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Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder und Hausmärchen. 3. Aufl. Bd. 1. Göttingen, 1837.

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12.
Rapunzel.

Es war einmal ein Mann und eine Frau, die wünschten sich schon lange vergeblich ein Kind, endlich machte sich die Frau Hoffnung der liebe Gott werde ihren Wunsch erfüllen. Die Leute hatten in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster, daraus konnte man in einen prächtigen Garten sehen, der voll der schönsten Blumen und Kräuter stand, er war aber von einer hohen Mauer umgeben, und niemand wagte hinein zu gehen, weil er einer Zauberin gehörte, die große Macht hatte, und von aller Welt gefürchtet wurde. Eines Tags stand die Frau an diesem Fenster, und sah in den Garten hinab, da erblickte sie ein Beet, das mit den schönsten Rapunzeln bepflanzt war, und sie sahen so frisch und grün aus, daß sie lüstern wurde, und das größte Verlangen empfand von den Rapunzeln zu essen. Das Verlangen nahm jeden Tag zu, und da sie wußte daß sie keine davon bekommen konnte, so fiel sie ganz ab, sah blaß und elend aus. Da erschrack der Mann, und fragte 'was fehlt dir liebe Frau?' 'Ach,' antwortete sie, 'wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserm Hause zu essen kriege, so sterbe ich.' Der Mann, der sie gar lieb hatte, dachte 'eh du eine Frau sterben lässest, holst

12.
Rapunzel.

Es war einmal ein Mann und eine Frau, die wuͤnschten sich schon lange vergeblich ein Kind, endlich machte sich die Frau Hoffnung der liebe Gott werde ihren Wunsch erfuͤllen. Die Leute hatten in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster, daraus konnte man in einen praͤchtigen Garten sehen, der voll der schoͤnsten Blumen und Kraͤuter stand, er war aber von einer hohen Mauer umgeben, und niemand wagte hinein zu gehen, weil er einer Zauberin gehoͤrte, die große Macht hatte, und von aller Welt gefuͤrchtet wurde. Eines Tags stand die Frau an diesem Fenster, und sah in den Garten hinab, da erblickte sie ein Beet, das mit den schoͤnsten Rapunzeln bepflanzt war, und sie sahen so frisch und gruͤn aus, daß sie luͤstern wurde, und das groͤßte Verlangen empfand von den Rapunzeln zu essen. Das Verlangen nahm jeden Tag zu, und da sie wußte daß sie keine davon bekommen konnte, so fiel sie ganz ab, sah blaß und elend aus. Da erschrack der Mann, und fragte ‘was fehlt dir liebe Frau?’ ‘Ach,’ antwortete sie, ‘wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserm Hause zu essen kriege, so sterbe ich.’ Der Mann, der sie gar lieb hatte, dachte ‘eh du eine Frau sterben laͤssest, holst

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[76/0107] 12. Rapunzel. Es war einmal ein Mann und eine Frau, die wuͤnschten sich schon lange vergeblich ein Kind, endlich machte sich die Frau Hoffnung der liebe Gott werde ihren Wunsch erfuͤllen. Die Leute hatten in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster, daraus konnte man in einen praͤchtigen Garten sehen, der voll der schoͤnsten Blumen und Kraͤuter stand, er war aber von einer hohen Mauer umgeben, und niemand wagte hinein zu gehen, weil er einer Zauberin gehoͤrte, die große Macht hatte, und von aller Welt gefuͤrchtet wurde. Eines Tags stand die Frau an diesem Fenster, und sah in den Garten hinab, da erblickte sie ein Beet, das mit den schoͤnsten Rapunzeln bepflanzt war, und sie sahen so frisch und gruͤn aus, daß sie luͤstern wurde, und das groͤßte Verlangen empfand von den Rapunzeln zu essen. Das Verlangen nahm jeden Tag zu, und da sie wußte daß sie keine davon bekommen konnte, so fiel sie ganz ab, sah blaß und elend aus. Da erschrack der Mann, und fragte ‘was fehlt dir liebe Frau?’ ‘Ach,’ antwortete sie, ‘wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserm Hause zu essen kriege, so sterbe ich.’ Der Mann, der sie gar lieb hatte, dachte ‘eh du eine Frau sterben laͤssest, holst

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Zitationshilfe: Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder und Hausmärchen. 3. Aufl. Bd. 1. Göttingen, 1837, S. 76. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_maerchen01_1837/107>, abgerufen am 12.08.2020.