Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Grimm, Jacob: Deutsche Grammatik. Bd. 1. Göttingen, 1822.

Bild:
<< vorherige Seite
II. von der declination im allgemeinen.

Alle deutschen sprachen unterscheiden singularis und
pluralis; vom früheren dualis gibt es einige trümmer,
Sie unterscheiden vier casus: nominativ, genitiv, dativ,
accusativ; mit den formen des nom. fallen die des vo-
cativs, mit denen des dat. die des ablativs und instru-
mentalis zusammen. Allein auch des vocativs und in-
strum. früheres daseyn bewähren theilweise spuren. Spä-
terhin fällt der acc. zum nom., ja der dat. büßt seine
auszeichnung ein.

Ferner ist die unterscheidung der drei geschlechter
zu beobachten. Das masculinum besitzt deutlichere und
dauerhaftere form, das femininum mildere, weichere,
das neutr. eine der männlichen meistens ähnliche, nur
stumpfere. Einige weibliche declinationen stimmen bei-
nahe ganz zu den männlichen.

Keine der deutschen mundarten besitzt die casus in
vollkommener, ursprünglicher gestalt; vocale und cons.
haben sich vielfältig abgeschliffen und dadurch allmählig
vermischt, endlich aufgelöst. Die goth. sprache mag sich
hierin ungefähr zu der älteren, reineren verhalten, wie
sich die neuhochd. zur goth. verhält. Vollständigere,
schärfere casusformen können theils aus der analogie
und gegeneinanderhaltung der substantive, adjective und
pronomina gefolgert, theils aus der vergleichung urver-
wandter fremder sprachen vermuthet werden. Hierüber
läßt sich aber erst nach geschehener darstellung der ver-
schiedenen declinationen am schluße des ganzen urthei-
len, wo ich auch meine ansicht von der eigentlichen
bedeutung der casuszeichen entwickeln will.

Noch bleibt einer durch die gesammte deutsche
zunge waltenden unterscheidung zwischen siarker und
schwacher flexion zu erwähnen. Erstere ist die ältere
und (innerlich) einfachere; die schwache scheint durch
einschaltung eines zur declination anfangs unwesentlichen
bildungs-n entstanden, zeigt sich dem zufolge niemahls
an reinen wurzeln. Dieses bildungs-n führte schnellere
abschleifung der wahren casus herbei und erschien dann
als eigne, der declination wesentliche form. Beweis
und ausführung meiner behauptungen zu ende dieses
capitels; aufgestellt werden müßen aber nach dem un-
teischied starker und schwacher form alle deutsche de-
clinationen, da er historisch ein wirklicher geworden ist.



II. von der declination im allgemeinen.

Alle deutſchen ſprachen unterſcheiden ſingularis und
pluralis; vom früheren dualis gibt es einige trümmer,
Sie unterſcheiden vier caſus: nominativ, genitiv, dativ,
accuſativ; mit den formen des nom. fallen die des vo-
cativs, mit denen des dat. die des ablativs und inſtru-
mentalis zuſammen. Allein auch des vocativs und in-
ſtrum. früheres daſeyn bewähren theilweiſe ſpuren. Spä-
terhin fällt der acc. zum nom., ja der dat. büßt ſeine
auszeichnung ein.

Ferner iſt die unterſcheidung der drei geſchlechter
zu beobachten. Das maſculinum beſitzt deutlichere und
dauerhaftere form, das femininum mildere, weichere,
das neutr. eine der männlichen meiſtens ähnliche, nur
ſtumpfere. Einige weibliche declinationen ſtimmen bei-
nahe ganz zu den männlichen.

Keine der deutſchen mundarten beſitzt die caſus in
vollkommener, urſprünglicher geſtalt; vocale und conſ.
haben ſich vielfältig abgeſchliffen und dadurch allmählig
vermiſcht, endlich aufgelöſt. Die goth. ſprache mag ſich
hierin ungefähr zu der älteren, reineren verhalten, wie
ſich die neuhochd. zur goth. verhält. Vollſtändigere,
ſchärfere caſusformen können theils aus der analogie
und gegeneinanderhaltung der ſubſtantive, adjective und
pronomina gefolgert, theils aus der vergleichung urver-
wandter fremder ſprachen vermuthet werden. Hierüber
läßt ſich aber erſt nach geſchehener darſtellung der ver-
ſchiedenen declinationen am ſchluße des ganzen urthei-
len, wo ich auch meine anſicht von der eigentlichen
bedeutung der caſuszeichen entwickeln will.

