Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Grimm, Jacob: Über den altdeutschen Meistergesang. Göttingen, 1811.

Bild:
<< vorherige Seite

passen, die übrigen aber sie geradezu in sich darstellen. Mit-
hin kann schon jetzo fast kein Zweifel obwalten, daß die Regel
selbst gegolten, eher darf man sich wundern, daß in einer auf
das vielseitigste spielenden Reimkunst so wenig Abweichung von
einem Grundsatz in der That vorkomme, dessen Tiefe wohl
den meisten Dichtern unbewußt war. Wenigstens dürfte der,
welcher um der Ausnahmen willen, die Regel leugnete, sie
auch späterhin nicht mehr finden wollen, indem sich auch spä-
tere Anomalien aufweisen lassen werden, und worin wollte
dieser dann die Eigenthümlichkeit des spätern Meistergesanges
setzen? Von Allem ist nun im Einzelnen zu handeln.

I. Regel.

In allen Meistersängen, sowohl in den Minneliedern als
in denen der mittleren und letzten Periode erkenne ich folgen-
den Grundsatz:

Die ganze Strophe, oder das ganze Gesätz, hat drei Theile,
davon sind sich die zwei ersten gleich und stehen in nothwendi-
gem Band, der dritte steht allein und ist ihnen ungleich 30).
Ich werde der Bequemlichkeit wegen die bekanntesten Namen

30) Ich habe es schon vorhin zu dem Hauptfehler meines ersten
Aufsatzes gemacht, daß ich anfänglich dieses dreigliedrige Prin-
cip in einigen alten Minneliedern nicht anerkennen zu dürfen
wähnte. Dazu verleiteten mich einige Anomalien, die ich da-
mals nicht recht zu erklären wußte, dann die anscheinend glück-
liche historische Nachweisung des Namens der Stollen. (s. folg.
Note.) Jedoch muß ich ausdrücklich aufheben, daß mir Do-
cen
mit Unrecht S. 105. die Leugnung des dreigliedrigen Satzes
da zuschreibt, wo ich nur von früher nicht dagewesenen späte-
ren Kleinigkeiten spreche. Wie hätte ich die allersichtbarste Ei-
genschaft des späteren Meistergesangs eine Kleinigkeit heißen
können? Ich dachte aber bei dem Worte Abtheilungen an
nichts als das äußerliche Abtheilen und Absetzen in den Hand-
schriften, wie jeder Aufmerksame sogleich sehen wird.

paſſen, die uͤbrigen aber ſie geradezu in ſich darſtellen. Mit-
hin kann ſchon jetzo faſt kein Zweifel obwalten, daß die Regel
ſelbſt gegolten, eher darf man ſich wundern, daß in einer auf
das vielſeitigſte ſpielenden Reimkunſt ſo wenig Abweichung von
einem Grundſatz in der That vorkomme, deſſen Tiefe wohl
den meiſten Dichtern unbewußt war. Wenigſtens duͤrfte der,
welcher um der Ausnahmen willen, die Regel leugnete, ſie
auch ſpaͤterhin nicht mehr finden wollen, indem ſich auch ſpaͤ-
tere Anomalien aufweiſen laſſen werden, und worin wollte
dieſer dann die Eigenthuͤmlichkeit des ſpaͤtern Meiſtergeſanges
ſetzen? Von Allem iſt nun im Einzelnen zu handeln.

I. Regel.

In allen Meiſterſaͤngen, ſowohl in den Minneliedern als
in denen der mittleren und letzten Periode erkenne ich folgen-
den Grundſatz:

Die ganze Strophe, oder das ganze Geſaͤtz, hat drei Theile,
davon ſind ſich die zwei erſten gleich und ſtehen in nothwendi-
gem Band, der dritte ſteht allein und iſt ihnen ungleich 30).
Ich werde der Bequemlichkeit wegen die bekannteſten Namen

