger
Verletzungen (Anstossen des Kopfs an die Bettpfosten, Zerren
am Ohr als disciplinarische Massregel grausamer Wärter etc.) vor-
komme, ist uns nicht wahrscheinlich, da sie wenigstens vorzugsweise
häufig in einem gewissen Stadium des Irreseins, nämlich dem Uebergang
der Manie in den Blödsinn, vorkommt, (Neumann, die Krankheiten
des Menschen. IV. Band. 2te Ausgabe. 1838. p. 219) desshalb auch
im Durchschnitt sehr ungern gesehen wird. Die näheren Bedingungen
der Entstehung dieser Affection scheinen uns derzeit ganz dunkel,
und wir vermögen in der allerdings merkwürdigen Formähnlichkeit des
äussern Ohrs mit den Schädel-Umrissen (Foville, Anat. d. syst. nerv.
Atlas. Pl. XXIII. fig. 5. Text p. 640) keinerlei Schlüssel zur Aufklärung
dieses Verhältnisses zu finden.

§. 150.

Unter den übrigen organischen Alterationen, welche man in den
Leichen der Irren findet, stehen wegen ihrer ausserordentlichen cli-
nischen Wichtigkeit und häufigen Tödtlichkeit die Veränderungen der
Brustorgane oben an.

I. Abnormitäten der Respirationsorgane. Unter diesen
sind die wichtigsten die Pneumonie, der Lungenbrand und die Tu-
berculose. Der Lungenhepatisation erliegen eine Menge Geistes-
kranker, am meisten die heruntergekommenen, deteriorirten Constitu-
tionen, namentlich viele Paralytisch-Blödsinnige. Calmeil fand sie
in einem Fünftel, Aubanel und Thore in einem Siebentel der Todesfälle.
Wie man es in Spitälern für Greise beobachtet, so kommen auch
bei den Irren, namentlich in der kalten Jahreszeit, viele schnelle
Todesfälle an dieser Krankheit vor. Wer bei solchen Kranken während
des Lebens das ältere Compendienbild der Pneumonie erwarten
wollte, würde sich sehr täuschen. Frost wird selten beobachtet und
ebenso selten Husten, Auswurf oder Schmerzen, Dyspnoe dagegen
ist meist in höherem oder geringerem Grade vorhanden; das

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füllt. Zuweilen entleert sich auch die Höhle durch entstandene Risse
von selbst. (S. Bird, Gräfe und Walther’s Journal. 1833. 19. Bd. Hft. 4.)
Meist wird nach wenigen Wochen die Geschwulst und Röthe geringer,
es bleibt eine stärkere oder mässigere Verdickung der befallenen
Stelle zurück — Belhomme wollte den Knorpel hypertrophisch, Cossy
(Archives générales etc. 1842. XV. p. 290) eine Knorpellamelle neuer
Bildung gefunden haben — der oft später ein Schrumpfen und eine
bleibende Missstaltung der Ohrmuschel folgt. Dass diese Erkrankung,
wie in neuerer Zeit angegeben wurde, immer als Folge zufälliger
Verletzungen (Anstossen des Kopfs an die Bettpfosten, Zerren
am Ohr als disciplinarische Massregel grausamer Wärter etc.) vor-
komme, ist uns nicht wahrscheinlich, da sie wenigstens vorzugsweise
häufig in einem gewissen Stadium des Irreseins, nämlich dem Uebergang
der Manie in den Blödsinn, vorkommt, (Neumann, die Krankheiten
des Menschen. IV. Band. 2te Ausgabe. 1838. p. 219) desshalb auch
im Durchschnitt sehr ungern gesehen wird. Die näheren Bedingungen
der Entstehung dieser Affection scheinen uns derzeit ganz dunkel,
und wir vermögen in der allerdings merkwürdigen Formähnlichkeit des
äussern Ohrs mit den Schädel-Umrissen (Foville, Anat. d. syst. nerv.
Atlas. Pl. XXIII. fig. 5. Text p. 640) keinerlei Schlüssel zur Aufklärung
dieses Verhältnisses zu finden.

§. 150.

Unter den übrigen organischen Alterationen, welche man in den
Leichen der Irren findet, stehen wegen ihrer ausserordentlichen cli-
nischen Wichtigkeit und häufigen Tödtlichkeit die Veränderungen der
Brustorgane oben an.

