Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Griesinger, Wilhelm: Die Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten, für Ärzte und Studierende. Stuttgart, 1845.

Bild:
<< vorherige Seite
Vorwort.

Ich übergebe hier dem ärztlichen Publicum die zusammengefassten
Resultate meiner Beobachtungen und meines Nachdenkens über die Geistes-
krankheiten. Die erfreuliche Beachtung, welche zwei frühere, nur fragmen-
tarische Abhandlungen über diesen Gegenstand gefunden haben, munterten
mich auf, ein ausgearbeitetes Ganzes vorzulegen, in welchem der Leser die
leitenden Gedanken jener Arbeiten wieder erkennen wird, wo aber doch
Alles erweitert, Vieles fester gestellt, Einzelnes auch vor Missverständniss
geschützt werden konnte. -- Auch diejenige Auffassung der medicinischen
Wissenschaft wird der Leser hier wieder finden, welche unter bekannten
Umständen den Namen der "physiologischen Medicin" erhielt und welche
bei mir fast ganz auf dem einfachen Grundsatze beruht, dass man sich über
die Dinge, in welche man practisch eingreifen soll, nicht mit Namen zu
beruhigen, sondern ein wirkliches, inneres Verständniss zu verschaffen hat.
So sollte auch hier hingearbeitet werden auf das Verständniss des "Wesens
der Dinge, hinter welches man durch Nachdenken kommt," und die Ergebnisse
zerstreuter Beobachtungen sollten nicht bloss gesammelt, sondern zu einem
Ganzen innerlich vereinigt, vorgetragen werden. Wer den gegenwärtigen
Stand der Psychiatrie kennt, wird die Schwierigkeiten dieses Geschäfts zu
beurtheilen vermögen. Die Anerkennung desselben wird heutzutage dadurch
erschwert, dass sich der Unverstand des Wortes "Hypothesen" bemächtigt
hat, um Alles, was über seinen Horizont hinausgeht, weil es seiner Natur
nach keines sinnlichen Nachweises mehr fähig ist, zu verdächtigen. Wenn
sich diejenigen, welche die Principien für Nebensache halten und für soge-
nannte Thatsachen und Practiken als den einzigen Inhalt der Wissenschaft
schwärmen, mit einzelnen practischen Fragen der Psychiatrie, z. B. den
forensischen beschäftigen wollten, so würden sie bald erkennen, ob Grund-
sätze oder Facta die Praxis beherrschen.

Vorwort.

Ich übergebe hier dem ärztlichen Publicum die zusammengefassten
Resultate meiner Beobachtungen und meines Nachdenkens über die Geistes-
krankheiten. Die erfreuliche Beachtung, welche zwei frühere, nur fragmen-
tarische Abhandlungen über diesen Gegenstand gefunden haben, munterten
mich auf, ein ausgearbeitetes Ganzes vorzulegen, in welchem der Leser die
leitenden Gedanken jener Arbeiten wieder erkennen wird, wo aber doch
Alles erweitert, Vieles fester gestellt, Einzelnes auch vor Missverständniss
geschützt werden konnte. — Auch diejenige Auffassung der medicinischen
Wissenschaft wird der Leser hier wieder finden, welche unter bekannten
Umständen den Namen der „physiologischen Medicin“ erhielt und welche
bei mir fast ganz auf dem einfachen Grundsatze beruht, dass man sich über
die Dinge, in welche man practisch eingreifen soll, nicht mit Namen zu
beruhigen, sondern ein wirkliches, inneres Verständniss zu verschaffen hat.
So sollte auch hier hingearbeitet werden auf das Verständniss des „Wesens
der Dinge, hinter welches man durch Nachdenken kommt,“ und die Ergebnisse
zerstreuter Beobachtungen sollten nicht bloss gesammelt, sondern zu einem
Ganzen innerlich vereinigt, vorgetragen werden. Wer den gegenwärtigen
Stand der Psychiatrie kennt, wird die Schwierigkeiten dieses Geschäfts zu
beurtheilen vermögen. Die Anerkennung desselben wird heutzutage dadurch
erschwert, dass sich der Unverstand des Wortes „Hypothesen“ bemächtigt
hat, um Alles, was über seinen Horizont hinausgeht, weil es seiner Natur
nach keines sinnlichen Nachweises mehr fähig ist, zu verdächtigen. Wenn
sich diejenigen, welche die Principien für Nebensache halten und für soge-
nannte Thatsachen und Practiken als den einzigen Inhalt der Wissenschaft
schwärmen, mit einzelnen practischen Fragen der Psychiatrie, z. B. den
forensischen beschäftigen wollten, so würden sie bald erkennen, ob Grund-
sätze oder Facta die Praxis beherrschen.

