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Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder- und Haus-Märchen. Bd. 2. Berlin, 1815.

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Dabei standen sie in einem Kreis und auf welchen
nun das Wort: "anschnien" fiel, der mußte
fortlaufen, und die andern liefen ihm nach und
fingen ihn. Wie sie so fröhlich dahinsprangen,
sah's die Stiefmutter vom Fenster mit an und
ärgerte sich. Weil sie aber Hexenkünste verstand,
so verwünschte sie beide, das Brüderchen in einen
Fisch und das Schwesterchen in ein Lamm. Da
schwamm das Fischchen im Teich hin und her und
war traurig und das Lämmchen ging auf der
Wiese hin und her und war traurig und fraß
nicht und rührte kein Hälmchen an. So ging
eine lange Zeit hin, da kamen fremde Gäste auf
das Schloß. Die falsche Stiefmutter dachte,
jetzt ist die Gelegenheit gut, rief den Koch und
sprach zu ihm: "geh und hol das Lamm von der
Wiese und schlachts, wir haben sonst nichts für
die Gäste." Da ging der Koch hin und holte das
Lämmchen und führte es in die Küche, band ihm
die Füßchen, das litt es alles geduldig, und wollts
abstechen. Wie er nun sein Messer herausgezo-
gen hatte und auf der Schwelle wetzte, sah es,
wie ein Fischlein in dem Wasser vor dem Gossen-
stein hin- und herschwamm und zu ihm hinauf-
blickte. Das war aber das Brüderchen, denn als
das Fischchen gesehen hatte, wie der Koch das
Lämmchen fortführte, war es mitgeschwommen
im Teich bis zum Haus. Da rief das Lämmchen
hinab:

Dabei ſtanden ſie in einem Kreis und auf welchen
nun das Wort: „anſchnien“ fiel, der mußte
fortlaufen, und die andern liefen ihm nach und
fingen ihn. Wie ſie ſo froͤhlich dahinſprangen,
ſah’s die Stiefmutter vom Fenſter mit an und
aͤrgerte ſich. Weil ſie aber Hexenkuͤnſte verſtand,
ſo verwuͤnſchte ſie beide, das Bruͤderchen in einen
Fiſch und das Schweſterchen in ein Lamm. Da
ſchwamm das Fiſchchen im Teich hin und her und
war traurig und das Laͤmmchen ging auf der
Wieſe hin und her und war traurig und fraß
nicht und ruͤhrte kein Haͤlmchen an. So ging
eine lange Zeit hin, da kamen fremde Gaͤſte auf
das Schloß. Die falſche Stiefmutter dachte,
jetzt iſt die Gelegenheit gut, rief den Koch und
ſprach zu ihm: „geh und hol das Lamm von der
Wieſe und ſchlachts, wir haben ſonſt nichts fuͤr
die Gaͤſte.“ Da ging der Koch hin und holte das
Laͤmmchen und fuͤhrte es in die Kuͤche, band ihm
die Fuͤßchen, das litt es alles geduldig, und wollts
abſtechen. Wie er nun ſein Meſſer herausgezo-
gen hatte und auf der Schwelle wetzte, ſah es,
wie ein Fiſchlein in dem Waſſer vor dem Goſſen-
ſtein hin- und herſchwamm und zu ihm hinauf-
blickte. Das war aber das Bruͤderchen, denn als
das Fiſchchen geſehen hatte, wie der Koch das
Laͤmmchen fortfuͤhrte, war es mitgeſchwommen
im Teich bis zum Haus. Da rief das Laͤmmchen
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[270/0291] Dabei ſtanden ſie in einem Kreis und auf welchen nun das Wort: „anſchnien“ fiel, der mußte fortlaufen, und die andern liefen ihm nach und fingen ihn. Wie ſie ſo froͤhlich dahinſprangen, ſah’s die Stiefmutter vom Fenſter mit an und aͤrgerte ſich. Weil ſie aber Hexenkuͤnſte verſtand, ſo verwuͤnſchte ſie beide, das Bruͤderchen in einen Fiſch und das Schweſterchen in ein Lamm. Da ſchwamm das Fiſchchen im Teich hin und her und war traurig und das Laͤmmchen ging auf der Wieſe hin und her und war traurig und fraß nicht und ruͤhrte kein Haͤlmchen an. So ging eine lange Zeit hin, da kamen fremde Gaͤſte auf das Schloß. Die falſche Stiefmutter dachte, jetzt iſt die Gelegenheit gut, rief den Koch und ſprach zu ihm: „geh und hol das Lamm von der Wieſe und ſchlachts, wir haben ſonſt nichts fuͤr die Gaͤſte.“ Da ging der Koch hin und holte das Laͤmmchen und fuͤhrte es in die Kuͤche, band ihm die Fuͤßchen, das litt es alles geduldig, und wollts abſtechen. Wie er nun ſein Meſſer herausgezo- gen hatte und auf der Schwelle wetzte, ſah es, wie ein Fiſchlein in dem Waſſer vor dem Goſſen- ſtein hin- und herſchwamm und zu ihm hinauf- blickte. Das war aber das Bruͤderchen, denn als das Fiſchchen geſehen hatte, wie der Koch das Laͤmmchen fortfuͤhrte, war es mitgeſchwommen im Teich bis zum Haus. Da rief das Laͤmmchen hinab:

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Zitationshilfe: Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder- und Haus-Märchen. Bd. 2. Berlin, 1815, S. 270. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_maerchen02_1815/291>, abgerufen am 28.03.2020.