I. Abnormitäten der Respirationsorgane. Unter diesen
sind die wichtigsten die Pneumonie, der Lungenbrand und die Tu-
berculose. Der Lungenhepatisation erliegen eine Menge Geistes-
kranker, am meisten die heruntergekommenen, deteriorirten Constitu-
tionen, namentlich viele Paralytisch-Blödsinnige. Calmeil fand sie
in einem Fünftel, Aubanel und Thore in einem Siebentel der Todesfälle.
Wie man es in Spitälern für Greise beobachtet, so kommen auch
bei den Irren, namentlich in der kalten Jahreszeit, viele schnelle
Todesfälle an dieser Krankheit vor. Wer bei solchen Kranken während
des Lebens das ältere Compendienbild der Pneumonie erwarten
wollte, würde sich sehr täuschen. Frost wird selten beobachtet und
ebenso selten Husten, Auswurf oder Schmerzen, Dyspnoe dagegen
ist meist in höherem oder geringerem Grade vorhanden; das

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[322/0336] Pathologische Anatomie füllt. Zuweilen entleert sich auch die Höhle durch entstandene Risse von selbst. (S. Bird, Gräfe und Walther’s Journal. 1833. 19. Bd. Hft. 4.) Meist wird nach wenigen Wochen die Geschwulst und Röthe geringer, es bleibt eine stärkere oder mässigere Verdickung der befallenen Stelle zurück — Belhomme wollte den Knorpel hypertrophisch, Cossy (Archives générales etc. 1842. XV. p. 290) eine Knorpellamelle neuer Bildung gefunden haben — der oft später ein Schrumpfen und eine bleibende Missstaltung der Ohrmuschel folgt. Dass diese Erkrankung, wie in neuerer Zeit angegeben wurde, immer als Folge zufälliger Verletzungen (Anstossen des Kopfs an die Bettpfosten, Zerren am Ohr als disciplinarische Massregel grausamer Wärter etc.) vor- komme, ist uns nicht wahrscheinlich, da sie wenigstens vorzugsweise häufig in einem gewissen Stadium des Irreseins, nämlich dem Uebergang der Manie in den Blödsinn, vorkommt, (Neumann, die Krankheiten des Menschen. IV. Band. 2te Ausgabe. 1838. p. 219) desshalb auch im Durchschnitt sehr ungern gesehen wird. Die näheren Bedingungen der Entstehung dieser Affection scheinen uns derzeit ganz dunkel, und wir vermögen in der allerdings merkwürdigen Formähnlichkeit des äussern Ohrs mit den Schädel-Umrissen (Foville, Anat. d. syst. nerv. Atlas. Pl. XXIII. fig. 5. Text p. 640) keinerlei Schlüssel zur Aufklärung dieses Verhältnisses zu finden. §. 150. Unter den übrigen organischen Alterationen, welche man in den Leichen der Irren findet, stehen wegen ihrer ausserordentlichen cli- nischen Wichtigkeit und häufigen Tödtlichkeit die Veränderungen der Brustorgane oben an. I. Abnormitäten der Respirationsorgane. Unter diesen sind die wichtigsten die Pneumonie, der Lungenbrand und die Tu- berculose. Der Lungenhepatisation erliegen eine Menge Geistes- kranker, am meisten die heruntergekommenen, deteriorirten Constitu- tionen, namentlich viele Paralytisch-Blödsinnige. Calmeil fand sie in einem Fünftel, Aubanel und Thore in einem Siebentel der Todesfälle. Wie man es in Spitälern für Greise beobachtet, so kommen auch bei den Irren, namentlich in der kalten Jahreszeit, viele schnelle Todesfälle an dieser Krankheit vor. Wer bei solchen Kranken während des Lebens das ältere Compendienbild der Pneumonie erwarten wollte, würde sich sehr täuschen. Frost wird selten beobachtet und ebenso selten Husten, Auswurf oder Schmerzen, Dyspnoe dagegen ist meist in höherem oder geringerem Grade vorhanden; das

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Zitationshilfe: Griesinger, Wilhelm: Die Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten, für Ärzte und Studierende. Stuttgart, 1845, S. 322. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/griesinger_psychische_1845/336>, abgerufen am 22.07.2019.