Noch bleibt einer durch die geſammte deutſche
zunge waltenden unterſcheidung zwiſchen ſiarker und
ſchwacher flexion zu erwähnen. Erſtere iſt die ältere
und (innerlich) einfachere; die ſchwache ſcheint durch
einſchaltung eines zur declination anfangs unweſentlichen
bildungs-n entſtanden, zeigt ſich dem zufolge niemahls
an reinen wurzeln. Dieſes bildungs-n führte ſchnellere
abſchleifung der wahren caſus herbei und erſchien dann
als eigne, der declination weſentliche form. Beweis
und ausführung meiner behauptungen zu ende dieſes
capitels; aufgeſtellt werden müßen aber nach dem un-
teiſchied ſtarker und ſchwacher form alle deutſche de-
clinationen, da er hiſtoriſch ein wirklicher geworden iſt.



<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0623" n="597"/>
          <fw place="top" type="header">II. <hi rendition="#i">von der declination im allgemeinen.</hi></fw><lb/>
          <p>Alle deut&#x017F;chen &#x017F;prachen unter&#x017F;cheiden &#x017F;ingularis und<lb/>
pluralis; vom früheren dualis gibt es einige trümmer,<lb/>
Sie unter&#x017F;cheiden vier ca&#x017F;us: nominativ, genitiv, dativ,<lb/>
accu&#x017F;ativ; mit den formen des nom. fallen die des vo-<lb/>
cativs, mit denen des dat. die des ablativs und in&#x017F;tru-<lb/>
mentalis zu&#x017F;ammen. Allein auch des vocativs und in-<lb/>
&#x017F;trum. früheres da&#x017F;eyn bewähren theilwei&#x017F;e &#x017F;puren. Spä-<lb/>
terhin fällt der acc. zum nom., ja der dat. büßt &#x017F;eine<lb/>
auszeichnung ein.</p><lb/>
          <p>Ferner i&#x017F;t die unter&#x017F;cheidung der drei ge&#x017F;chlechter<lb/>
zu beobachten. Das ma&#x017F;culinum be&#x017F;itzt deutlichere und<lb/>
dauerhaftere form, das femininum mildere, weichere,<lb/>
das neutr. eine der männlichen mei&#x017F;tens ähnliche, nur<lb/>
&#x017F;tumpfere. Einige weibliche declinationen &#x017F;timmen bei-<lb/>
nahe ganz zu den männlichen.</p><lb/>
          <p>Keine der deut&#x017F;chen mundarten be&#x017F;itzt die ca&#x017F;us in<lb/>
vollkommener, ur&#x017F;prünglicher ge&#x017F;talt; vocale und con&#x017F;.<lb/>
haben &#x017F;ich vielfältig abge&#x017F;chliffen und dadurch allmählig<lb/>
vermi&#x017F;cht, endlich aufgelö&#x017F;t. Die goth. &#x017F;prache mag &#x017F;ich<lb/>
hierin ungefähr zu der älteren, reineren verhalten, wie<lb/>
&#x017F;ich die neuhochd. zur goth. verhält. Voll&#x017F;tändigere,<lb/>
&#x017F;chärfere ca&#x017F;usformen können theils aus der analogie<lb/>
und gegeneinanderhaltung der &#x017F;ub&#x017F;tantive, adjective und<lb/>
pronomina gefolgert, theils aus der vergleichung urver-<lb/>
wandter fremder &#x017F;prachen vermuthet werden. Hierüber<lb/>
läßt &#x017F;ich aber er&#x017F;t nach ge&#x017F;chehener dar&#x017F;tellung der ver-<lb/>
&#x017F;chiedenen declinationen am &#x017F;chluße des ganzen urthei-<lb/>
len, wo ich auch meine an&#x017F;icht von der eigentlichen<lb/>
bedeutung der ca&#x017F;uszeichen entwickeln will.</p><lb/>
          <p>Noch bleibt einer durch die ge&#x017F;ammte deut&#x017F;che<lb/>
zunge waltenden unter&#x017F;cheidung zwi&#x017F;chen <hi rendition="#i">&#x017F;iarker</hi> und<lb/><hi rendition="#i">&#x017F;chwacher</hi> flexion zu erwähnen. Er&#x017F;tere i&#x017F;t die ältere<lb/>
und (innerlich) einfachere; die &#x017F;chwache &#x017F;cheint durch<lb/>
