Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder- und Haus-Märchen. Bd. 2. Berlin, 1815.

Bild:
<< vorherige Seite

Gaß auf Gaß ab zu Tode schleifen!" "Das bist
du, sprach der alte König, und dein eigen Urtheil
hast du gefunden und darnach soll dir widerfah-
ren," welches auch vollzogen wurde; der junge
König vermählte sich aber mit seiner rechten Ge-
mahlin und beide regirten ihr Reich in Frieden
und Seligkeit.

4.
Von einem jungen Riesen.

Ein Bauersmann hatte einen Sohn, der war
so groß wie ein Daumen und ward gar nicht grö-
ßer, und wuchs in etlichen Jahren nicht haarbreit.
Einmal wollte der Bauer ins Feld gehen und
pflügen, da sagte der kleine: "Vater, ich will mit
hinaus." "Nein, sprach der Vater, bleib du nur
hier, draußen bist du zu nichts nutz, du könntest
mir auch verloren gehen." Da fing der Däum-
ling an zu weinen, und wollte der Vater Ruhe
haben, mußt' er ihn mitnehmen. Also steckte er
ihn in die Tasche und auf dem Felde that er ihn
heraus und setzte ihn in eine frische Furche. Wie
er da so saß, kam über den Berg ein großer Riese
daher. "Siehst du dort den großen Butzemann,
sagte der Vater und wollte den Kleinen schrecken,
damit er artig wäre, der kommt und holt dich."
Der Riese aber hatte lange Beine, und wie er

Gaß auf Gaß ab zu Tode ſchleifen!“ „Das biſt
du, ſprach der alte Koͤnig, und dein eigen Urtheil
haſt du gefunden und darnach ſoll dir widerfah-
ren,“ welches auch vollzogen wurde; der junge
Koͤnig vermaͤhlte ſich aber mit ſeiner rechten Ge-
mahlin und beide regirten ihr Reich in Frieden
und Seligkeit.

4.
Von einem jungen Rieſen.

Ein Bauersmann hatte einen Sohn, der war
ſo groß wie ein Daumen und ward gar nicht groͤ-
ßer, und wuchs in etlichen Jahren nicht haarbreit.
Einmal wollte der Bauer ins Feld gehen und
pfluͤgen, da ſagte der kleine: „Vater, ich will mit
hinaus.“ „Nein, ſprach der Vater, bleib du nur
hier, draußen biſt du zu nichts nutz, du koͤnnteſt
mir auch verloren gehen.“ Da fing der Daͤum-
ling an zu weinen, und wollte der Vater Ruhe
haben, mußt’ er ihn mitnehmen. Alſo ſteckte er
ihn in die Taſche und auf dem Felde that er ihn
heraus und ſetzte ihn in eine friſche Furche. Wie
er da ſo ſaß, kam uͤber den Berg ein großer Rieſe
daher. „Siehſt du dort den großen Butzemann,
ſagte der Vater und wollte den Kleinen ſchrecken,
damit er artig waͤre, der kommt und holt dich.“
Der Rieſe aber hatte lange Beine, und wie er

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0046" n="25"/>
Gaß auf Gaß ab zu Tode &#x017F;chleifen!&#x201C; &#x201E;Das bi&#x017F;t<lb/>
du, &#x017F;prach der alte Ko&#x0364;nig, und dein eigen Urtheil<lb/>
ha&#x017F;t du gefunden und darnach &#x017F;oll dir widerfah-<lb/>
ren,&#x201C; welches auch vollzogen wurde; der junge<lb/>
Ko&#x0364;nig verma&#x0364;hlte &#x017F;ich aber mit &#x017F;einer rechten Ge-<lb/>
mahlin und beide regirten ihr Reich in Frieden<lb/>
und Seligkeit.</p>
      </div><lb/>
      <div n="1">
        <head>4.<lb/><hi rendition="#g">Von einem jungen Rie&#x017F;en</hi>.</head><lb/>
        <p>Ein Bauersmann hatte einen Sohn, der war<lb/>
&#x017F;o groß wie ein Daumen und ward gar nicht gro&#x0364;-<lb/>
ßer, und wuchs in etlichen Jahren nicht haarbreit.<lb/>
Einmal wollte der Bauer ins Feld gehen und<lb/>
pflu&#x0364;gen, da &#x017F;agte der kleine: &#x201E;Vater, ich will mit<lb/>
hinaus.&#x201C; &#x201E;Nein, &#x017F;prach der Vater, bleib du nur<lb/>
hier, draußen bi&#x017F;t du zu nichts nutz, du ko&#x0364;nnte&#x017F;t<lb/>
mir auch verloren gehen.&#x201C; Da fing der Da&#x0364;um-<lb/>
ling an zu weinen, und wollte der Vater Ruhe<lb/>
haben, mußt&#x2019; er ihn mitnehmen. Al&#x017F;o &#x017F;teckte er<lb/>
ihn in die Ta&#x017F;che und auf dem Felde that er ihn<lb/>
heraus und &#x017F;etzte ihn in eine fri&#x017F;che Furche. Wie<lb/>
er da &#x017F;o &#x017F;aß, kam u&#x0364;ber den Berg ein großer Rie&#x017F;e<lb/>
daher. &#x201E;Sieh&#x017F;t du dort den großen Butzemann,<lb/>
&#x017F;agte der Vater und wollte den Kleinen &#x017F;chrecken,<lb/>
damit er artig wa&#x0364;re, der kommt und holt dich.&#x201C;<lb/>
Der Rie&#x017F;e aber hatte lange Beine, und wie er<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[25/0046] Gaß auf Gaß ab zu Tode ſchleifen!“ „Das biſt du, ſprach der alte Koͤnig, und dein eigen Urtheil haſt du gefunden und darnach ſoll dir widerfah- ren,“ welches auch vollzogen wurde; der junge Koͤnig vermaͤhlte ſich aber mit ſeiner rechten Ge- mahlin und beide regirten ihr Reich in Frieden und Seligkeit. 4. Von einem jungen Rieſen. Ein Bauersmann hatte einen Sohn, der war ſo groß wie ein Daumen und ward gar nicht groͤ- ßer, und wuchs in etlichen Jahren nicht haarbreit. Einmal wollte der Bauer ins Feld gehen und pfluͤgen, da ſagte der kleine: „Vater, ich will mit hinaus.“ „Nein, ſprach der Vater, bleib du nur hier, draußen biſt du zu nichts nutz, du koͤnnteſt mir auch verloren gehen.“ Da fing der Daͤum- ling an zu weinen, und wollte der Vater Ruhe haben, mußt’ er ihn mitnehmen. Alſo ſteckte er ihn in die Taſche und auf dem Felde that er ihn heraus und ſetzte ihn in eine friſche Furche. Wie er da ſo ſaß, kam uͤber den Berg ein großer Rieſe daher. „Siehſt du dort den großen Butzemann, ſagte der Vater und wollte den Kleinen ſchrecken, damit er artig waͤre, der kommt und holt dich.“ Der Rieſe aber hatte lange Beine, und wie er

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_maerchen02_1815
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_maerchen02_1815/46
Zitationshilfe: Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder- und Haus-Märchen. Bd. 2. Berlin, 1815, S. 25. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_maerchen02_1815/46>, abgerufen am 09.04.2020.