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Grimm, Jacob: Über den altdeutschen Meistergesang. Göttingen, 1811.

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mag ebenso auf sich beruhen, als ich die nunmehrige Beschei-
denheit gewiß noch höher achten würde, wenn sie nicht nach
jener Consequenz, da sie auch auf mich ausgestreckt worden
ist (S. 76.) 1), für uns beide etwas Niederschlagendes haben
müßte. Er erklärte aber in jener Abhandlung hin und wieder
im Wesentlichen: man müsse, als worüber ich ganz hinausge-
gangen, auf die Verschiedenheit der Gegenstände des Meister-
und Minnegesangs Acht geben, eine Form habe am Ende je-
der Sang, allein das Lied für seine Gefühle verlange eine
ganz andere, wie die ernsihafte Betrachtung; und wenn in den
Minneliedern Wohllaut herrsche, so sey in den Meistergesängen
strenges Bauwerk wahrzunehmen, daher die Form anlangend,
jene sich in harmonischen Weisen darstellen, diese in beschlosse-
nen Strophen. Ich möge einmal für meine Meinung in der
ganzen Sammlung der Minnedichter von Veldeck an ein Lied
aufweisen, das mit den Meistersängen eines Frauenlob oder
Folz formell übereinkomme, und finde sich etwa Aehnlichkeit, so
sey sie gewiß zufällig; was später Verabrodung, Regel, frü-
herhin nur eine Zierde der Kunst. Alles das lasse sich an dem
Versmaß eines erzählenden berühmten Gedichts, des Tyturel,
ins Klare bringen, ob dieß gleich kein Meistersängerton, so
liege doch der Keim dazu in ihm vorgebildet 2), es sey ein
episch-lyrischer. Was die Namen betreffe, Minnesänger solle
man abschaffen, da diese Dichter mannichmal auch andere Sa-
chen besungen, dafür aber die älteren Meister Meistersin-
ger
und die späteren, wie üblich, Meistersänger nennen.

1) Es ist bei dieser Stelle vermuthlich auf zwei Aufsätze der Her-
ren von Hagen und Büsching abgesehen, worin diese ihre
Meinung über den streitigen Punet niedergelegt. Sie stehen
im erwähnten lit. Anz. 1808. gedruckt.
2) Die Unschicklichkeit in diesem gerade etwas anomalen Ton eine
Weissagung des späteren M. G. zu erblicken, hat Docen her-
nach selber erkannt. Davon unten mehr.

mag ebenſo auf ſich beruhen, als ich die nunmehrige Beſchei-
denheit gewiß noch hoͤher achten wuͤrde, wenn ſie nicht nach
jener Conſequenz, da ſie auch auf mich ausgeſtreckt worden
iſt (S. 76.) 1), fuͤr uns beide etwas Niederſchlagendes haben
muͤßte. Er erklaͤrte aber in jener Abhandlung hin und wieder
im Weſentlichen: man muͤſſe, als woruͤber ich ganz hinausge-
gangen, auf die Verſchiedenheit der Gegenſtaͤnde des Meiſter-
und Minnegeſangs Acht geben, eine Form habe am Ende je-
der Sang, allein das Lied fuͤr ſeine Gefuͤhle verlange eine
ganz andere, wie die ernſihafte Betrachtung; und wenn in den
Minneliedern Wohllaut herrſche, ſo ſey in den Meiſtergeſaͤngen
ſtrenges Bauwerk wahrzunehmen, daher die Form anlangend,
jene ſich in harmoniſchen Weiſen darſtellen, dieſe in beſchloſſe-
nen Strophen. Ich moͤge einmal fuͤr meine Meinung in der
ganzen Sammlung der Minnedichter von Veldeck an ein Lied
aufweiſen, das mit den Meiſterſaͤngen eines Frauenlob oder
Folz formell uͤbereinkomme, und finde ſich etwa Aehnlichkeit, ſo
ſey ſie gewiß zufaͤllig; was ſpaͤter Verabrodung, Regel, fruͤ-
herhin nur eine Zierde der Kunſt. Alles das laſſe ſich an dem
Versmaß eines erzaͤhlenden beruͤhmten Gedichts, des Tyturel,
ins Klare bringen, ob dieß gleich kein Meiſterſaͤngerton, ſo
liege doch der Keim dazu in ihm vorgebildet 2), es ſey ein
epiſch-lyriſcher. Was die Namen betreffe, Minneſaͤnger ſolle
man abſchaffen, da dieſe Dichter mannichmal auch andere Sa-
chen beſungen, dafuͤr aber die aͤlteren Meiſter Meiſterſin-
ger
und die ſpaͤteren, wie uͤblich, Meiſterſaͤnger nennen.

