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Griesinger, Wilhelm: Die Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten, für Ärzte und Studierende. Stuttgart, 1845.

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seine subjectiven Sinnesanschauungen gewöhnlich dieselbe Realität,
wie die objectiv von der Aussenwelt dargebotenen, und eben in die-
sem Umstande liegt zu grossem Theil die Wichtigkeit und Gefährlich-
keit dieser Phänomene. Wir sind gewohnt unsern Sinnen zu trauen
und Das für das Wahrste zu halten, was wir selbst sehen oder
tasten; Derjenige, dem falsche Sinnesperceptionen untergeschoben
werden, dem dadurch das Material seines Vorstellens und Combi-
nirens verfälscht wird, tritt eben damit in eine neue Welt des Scheins
und der Lüge ein; ihre Unterscheidung von der objectiven Wirklich-
keit, nach der sich sein Denken und Handeln richten soll, steht fast
niemals (vgl. §. 48.) bei ihm und kann ihm gewöhnlich auch von
fremdem Verstande nicht aufgenöthigt werden; er muss der Täu-
schung folgen, weil sie für ihn sinnliche Ueberzeugungskraft hat, und
nicht nur die aberwitzigsten, tollsten Ideen werden in ihm durch jene
geweckt und unterhalten, sondern häufig genug sind auch die gefähr-
lichsten Unthaten Folgen der Hallucinationen.

Die Hallucinanten können in jedem Augenblick durch Stimmen oder Visionen
zu Gewaltthaten an sich oder Anderen angetrieben werden, z. B. zu Mord in
Folge eines gehörten göttlichen Befehls, zu Rachehandlungen für gehörte Schimpf-
worte etc. Die Mehrzahl der von Geisteskranken begangenen Verbrechen beruht
auch auf Hallucinationen, was bei der ausserordentlichen Häufigkeit dieses Phä-
nomens -- nach Esquirol kommt es bei 80 unter 100 Kranken vor, wir möchten
das Verhältniss fast noch höher taxiren -- nicht zu verwundern ist.

§. 47.

Das Zustandekommen subjectiver Sinnesthätigkeiten ist an sich
nichts Ungewöhnliches. Wir wissen aus der Physiologie, dass die
Sinnesnerven auf alle Reize in der ihnen einwohnenden Energie
reagiren, dass die gedrückte oder congestionirte Retina Licht-, der
gereizte Hörnerv Schallempfindungen gibt etc. Werden wir dem-
gemäss die Hallucinationen als einfache Producte der Reizung der
betreffenden peripherischen Nervenausbreitungen zu betrachten haben?
-- Diess ist unmöglich, einmal und hauptsächlich, weil Hallucinationen
bei Aufhebung der peripherischen Sinnesthätigkeit vorkommen, *) so-

*) Die schon oben erwähnten Beobachtungen Esquirols hierüber sind einer
vollständigen Mittheilung werth. "Ich behandelte einen alten Kaufmann, der nach
einem sehr thätigen Leben im 44sten Jahre vom schwarzen Staar befallen wurde.
Einige Jahre nachher verfiel er in Manie; er war sehr bewegt, sprach laut mit
Personen, die er zu sehen und zu hören glaubte. Er sah die wunderlichsten
Dinge und wurde oft durch seine Visionen sehr entzückt. -- Im J. 1816 war in
der Salpetriere eine 38jährige Jüdin, die von Manie befallen und blind war.

Entstehung und Sitz
seine subjectiven Sinnesanschauungen gewöhnlich dieselbe Realität,
wie die objectiv von der Aussenwelt dargebotenen, und eben in die-
sem Umstande liegt zu grossem Theil die Wichtigkeit und Gefährlich-
keit dieser Phänomene. Wir sind gewohnt unsern Sinnen zu trauen
und Das für das Wahrste zu halten, was wir selbst sehen oder
tasten; Derjenige, dem falsche Sinnesperceptionen untergeschoben
werden, dem dadurch das Material seines Vorstellens und Combi-
nirens verfälscht wird, tritt eben damit in eine neue Welt des Scheins
und der Lüge ein; ihre Unterscheidung von der objectiven Wirklich-
keit, nach der sich sein Denken und Handeln richten soll, steht fast
niemals (vgl. §. 48.) bei ihm und kann ihm gewöhnlich auch von
fremdem Verstande nicht aufgenöthigt werden; er muss der Täu-
schung folgen, weil sie für ihn sinnliche Ueberzeugungskraft hat, und
nicht nur die aberwitzigsten, tollsten Ideen werden in ihm durch jene
geweckt und unterhalten, sondern häufig genug sind auch die gefähr-
lichsten Unthaten Folgen der Hallucinationen.

Die Hallucinanten können in jedem Augenblick durch Stimmen oder Visionen
zu Gewaltthaten an sich oder Anderen angetrieben werden, z. B. zu Mord in
Folge eines gehörten göttlichen Befehls, zu Rachehandlungen für gehörte Schimpf-
worte etc. Die Mehrzahl der von Geisteskranken begangenen Verbrechen beruht
auch auf Hallucinationen, was bei der ausserordentlichen Häufigkeit dieses Phä-
nomens — nach Esquirol kommt es bei 80 unter 100 Kranken vor, wir möchten
das Verhältniss fast noch höher taxiren — nicht zu verwundern ist.