ein&#x017F;chaltung eines zur declination anfangs unwe&#x017F;entlichen<lb/>
bildungs-n ent&#x017F;tanden, zeigt &#x017F;ich dem zufolge niemahls<lb/>
an reinen wurzeln. Die&#x017F;es bildungs-n führte &#x017F;chnellere<lb/>
ab&#x017F;chleifung der wahren ca&#x017F;us herbei und er&#x017F;chien dann<lb/>
als eigne, der declination we&#x017F;entliche form. Beweis<lb/>
und ausführung meiner behauptungen zu ende die&#x017F;es<lb/>
capitels; aufge&#x017F;tellt werden müßen aber nach dem un-<lb/>
tei&#x017F;chied &#x017F;tarker und &#x017F;chwacher form alle deut&#x017F;che de-<lb/>
clinationen, da er hi&#x017F;tori&#x017F;ch ein wirklicher geworden i&#x017F;t.</p><lb/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[597/0623] II. von der declination im allgemeinen. Alle deutſchen ſprachen unterſcheiden ſingularis und pluralis; vom früheren dualis gibt es einige trümmer, Sie unterſcheiden vier caſus: nominativ, genitiv, dativ, accuſativ; mit den formen des nom. fallen die des vo- cativs, mit denen des dat. die des ablativs und inſtru- mentalis zuſammen. Allein auch des vocativs und in- ſtrum. früheres daſeyn bewähren theilweiſe ſpuren. Spä- terhin fällt der acc. zum nom., ja der dat. büßt ſeine auszeichnung ein. Ferner iſt die unterſcheidung der drei geſchlechter zu beobachten. Das maſculinum beſitzt deutlichere und dauerhaftere form, das femininum mildere, weichere, das neutr. eine der männlichen meiſtens ähnliche, nur ſtumpfere. Einige weibliche declinationen ſtimmen bei- nahe ganz zu den männlichen. Keine der deutſchen mundarten beſitzt die caſus in vollkommener, urſprünglicher geſtalt; vocale und conſ. haben ſich vielfältig abgeſchliffen und dadurch allmählig vermiſcht, endlich aufgelöſt. Die goth. ſprache mag ſich hierin ungefähr zu der älteren, reineren verhalten, wie ſich die neuhochd. zur goth. verhält. Vollſtändigere, ſchärfere caſusformen können theils aus der analogie und gegeneinanderhaltung der ſubſtantive, adjective und pronomina gefolgert, theils aus der vergleichung urver- wandter fremder ſprachen vermuthet werden. Hierüber läßt ſich aber erſt nach geſchehener darſtellung der ver- ſchiedenen declinationen am ſchluße des ganzen urthei- len, wo ich auch meine anſicht von der eigentlichen bedeutung der caſuszeichen entwickeln will. Noch bleibt einer durch die geſammte deutſche zunge waltenden unterſcheidung zwiſchen ſiarker und ſchwacher flexion zu erwähnen. Erſtere iſt die ältere und (innerlich) einfachere; die ſchwache ſcheint durch einſchaltung eines zur declination anfangs unweſentlichen bildungs-n entſtanden, zeigt ſich dem zufolge niemahls an reinen wurzeln. Dieſes bildungs-n führte ſchnellere abſchleifung der wahren caſus herbei und erſchien dann als eigne, der declination weſentliche form. Beweis und ausführung meiner behauptungen zu ende dieſes capitels; aufgeſtellt werden müßen aber nach dem un- teiſchied ſtarker und ſchwacher form alle deutſche de- clinationen, da er hiſtoriſch ein wirklicher geworden iſt.

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_grammatik01_1822
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_grammatik01_1822/623
Zitationshilfe: Grimm, Jacob: Deutsche Grammatik. Bd. 1. Göttingen, 1822, S. 597. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_grammatik01_1822/623>, abgerufen am 23.09.2019.