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Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder und Hausmärchen. 3. Aufl. Bd. 1. Göttingen, 1837.

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13.
Die drei Männlein im Walde.

Es war ein Mann, dem starb seine Frau, und eine Frau, der starb ihr Mann; und der Mann hatte eine Tochter, und die Frau hatte auch eine Tochter. Die Mädchen waren mit einander bekannt, und giengen zusammen spazieren, und kamen hernach zu der Frau ins Haus. Da sprach sie zu des Mannes Tochter 'hör, sag deinem Vater, ich wollt ihn heirathen, dann sollst du jeden Morgen dich in Milch waschen und Wein trinken, meine Tochter aber soll sich in Wasser waschen und Wasser trinken.' Das Mädchen gieng nach Haus, und erzählte seinem Vater was die Frau gesprochen hatte. Der Mann sprach 'was soll ich thun? das Heirathen ist eine Freude und ist auch eine Qual.' Endlich, weil er keinen Entschluß fassen konnte, zog er seinen Stiefel aus, und sagte 'nimm diesen Stiefel, der hat in der Sohle ein Loch, geh damit auf den Boden, häng ihn an den großen Nagel, und gieß dann Wasser hinein. Hält er das Wasser, so will ich wieder eine Frau nehmen, läufts aber durch, so will ich nicht.' Das Mädchen that wie ihm geheißen war: aber das Wasser zog das Loch zusammen, und der Stiefel ward voll bis obenhin. Nun verkündigte es seinem Vater wies ausgefallen war; er stieg selbst hinauf, und als er sah

13.
Die drei Maͤnnlein im Walde.

Es war ein Mann, dem starb seine Frau, und eine Frau, der starb ihr Mann; und der Mann hatte eine Tochter, und die Frau hatte auch eine Tochter. Die Maͤdchen waren mit einander bekannt, und giengen zusammen spazieren, und kamen hernach zu der Frau ins Haus. Da sprach sie zu des Mannes Tochter ‘hoͤr, sag deinem Vater, ich wollt ihn heirathen, dann sollst du jeden Morgen dich in Milch waschen und Wein trinken, meine Tochter aber soll sich in Wasser waschen und Wasser trinken.’ Das Maͤdchen gieng nach Haus, und erzaͤhlte seinem Vater was die Frau gesprochen hatte. Der Mann sprach ‘was soll ich thun? das Heirathen ist eine Freude und ist auch eine Qual.’ Endlich, weil er keinen Entschluß fassen konnte, zog er seinen Stiefel aus, und sagte ‘nimm diesen Stiefel, der hat in der Sohle ein Loch, geh damit auf den Boden, haͤng ihn an den großen Nagel, und gieß dann Wasser hinein. Haͤlt er das Wasser, so will ich wieder eine Frau nehmen, laͤufts aber durch, so will ich nicht.’ Das Maͤdchen that wie ihm geheißen war: aber das Wasser zog das Loch zusammen, und der Stiefel ward voll bis obenhin. Nun verkuͤndigte es seinem Vater wies ausgefallen war; er stieg selbst hinauf, und als er sah

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[81/0112] 13. Die drei Maͤnnlein im Walde. Es war ein Mann, dem starb seine Frau, und eine Frau, der starb ihr Mann; und der Mann hatte eine Tochter, und die Frau hatte auch eine Tochter. Die Maͤdchen waren mit einander bekannt, und giengen zusammen spazieren, und kamen hernach zu der Frau ins Haus. Da sprach sie zu des Mannes Tochter ‘hoͤr, sag deinem Vater, ich wollt ihn heirathen, dann sollst du jeden Morgen dich in Milch waschen und Wein trinken, meine Tochter aber soll sich in Wasser waschen und Wasser trinken.’ Das Maͤdchen gieng nach Haus, und erzaͤhlte seinem Vater was die Frau gesprochen hatte. Der Mann sprach ‘was soll ich thun? das Heirathen ist eine Freude und ist auch eine Qual.’ Endlich, weil er keinen Entschluß fassen konnte, zog er seinen Stiefel aus, und sagte ‘nimm diesen Stiefel, der hat in der Sohle ein Loch, geh damit auf den Boden, haͤng ihn an den großen Nagel, und gieß dann Wasser hinein. Haͤlt er das Wasser, so will ich wieder eine Frau nehmen, laͤufts aber durch, so will ich nicht.’ Das Maͤdchen that wie ihm geheißen war: aber das Wasser zog das Loch zusammen, und der Stiefel ward voll bis obenhin. Nun verkuͤndigte es seinem Vater wies ausgefallen war; er stieg selbst hinauf, und als er sah

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Zitationshilfe: Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder und Hausmärchen. 3. Aufl. Bd. 1. Göttingen, 1837, S. 81. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_maerchen01_1837/112>, abgerufen am 12.08.2020.