Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder- und Haus-Märchen. Bd. 1. Berlin, 1812.

Bild:
<< vorherige Seite
75.
Vogel Phönix.

Eines Tags ging ein reicher Mann spazie-
ren an den Fluß, da kam ein kleines Kästchen
geschwommen, dies Kästchen nahm er und mach-
te den Deckel auf, da lag ein kleines Kind da-
rin, welches er mit heim nahm und aufziehen
ließ. Der Verwalter konnte aber das Kind
nicht leiden, und einmal nahm ers mit sich in
einem Kahn auf den Fluß, und als er mitten
darin war, sprang er schnell heraus ans Land,
und ließ das Kind allein im Kahn. Und der
Kahn trieb immer fort, bis an die Mühle, da
sah der Müller das Kind und erbarmte sich,
nahm es heraus und erzog es in seinem Haus.
Einmal aber kam von ungefähr der Verwalter
in dieselbe Mühle, erkannte das Kind und nahm
es mit sich. Bald darauf gab er dem jungen
Menschen einen Brief zu tragen an seine Frau,
worin stand: "den Ueberbringer dieses Briefs
sollst du den Augenblick umbringen." Unter-
wegs aber begegnete dem jungen Menschen im
Walde ein alter Mann, welcher sprach: weis'
mir doch einmal den Brief, den du da in der
Hand trägst! Da nahm er ihn, drehte ihn bloß
einmal herum und gab ihn wieder, nun stand
darin: dem Ueberbringer sollst du augenblicks

75.
Vogel Phoͤnix.

Eines Tags ging ein reicher Mann ſpazie-
ren an den Fluß, da kam ein kleines Kaͤſtchen
geſchwommen, dies Kaͤſtchen nahm er und mach-
te den Deckel auf, da lag ein kleines Kind da-
rin, welches er mit heim nahm und aufziehen
ließ. Der Verwalter konnte aber das Kind
nicht leiden, und einmal nahm ers mit ſich in
einem Kahn auf den Fluß, und als er mitten
darin war, ſprang er ſchnell heraus ans Land,
und ließ das Kind allein im Kahn. Und der
Kahn trieb immer fort, bis an die Muͤhle, da
ſah der Muͤller das Kind und erbarmte ſich,
nahm es heraus und erzog es in ſeinem Haus.
Einmal aber kam von ungefaͤhr der Verwalter
in dieſelbe Muͤhle, erkannte das Kind und nahm
es mit ſich. Bald darauf gab er dem jungen
Menſchen einen Brief zu tragen an ſeine Frau,
worin ſtand: „den Ueberbringer dieſes Briefs
ſollſt du den Augenblick umbringen.“ Unter-
wegs aber begegnete dem jungen Menſchen im
Walde ein alter Mann, welcher ſprach: weiſ'
mir doch einmal den Brief, den du da in der
Hand traͤgſt! Da nahm er ihn, drehte ihn bloß
einmal herum und gab ihn wieder, nun ſtand
darin: dem Ueberbringer ſollſt du augenblicks

<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0382" n="348"/>
      <div n="1">
        <head>75.<lb/><hi rendition="#g">Vogel Pho&#x0364;nix</hi>.</head><lb/>
        <p>Eines Tags ging ein reicher Mann &#x017F;pazie-<lb/>
ren an den Fluß, da kam ein kleines Ka&#x0364;&#x017F;tchen<lb/>
ge&#x017F;chwommen, dies Ka&#x0364;&#x017F;tchen nahm er und mach-<lb/>
te den Deckel auf, da lag ein kleines Kind da-<lb/>
rin, welches er mit heim nahm und aufziehen<lb/>
ließ. Der Verwalter konnte aber das Kind<lb/>
nicht leiden, und einmal nahm ers mit &#x017F;ich in<lb/>
einem Kahn auf den Fluß, und als er mitten<lb/>
darin war, &#x017F;prang er &#x017F;chnell heraus ans Land,<lb/>
und ließ das Kind allein im Kahn. Und der<lb/>
Kahn trieb immer fort, bis an die Mu&#x0364;hle, da<lb/>
&#x017F;ah der Mu&#x0364;ller das Kind und erbarmte &#x017F;ich,<lb/>
nahm es heraus und erzog es in &#x017F;einem Haus.<lb/>
Einmal aber kam von ungefa&#x0364;hr der Verwalter<lb/>
in die&#x017F;elbe Mu&#x0364;hle, erkannte das Kind und nahm<lb/>
es mit &#x017F;ich. Bald darauf gab er dem jungen<lb/>
Men&#x017F;chen einen Brief zu tragen an &#x017F;eine Frau,<lb/>
worin &#x017F;tand: &#x201E;den Ueberbringer die&#x017F;es Briefs<lb/>
&#x017F;oll&#x017F;t du den Augenblick umbringen.&#x201C; Unter-<lb/>
wegs aber begegnete dem jungen Men&#x017F;chen im<lb/>
Walde ein alter Mann, welcher &#x017F;prach: wei&#x017F;'<lb/>
mir doch einmal den Brief, den du da in der<lb/>
Hand tra&#x0364;g&#x017F;t! Da nahm er ihn, drehte ihn bloß<lb/>
einmal herum und gab ihn wieder, nun &#x017F;tand<lb/>
darin: dem Ueberbringer &#x017F;oll&#x017F;t du augenblicks<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[348/0382] 75. Vogel Phoͤnix. Eines Tags ging ein reicher Mann ſpazie- ren an den Fluß, da kam ein kleines Kaͤſtchen geſchwommen, dies Kaͤſtchen nahm er und mach- te den Deckel auf, da lag ein kleines Kind da- rin, welches er mit heim nahm und aufziehen ließ. Der Verwalter konnte aber das Kind nicht leiden, und einmal nahm ers mit ſich in einem Kahn auf den Fluß, und als er mitten darin war, ſprang er ſchnell heraus ans Land, und ließ das Kind allein im Kahn. Und der Kahn trieb immer fort, bis an die Muͤhle, da ſah der Muͤller das Kind und erbarmte ſich, nahm es heraus und erzog es in ſeinem Haus. Einmal aber kam von ungefaͤhr der Verwalter in dieſelbe Muͤhle, erkannte das Kind und nahm es mit ſich. Bald darauf gab er dem jungen Menſchen einen Brief zu tragen an ſeine Frau, worin ſtand: „den Ueberbringer dieſes Briefs ſollſt du den Augenblick umbringen.“ Unter- wegs aber begegnete dem jungen Menſchen im Walde ein alter Mann, welcher ſprach: weiſ' mir doch einmal den Brief, den du da in der Hand traͤgſt! Da nahm er ihn, drehte ihn bloß einmal herum und gab ihn wieder, nun ſtand darin: dem Ueberbringer ſollſt du augenblicks

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_maerchen01_1812
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_maerchen01_1812/382
Zitationshilfe: Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder- und Haus-Märchen. Bd. 1. Berlin, 1812, S. 348. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_maerchen01_1812/382>, abgerufen am 18.06.2019.