<TEI>
  <text>
    <front>
      <pb facs="#f0009" n="[III]"/>
      <div n="1">
        <head> <hi rendition="#b"><hi rendition="#g">Vorwort</hi>.</hi> </head><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <p><hi rendition="#in">I</hi>ch übergebe hier dem ärztlichen Publicum die zusammengefassten<lb/>
Resultate meiner Beobachtungen und meines Nachdenkens über die Geistes-<lb/>
krankheiten. Die erfreuliche Beachtung, welche zwei frühere, nur fragmen-<lb/>
tarische Abhandlungen über diesen Gegenstand gefunden haben, munterten<lb/>
mich auf, ein ausgearbeitetes Ganzes vorzulegen, in welchem der Leser die<lb/>
leitenden Gedanken jener Arbeiten wieder erkennen wird, wo aber doch<lb/>
Alles erweitert, Vieles fester gestellt, Einzelnes auch vor Missverständniss<lb/>
geschützt werden konnte. &#x2014; Auch diejenige Auffassung der medicinischen<lb/>
Wissenschaft wird der Leser hier wieder finden, welche unter bekannten<lb/>
Umständen den Namen der &#x201E;physiologischen Medicin&#x201C; erhielt und welche<lb/>
bei mir fast ganz auf dem einfachen Grundsatze beruht, dass man sich über<lb/>
die Dinge, in welche man practisch eingreifen soll, nicht mit Namen zu<lb/>
beruhigen, sondern ein wirkliches, inneres Verständniss zu verschaffen hat.<lb/>
So sollte auch hier hingearbeitet werden auf das Verständniss des &#x201E;Wesens<lb/>
der Dinge, hinter welches man durch Nachdenken kommt,&#x201C; und die Ergebnisse<lb/>
zerstreuter Beobachtungen sollten nicht bloss gesammelt, sondern zu einem<lb/>
Ganzen innerlich vereinigt, vorgetragen werden. Wer den gegenwärtigen<lb/>
Stand der Psychiatrie kennt, wird die Schwierigkeiten dieses Geschäfts zu<lb/>
beurtheilen vermögen. Die Anerkennung desselben wird heutzutage dadurch<lb/>
erschwert, dass sich der Unverstand des Wortes &#x201E;Hypothesen&#x201C; bemächtigt<lb/>
hat, um Alles, was über seinen Horizont hinausgeht, weil es seiner Natur<lb/>
nach keines sinnlichen Nachweises mehr fähig ist, zu verdächtigen. Wenn<lb/>
sich diejenigen, welche die Principien für Nebensache halten und für soge-<lb/>
nannte Thatsachen und Practiken als den einzigen Inhalt der Wissenschaft<lb/>
schwärmen, mit einzelnen practischen Fragen der Psychiatrie, z. B. den<lb/>
forensischen beschäftigen wollten, so würden sie bald erkennen, ob Grund-<lb/>
sätze oder Facta die Praxis beherrschen.</p><lb/>
      </div>
    </front>
  </text>
</TEI>
[[III]/0009] Vorwort. Ich übergebe hier dem ärztlichen Publicum die zusammengefassten Resultate meiner Beobachtungen und meines Nachdenkens über die Geistes- krankheiten. Die erfreuliche Beachtung, welche zwei frühere, nur fragmen- tarische Abhandlungen über diesen Gegenstand gefunden haben, munterten mich auf, ein ausgearbeitetes Ganzes vorzulegen, in welchem der Leser die leitenden Gedanken jener Arbeiten wieder erkennen wird, wo aber doch Alles erweitert, Vieles fester gestellt, Einzelnes auch vor Missverständniss geschützt werden konnte. — Auch diejenige Auffassung der medicinischen Wissenschaft wird der Leser hier wieder finden, welche unter bekannten Umständen den Namen der „physiologischen Medicin“ erhielt und welche bei mir fast ganz auf dem einfachen Grundsatze beruht, dass man sich über die Dinge, in welche man practisch eingreifen soll, nicht mit Namen zu beruhigen, sondern ein wirkliches, inneres Verständniss zu verschaffen hat. So sollte auch hier hingearbeitet werden auf das Verständniss des „Wesens der Dinge, hinter welches man durch Nachdenken kommt,“ und die Ergebnisse zerstreuter Beobachtungen sollten nicht bloss gesammelt, sondern zu einem Ganzen innerlich vereinigt, vorgetragen werden. Wer den gegenwärtigen Stand der Psychiatrie kennt, wird die Schwierigkeiten dieses Geschäfts zu beurtheilen vermögen. Die Anerkennung desselben wird heutzutage dadurch erschwert, dass sich der Unverstand des Wortes „Hypothesen“ bemächtigt hat, um Alles, was über seinen Horizont hinausgeht, weil es seiner Natur nach keines sinnlichen Nachweises mehr fähig ist, zu verdächtigen. Wenn sich diejenigen, welche die Principien für Nebensache halten und für soge- nannte Thatsachen und Practiken als den einzigen Inhalt der Wissenschaft schwärmen, mit einzelnen practischen Fragen der Psychiatrie, z. B. den forensischen beschäftigen wollten, so würden sie bald erkennen, ob Grund- sätze oder Facta die Praxis beherrschen.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/griesinger_psychische_1845
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/griesinger_psychische_1845/9
Zitationshilfe: Griesinger, Wilhelm: Die Pathologie und Therapie der psychischen Krankheiten, für Ärzte und Studierende. Stuttgart, 1845, S. [III]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/griesinger_psychische_1845/9>, abgerufen am 22.07.2019.