30) Ich habe es ſchon vorhin zu dem Hauptfehler meines erſten
Aufſatzes gemacht, daß ich anfaͤnglich dieſes dreigliedrige Prin-
cip in einigen alten Minneliedern nicht anerkennen zu duͤrfen
waͤhnte. Dazu verleiteten mich einige Anomalien, die ich da-
mals nicht recht zu erklaͤren wußte, dann die anſcheinend gluͤck-
liche hiſtoriſche Nachweiſung des Namens der Stollen. (ſ. folg.
Note.) Jedoch muß ich ausdruͤcklich aufheben, daß mir Do-
cen
mit Unrecht S. 105. die Leugnung des dreigliedrigen Satzes
da zuſchreibt, wo ich nur von fruͤher nicht dageweſenen ſpaͤte-
ren Kleinigkeiten ſpreche. Wie haͤtte ich die allerſichtbarſte Ei-
genſchaft des ſpaͤteren Meiſtergeſangs eine Kleinigkeit heißen
koͤnnen? Ich dachte aber bei dem Worte Abtheilungen an
nichts als das aͤußerliche Abtheilen und Abſetzen in den Hand-
ſchriften, wie jeder Aufmerkſame ſogleich ſehen wird.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0053" n="43"/>
pa&#x017F;&#x017F;en, die u&#x0364;brigen aber &#x017F;ie geradezu in &#x017F;ich dar&#x017F;tellen. Mit-<lb/>
hin kann &#x017F;chon jetzo fa&#x017F;t kein Zweifel obwalten, daß die Regel<lb/>
&#x017F;elb&#x017F;t gegolten, eher darf man &#x017F;ich wundern, daß in einer auf<lb/>
das viel&#x017F;eitig&#x017F;te &#x017F;pielenden Reimkun&#x017F;t &#x017F;o wenig Abweichung von<lb/>
einem Grund&#x017F;atz in der That vorkomme, de&#x017F;&#x017F;en Tiefe wohl<lb/>
den mei&#x017F;ten Dichtern unbewußt war. Wenig&#x017F;tens du&#x0364;rfte der,<lb/>
welcher um der Ausnahmen willen, die Regel leugnete, &#x017F;ie<lb/>
auch &#x017F;pa&#x0364;terhin nicht mehr finden wollen, indem &#x017F;ich auch &#x017F;pa&#x0364;-<lb/>
tere Anomalien aufwei&#x017F;en la&#x017F;&#x017F;en werden, und worin wollte<lb/>
die&#x017F;er dann die Eigenthu&#x0364;mlichkeit des &#x017F;pa&#x0364;tern Mei&#x017F;terge&#x017F;anges<lb/>
&#x017F;etzen? Von Allem i&#x017F;t nun im Einzelnen zu handeln.</p><lb/>
          <div n="3">
            <head><hi rendition="#aq">I.</hi><hi rendition="#g">Regel</hi>.</head><lb/>
            <p>In allen Mei&#x017F;ter&#x017F;a&#x0364;ngen, &#x017F;owohl in den Minneliedern als<lb/>
in denen der mittleren und letzten Periode erkenne ich folgen-<lb/>
den Grund&#x017F;atz:</p><lb/>
            <p>Die ganze Strophe, oder das ganze Ge&#x017F;a&#x0364;tz, hat drei Theile,<lb/>
davon &#x017F;ind &#x017F;ich die zwei er&#x017F;ten gleich und &#x017F;tehen in nothwendi-<lb/>
gem Band, der dritte &#x017F;teht allein und i&#x017F;t ihnen ungleich <note place="foot" n="30)">Ich habe es &#x017F;chon vorhin zu dem Hauptfehler meines er&#x017F;ten<lb/>
Auf&#x017F;atzes gemacht, daß ich anfa&#x0364;nglich die&#x017F;es dreigliedrige Prin-<lb/>
cip in einigen alten Minneliedern nicht anerkennen zu du&#x0364;rfen<lb/>
wa&#x0364;hnte. Dazu verleiteten mich einige Anomalien, die ich da-<lb/>
mals nicht recht zu erkla&#x0364;ren wußte, dann die an&#x017F;cheinend glu&#x0364;ck-<lb/>
liche hi&#x017F;tori&#x017F;che Nachwei&#x017F;ung des Namens der Stollen. (&#x017F;. folg.<lb/>
