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Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder und Hausmärchen. 3. Aufl. Bd. 1. Göttingen, 1837.

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17.
Die weiße Schlange.

Es ist nun schon lange her, da lebte ein König dessen Weisheit im ganzen Lande berühmt war. Nichts blieb ihm unbekannt, und es war als ob ihm Nachricht von den verborgensten Dingen durch die Luft zugetragen würde. Er hatte aber eine seltsame Sitte. Jeden Mittag, wenn von der Tafel alles abgetragen und niemand mehr zugegen war, mußte ein vertrauter Diener noch eine Schüssel bringen. Sie war aber zugedeckt, und der Diener wußte selbst nicht was darin lag, und kein Mensch wußte es, denn der König deckte sie nicht eher auf und aß nicht davon bis er ganz allein war. Das hatte schon lange Zeit gedauert, da überkam eines Tages den Diener, als er die Schüssel wieder wegtrug, die Neugierde so heftig, daß er nicht widerstehen konnte, sondern die Schüssel in seine Kammer brachte. Er verschloß die Thüre sorgfältig, hob den Deckel auf, und da sah er daß eine weiße Schlange darin lag. Bei ihrem Anblick konnte er die Lust nicht zurückhalten, sie zu kosten; er schnitt ein Stückchen davon ab, und steckte es in den Mund. Kaum aber hatte es seine Zunge berührt, so hörte er vor seinem Fenster ein seltsames Gewisper von feinen Stimmen Er gieng und horchte,

17.
Die weiße Schlange.

Es ist nun schon lange her, da lebte ein Koͤnig dessen Weisheit im ganzen Lande beruͤhmt war. Nichts blieb ihm unbekannt, und es war als ob ihm Nachricht von den verborgensten Dingen durch die Luft zugetragen wuͤrde. Er hatte aber eine seltsame Sitte. Jeden Mittag, wenn von der Tafel alles abgetragen und niemand mehr zugegen war, mußte ein vertrauter Diener noch eine Schuͤssel bringen. Sie war aber zugedeckt, und der Diener wußte selbst nicht was darin lag, und kein Mensch wußte es, denn der Koͤnig deckte sie nicht eher auf und aß nicht davon bis er ganz allein war. Das hatte schon lange Zeit gedauert, da uͤberkam eines Tages den Diener, als er die Schuͤssel wieder wegtrug, die Neugierde so heftig, daß er nicht widerstehen konnte, sondern die Schuͤssel in seine Kammer brachte. Er verschloß die Thuͤre sorgfaͤltig, hob den Deckel auf, und da sah er daß eine weiße Schlange darin lag. Bei ihrem Anblick konnte er die Lust nicht zuruͤckhalten, sie zu kosten; er schnitt ein Stuͤckchen davon ab, und steckte es in den Mund. Kaum aber hatte es seine Zunge beruͤhrt, so hoͤrte er vor seinem Fenster ein seltsames Gewisper von feinen Stimmen Er gieng und horchte,

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[108/0139] 17. Die weiße Schlange. Es ist nun schon lange her, da lebte ein Koͤnig dessen Weisheit im ganzen Lande beruͤhmt war. Nichts blieb ihm unbekannt, und es war als ob ihm Nachricht von den verborgensten Dingen durch die Luft zugetragen wuͤrde. Er hatte aber eine seltsame Sitte. Jeden Mittag, wenn von der Tafel alles abgetragen und niemand mehr zugegen war, mußte ein vertrauter Diener noch eine Schuͤssel bringen. Sie war aber zugedeckt, und der Diener wußte selbst nicht was darin lag, und kein Mensch wußte es, denn der Koͤnig deckte sie nicht eher auf und aß nicht davon bis er ganz allein war. Das hatte schon lange Zeit gedauert, da uͤberkam eines Tages den Diener, als er die Schuͤssel wieder wegtrug, die Neugierde so heftig, daß er nicht widerstehen konnte, sondern die Schuͤssel in seine Kammer brachte. Er verschloß die Thuͤre sorgfaͤltig, hob den Deckel auf, und da sah er daß eine weiße Schlange darin lag. Bei ihrem Anblick konnte er die Lust nicht zuruͤckhalten, sie zu kosten; er schnitt ein Stuͤckchen davon ab, und steckte es in den Mund. Kaum aber hatte es seine Zunge beruͤhrt, so hoͤrte er vor seinem Fenster ein seltsames Gewisper von feinen Stimmen Er gieng und horchte,

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Zitationshilfe: Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder und Hausmärchen. 3. Aufl. Bd. 1. Göttingen, 1837, S. 108. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_maerchen01_1837/139>, abgerufen am 12.08.2020.