1) Es iſt bei dieſer Stelle vermuthlich auf zwei Aufſaͤtze der Her-
ren von Hagen und Buͤſching abgeſehen, worin dieſe ihre
Meinung uͤber den ſtreitigen Punet niedergelegt. Sie ſtehen
im erwaͤhnten lit. Anz. 1808. gedruckt.
2) Die Unſchicklichkeit in dieſem gerade etwas anomalen Ton eine
Weiſſagung des ſpaͤteren M. G. zu erblicken, hat Docen her-
nach ſelber erkannt. Davon unten mehr.
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[14/0024] mag ebenſo auf ſich beruhen, als ich die nunmehrige Beſchei- denheit gewiß noch hoͤher achten wuͤrde, wenn ſie nicht nach jener Conſequenz, da ſie auch auf mich ausgeſtreckt worden iſt (S. 76.) 1), fuͤr uns beide etwas Niederſchlagendes haben muͤßte. Er erklaͤrte aber in jener Abhandlung hin und wieder im Weſentlichen: man muͤſſe, als woruͤber ich ganz hinausge- gangen, auf die Verſchiedenheit der Gegenſtaͤnde des Meiſter- und Minnegeſangs Acht geben, eine Form habe am Ende je- der Sang, allein das Lied fuͤr ſeine Gefuͤhle verlange eine ganz andere, wie die ernſihafte Betrachtung; und wenn in den Minneliedern Wohllaut herrſche, ſo ſey in den Meiſtergeſaͤngen ſtrenges Bauwerk wahrzunehmen, daher die Form anlangend, jene ſich in harmoniſchen Weiſen darſtellen, dieſe in beſchloſſe- nen Strophen. Ich moͤge einmal fuͤr meine Meinung in der ganzen Sammlung der Minnedichter von Veldeck an ein Lied aufweiſen, das mit den Meiſterſaͤngen eines Frauenlob oder Folz formell uͤbereinkomme, und finde ſich etwa Aehnlichkeit, ſo ſey ſie gewiß zufaͤllig; was ſpaͤter Verabrodung, Regel, fruͤ- herhin nur eine Zierde der Kunſt. Alles das laſſe ſich an dem Versmaß eines erzaͤhlenden beruͤhmten Gedichts, des Tyturel, ins Klare bringen, ob dieß gleich kein Meiſterſaͤngerton, ſo liege doch der Keim dazu in ihm vorgebildet 2), es ſey ein epiſch-lyriſcher. Was die Namen betreffe, Minneſaͤnger ſolle man abſchaffen, da dieſe Dichter mannichmal auch andere Sa- chen beſungen, dafuͤr aber die aͤlteren Meiſter Meiſterſin- ger und die ſpaͤteren, wie uͤblich, Meiſterſaͤnger nennen. 1) Es iſt bei dieſer Stelle vermuthlich auf zwei Aufſaͤtze der Her- ren von Hagen und Buͤſching abgeſehen, worin dieſe ihre Meinung uͤber den ſtreitigen Punet niedergelegt. Sie ſtehen im erwaͤhnten lit. Anz. 1808. gedruckt. 2) Die Unſchicklichkeit in dieſem gerade etwas anomalen Ton eine Weiſſagung des ſpaͤteren M. G. zu erblicken, hat Docen her- nach ſelber erkannt. Davon unten mehr.

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Zitationshilfe: Grimm, Jacob: Über den altdeutschen Meistergesang. Göttingen, 1811, S. 14. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_meistergesang_1811/24>, abgerufen am 25.02.2020.