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Grillparzer, Franz: Sappho. Trauerspiel in fünf Aufzügen. Wien, 1819.

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Der Mund, der erst von Schmeicheln überflossen,
Er füllt sich bald mit Hohn und bitterm Spott.

Sie dürfen lieben, hassen was sie wollen,
Und was das Herz empfindet spricht die Lippe aus,
Sie zieret Gold und Purpur und Geschmeide,
Nach ihnen wendet staunend sich der Blick;
Der Sklavinn Platz ist an dem niedern Heerde,
Da trifft kein Blick sie, ach, und keine Frage,
Kein Auge, kein Gedanke und kein Wunsch! --

Ihr Götter, die ihr mich schon oft erhört,
Mit reicher Hand Erfüllung mir gesendet,
Wenn ich mit frommen Sinne zu euch flehte,
O leiht auch dießmahl mir ein gnädig Ohr!
Führt gütig mich zurücke zu den Meinen,
Daß ich an des Vertrauens weiche Brust
Die kummerheiße Stirne kühlend presse,
Führt zu den Meinen mich, ach, oder nehmt mich
Hinauf zu euch! -- Zu euch! -- Zu euch!
Vierter Auftritt.
Phaon. Melitta.
(Phaon, der während des vorigen Selbstgesprächs am
Eingange der Grotte erschienen ist, sich aber lauschend
zurückgezogen hat, tritt jetzt vor und legt Melitten von
hinten die Hand auf die Schulter.)

So jung noch, und so traurig, Mädchen?


Der Mund, der erſt von Schmeicheln überfloſſen,
Er füllt ſich bald mit Hohn und bitterm Spott.

Sie dürfen lieben, haſſen was ſie wollen,
Und was das Herz empfindet ſpricht die Lippe aus,
Sie zieret Gold und Purpur und Geſchmeide,
Nach ihnen wendet ſtaunend ſich der Blick;
Der Sklavinn Platz iſt an dem niedern Heerde,
Da trifft kein Blick ſie, ach, und keine Frage,
Kein Auge, kein Gedanke und kein Wunſch! —

Ihr Götter, die ihr mich ſchon oft erhört,
Mit reicher Hand Erfüllung mir geſendet,
Wenn ich mit frommen Sinne zu euch flehte,
O leiht auch dießmahl mir ein gnädig Ohr!
Führt gütig mich zurücke zu den Meinen,
Daß ich an des Vertrauens weiche Bruſt
Die kummerheiße Stirne kühlend preſſe,
Führt zu den Meinen mich, ach, oder nehmt mich
Hinauf zu euch! — Zu euch! — Zu euch!
Vierter Auftritt.
Phaon. Melitta.
(Phaon, der während des vorigen Selbſtgeſprächs am
Eingange der Grotte erſchienen iſt, ſich aber lauſchend
zurückgezogen hat, tritt jetzt vor und legt Melitten von
hinten die Hand auf die Schulter.)

So jung noch, und ſo traurig, Mädchen?


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[33/0043] Der Mund, der erſt von Schmeicheln überfloſſen, Er füllt ſich bald mit Hohn und bitterm Spott. Sie dürfen lieben, haſſen was ſie wollen, Und was das Herz empfindet ſpricht die Lippe aus, Sie zieret Gold und Purpur und Geſchmeide, Nach ihnen wendet ſtaunend ſich der Blick; Der Sklavinn Platz iſt an dem niedern Heerde, Da trifft kein Blick ſie, ach, und keine Frage, Kein Auge, kein Gedanke und kein Wunſch! — Ihr Götter, die ihr mich ſchon oft erhört, Mit reicher Hand Erfüllung mir geſendet, Wenn ich mit frommen Sinne zu euch flehte, O leiht auch dießmahl mir ein gnädig Ohr! Führt gütig mich zurücke zu den Meinen, Daß ich an des Vertrauens weiche Bruſt Die kummerheiße Stirne kühlend preſſe, Führt zu den Meinen mich, ach, oder nehmt mich Hinauf zu euch! — Zu euch! — Zu euch! Vierter Auftritt. Phaon. Melitta. (Phaon, der während des vorigen Selbſtgeſprächs am Eingange der Grotte erſchienen iſt, ſich aber lauſchend zurückgezogen hat, tritt jetzt vor und legt Melitten von hinten die Hand auf die Schulter.) So jung noch, und ſo traurig, Mädchen?

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Zitationshilfe: Grillparzer, Franz: Sappho. Trauerspiel in fünf Aufzügen. Wien, 1819. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/grillparzer_sappho_1819/43>, S. 33, abgerufen am 27.07.2017.