§. 47.

Das Zustandekommen subjectiver Sinnesthätigkeiten ist an sich
nichts Ungewöhnliches. Wir wissen aus der Physiologie, dass die
Sinnesnerven auf alle Reize in der ihnen einwohnenden Energie
reagiren, dass die gedrückte oder congestionirte Retina Licht-, der
gereizte Hörnerv Schallempfindungen gibt etc. Werden wir dem-
gemäss die Hallucinationen als einfache Producte der Reizung der
betreffenden peripherischen Nervenausbreitungen zu betrachten haben?
— Diess ist unmöglich, einmal und hauptsächlich, weil Hallucinationen
bei Aufhebung der peripherischen Sinnesthätigkeit vorkommen, *) so-

*) Die schon oben erwähnten Beobachtungen Esquirols hierüber sind einer
vollständigen Mittheilung werth. „Ich behandelte einen alten Kaufmann, der nach
einem sehr thätigen Leben im 44sten Jahre vom schwarzen Staar befallen wurde.
Einige Jahre nachher verfiel er in Manie; er war sehr bewegt, sprach laut mit
Personen, die er zu sehen und zu hören glaubte. Er sah die wunderlichsten
Dinge und wurde oft durch seine Visionen sehr entzückt. — Im J. 1816 war in
der Salpetrière eine 38jährige Jüdin, die von Manie befallen und blind war.
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[70/0084] Entstehung und Sitz seine subjectiven Sinnesanschauungen gewöhnlich dieselbe Realität, wie die objectiv von der Aussenwelt dargebotenen, und eben in die- sem Umstande liegt zu grossem Theil die Wichtigkeit und Gefährlich- keit dieser Phänomene. Wir sind gewohnt unsern Sinnen zu trauen und Das für das Wahrste zu halten, was wir selbst sehen oder tasten; Derjenige, dem falsche Sinnesperceptionen untergeschoben werden, dem dadurch das Material seines Vorstellens und Combi- nirens verfälscht wird, tritt eben damit in eine neue Welt des Scheins und der Lüge ein; ihre Unterscheidung von der objectiven Wirklich- keit, nach der sich sein Denken und Handeln richten soll, steht fast niemals (vgl. §. 48.) bei ihm und kann ihm gewöhnlich auch von fremdem Verstande nicht aufgenöthigt werden; er muss der Täu- schung folgen, weil sie für ihn sinnliche Ueberzeugungskraft hat, und nicht nur die aberwitzigsten, tollsten Ideen werden in ihm durch jene geweckt und unterhalten, sondern häufig genug sind auch die gefähr- lichsten Unthaten Folgen der Hallucinationen. Die Hallucinanten können in jedem Augenblick durch Stimmen oder Visionen zu Gewaltthaten an sich oder Anderen angetrieben werden, z. B. zu Mord in Folge eines gehörten göttlichen Befehls, zu Rachehandlungen für gehörte Schimpf- worte etc. Die Mehrzahl der von Geisteskranken begangenen Verbrechen beruht auch auf Hallucinationen, was bei der ausserordentlichen Häufigkeit dieses Phä- nomens — nach Esquirol kommt es bei 80 unter 100 Kranken vor, wir möchten das Verhältniss fast noch höher taxiren — nicht zu verwundern ist. §. 47. Das Zustandekommen subjectiver Sinnesthätigkeiten ist an sich nichts Ungewöhnliches. Wir wissen aus der Physiologie, dass die Sinnesnerven auf alle Reize in der ihnen einwohnenden Energie reagiren, dass die gedrückte oder congestionirte Retina Licht-, der gereizte Hörnerv Schallempfindungen gibt etc. Werden wir dem- gemäss die Hallucinationen als einfache Producte der Reizung der betreffenden peripherischen Nervenausbreitungen zu betrachten haben? — Diess ist unmöglich, einmal und hauptsächlich, weil Hallucinationen bei Aufhebung der peripherischen Sinnesthätigkeit vorkommen, *) so- *) Die schon oben erwähnten Beobachtungen Esquirols hierüber sind einer vollständigen Mittheilung werth. „Ich behandelte einen alten Kaufmann, der nach einem sehr thätigen Leben im 44sten Jahre vom schwarzen Staar befallen wurde. Einige Jahre nachher verfiel er in Manie; er war sehr bewegt, sprach laut mit Personen, die er zu sehen und zu hören glaubte. Er sah die wunderlichsten Dinge und wurde oft durch seine Visionen sehr entzückt. — Im J. 1816 war in der Salpetrière eine 38jährige Jüdin, die von Manie befallen und blind war.

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Zitationshilfe: Griesinger, Wilhelm: Die Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten, für Ärzte und Studierende. Stuttgart, 1845, S. 70. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/griesinger_psychische_1845/84>, abgerufen am 21.07.2019.