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Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder- und Haus-Märchen. Bd. 2. Berlin, 1815.

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und wollten ausreißen. Einer sprach zum andern:
"wenn wir aber gekriegt werden, hängt man uns
an den Galgenbaum; wie wollen wir das ma-
chen?" Sprach der andere: "da steht ein gro-
ßes Kornfeld, wenn wir hinein kriechen, findet
uns kein Mensch, das Heer kommt nicht hinein."
Das thaten sie und saßen zwei Tage und zwei
Nächte im Korn, hatten aber so großen Hunger,
daß sie beinah gestorben wären, denn sie durften
nicht heraus. Da sprachen sie: "was hilft uns
unser Ausreißen, wir müssen elendig im Korn
sterben." Indem kam ein feuriger Drache über
das Kornfeld durch die Luft geflogen, der sah sie
liegen und fragte: "was thut ihr drei da im
Korn?" Sie antworteten: "wir sind drei aus-
gerissene Soldaten, wir konnten von unserm Sold
nicht länger im Heer leben, nun müssen wir hier
Hungers sterben, weil das Heer rund herum liegt,
und wir nicht entrinnen können." "Wollt ihr
mir sieben Jahre dienen, sagte der Drache, so will
ich euch mitten durch's Heer führen, daß euch
niemand kriegen soll?" "Wir haben keine Wahl,
sprachen sie, und sind's zufrieden." Da nahm
sie der Drache in seine Klauen und unter seine
Fittiche und brachte sie durch die Luft über das
Heer weg in Sicherheit. Darnach ließ er sie
wieder zur Erde, er war aber der Teufel und gab
ihnen ein kleines Peitschgen, womit sie sich Geld
peitschen konnten, soviel sie wollten. "Damit,

und wollten ausreißen. Einer ſprach zum andern:
„wenn wir aber gekriegt werden, haͤngt man uns
an den Galgenbaum; wie wollen wir das ma-
chen?“ Sprach der andere: „da ſteht ein gro-
ßes Kornfeld, wenn wir hinein kriechen, findet
uns kein Menſch, das Heer kommt nicht hinein.“
Das thaten ſie und ſaßen zwei Tage und zwei
Naͤchte im Korn, hatten aber ſo großen Hunger,
daß ſie beinah geſtorben waͤren, denn ſie durften
nicht heraus. Da ſprachen ſie: „was hilft uns
unſer Ausreißen, wir muͤſſen elendig im Korn
ſterben.“ Indem kam ein feuriger Drache uͤber
das Kornfeld durch die Luft geflogen, der ſah ſie
liegen und fragte: „was thut ihr drei da im
Korn?“ Sie antworteten: „wir ſind drei aus-
geriſſene Soldaten, wir konnten von unſerm Sold
nicht laͤnger im Heer leben, nun muͤſſen wir hier
Hungers ſterben, weil das Heer rund herum liegt,
und wir nicht entrinnen koͤnnen.“ „Wollt ihr
mir ſieben Jahre dienen, ſagte der Drache, ſo will
ich euch mitten durch’s Heer fuͤhren, daß euch
niemand kriegen ſoll?“ „Wir haben keine Wahl,
ſprachen ſie, und ſind’s zufrieden.“ Da nahm
ſie der Drache in ſeine Klauen und unter ſeine
Fittiche und brachte ſie durch die Luft uͤber das
Heer weg in Sicherheit. Darnach ließ er ſie
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[200/0221] und wollten ausreißen. Einer ſprach zum andern: „wenn wir aber gekriegt werden, haͤngt man uns an den Galgenbaum; wie wollen wir das ma- chen?“ Sprach der andere: „da ſteht ein gro- ßes Kornfeld, wenn wir hinein kriechen, findet uns kein Menſch, das Heer kommt nicht hinein.“ Das thaten ſie und ſaßen zwei Tage und zwei Naͤchte im Korn, hatten aber ſo großen Hunger, daß ſie beinah geſtorben waͤren, denn ſie durften nicht heraus. Da ſprachen ſie: „was hilft uns unſer Ausreißen, wir muͤſſen elendig im Korn ſterben.“ Indem kam ein feuriger Drache uͤber das Kornfeld durch die Luft geflogen, der ſah ſie liegen und fragte: „was thut ihr drei da im Korn?“ Sie antworteten: „wir ſind drei aus- geriſſene Soldaten, wir konnten von unſerm Sold nicht laͤnger im Heer leben, nun muͤſſen wir hier Hungers ſterben, weil das Heer rund herum liegt, und wir nicht entrinnen koͤnnen.“ „Wollt ihr mir ſieben Jahre dienen, ſagte der Drache, ſo will ich euch mitten durch’s Heer fuͤhren, daß euch niemand kriegen ſoll?“ „Wir haben keine Wahl, ſprachen ſie, und ſind’s zufrieden.“ Da nahm ſie der Drache in ſeine Klauen und unter ſeine Fittiche und brachte ſie durch die Luft uͤber das Heer weg in Sicherheit. Darnach ließ er ſie wieder zur Erde, er war aber der Teufel und gab ihnen ein kleines Peitſchgen, womit ſie ſich Geld peitſchen konnten, ſoviel ſie wollten. „Damit,

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Zitationshilfe: Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder- und Haus-Märchen. Bd. 2. Berlin, 1815, S. 200. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_maerchen02_1815/221>, abgerufen am 05.04.2020.