Note.) Jedoch muß ich ausdru&#x0364;cklich aufheben, daß mir <hi rendition="#g">Do-<lb/>
cen</hi> mit Unrecht S. 105. die Leugnung des dreigliedrigen Satzes<lb/>
da zu&#x017F;chreibt, wo ich nur von fru&#x0364;her nicht dagewe&#x017F;enen &#x017F;pa&#x0364;te-<lb/>
ren Kleinigkeiten &#x017F;preche. Wie ha&#x0364;tte ich die aller&#x017F;ichtbar&#x017F;te Ei-<lb/>
gen&#x017F;chaft des &#x017F;pa&#x0364;teren Mei&#x017F;terge&#x017F;angs eine Kleinigkeit heißen<lb/>
ko&#x0364;nnen? Ich dachte aber bei dem Worte Abtheilungen an<lb/>
nichts als das a&#x0364;ußerliche Abtheilen und Ab&#x017F;etzen in den Hand-<lb/>
&#x017F;chriften, wie jeder Aufmerk&#x017F;ame &#x017F;ogleich &#x017F;ehen wird.</note>.<lb/>
Ich werde der Bequemlichkeit wegen die bekannte&#x017F;ten Namen<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[43/0053] paſſen, die uͤbrigen aber ſie geradezu in ſich darſtellen. Mit- hin kann ſchon jetzo faſt kein Zweifel obwalten, daß die Regel ſelbſt gegolten, eher darf man ſich wundern, daß in einer auf das vielſeitigſte ſpielenden Reimkunſt ſo wenig Abweichung von einem Grundſatz in der That vorkomme, deſſen Tiefe wohl den meiſten Dichtern unbewußt war. Wenigſtens duͤrfte der, welcher um der Ausnahmen willen, die Regel leugnete, ſie auch ſpaͤterhin nicht mehr finden wollen, indem ſich auch ſpaͤ- tere Anomalien aufweiſen laſſen werden, und worin wollte dieſer dann die Eigenthuͤmlichkeit des ſpaͤtern Meiſtergeſanges ſetzen? Von Allem iſt nun im Einzelnen zu handeln. I. Regel. In allen Meiſterſaͤngen, ſowohl in den Minneliedern als in denen der mittleren und letzten Periode erkenne ich folgen- den Grundſatz: Die ganze Strophe, oder das ganze Geſaͤtz, hat drei Theile, davon ſind ſich die zwei erſten gleich und ſtehen in nothwendi- gem Band, der dritte ſteht allein und iſt ihnen ungleich 30). Ich werde der Bequemlichkeit wegen die bekannteſten Namen 30) Ich habe es ſchon vorhin zu dem Hauptfehler meines erſten Aufſatzes gemacht, daß ich anfaͤnglich dieſes dreigliedrige Prin- cip in einigen alten Minneliedern nicht anerkennen zu duͤrfen waͤhnte. Dazu verleiteten mich einige Anomalien, die ich da- mals nicht recht zu erklaͤren wußte, dann die anſcheinend gluͤck- liche hiſtoriſche Nachweiſung des Namens der Stollen. (ſ. folg. Note.) Jedoch muß ich ausdruͤcklich aufheben, daß mir Do- cen mit Unrecht S. 105. die Leugnung des dreigliedrigen Satzes da zuſchreibt, wo ich nur von fruͤher nicht dageweſenen ſpaͤte- ren Kleinigkeiten ſpreche. Wie haͤtte ich die allerſichtbarſte Ei- genſchaft des ſpaͤteren Meiſtergeſangs eine Kleinigkeit heißen koͤnnen? Ich dachte aber bei dem Worte Abtheilungen an nichts als das aͤußerliche Abtheilen und Abſetzen in den Hand- ſchriften, wie jeder Aufmerkſame ſogleich ſehen wird.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_meistergesang_1811
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_meistergesang_1811/53
Zitationshilfe: Grimm, Jacob: Über den altdeutschen Meistergesang. Göttingen, 1811, S. 43. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/grimm_meistergesang_1811/53>, abgerufen am 19.01.2020.