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German Schleifheim von Sulsfort [i. e. Grimmelshausen, Hans Jakob Christoffel von]: Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch. Monpelgart [i. e. Nürnberg], 1669.

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Deß Abentheurl. Simplicissimi
lige/ durch das Thal (so von dem See den Nahmen
habe) hinfleusi/ von Natur solche Fisch hervor brin-
ge/ da doch der Außlauff deß Sees in selbig Wasser
sich ergiesse.

Das XI. Capitel.

DJeser Letztern Außsag machte/ daß ich denen zu
erst bey nahe völligen Glauben zustellte/ und be-
wog meinen Fürwitz/ daß ich mich entschloß/ den
wunderbaren See zu beschauen; Von denen/ so ne-
ben mir alle Erzehlung gehört/ gab einer diß/ der an-
der jenes Urtheil darüber/ darauß denn ihre unter-
schiedliche und widereinander lauffende Meynungen
genugsam erhellten; Jch zwar sagte/ der Teutsche
Nahm Mummel-See gebe genugsam zu verste-
hen/ daß es umb ihn/ wie umb eine Mascarade, ein
verkapptes Wesen seye/ also daß nicht jeder seine Art
so wol als seine Tieffe ergründen könne/ die doch auch
noch nicht erfunden worden wäre/ da doch so Hohe
Personen sich dessen unterfangen hätten; gienge da-
mit an den jenigen Ort/ allwo ich vorm Jahr mein
verstorbenes Weib das erste mal sahe/ und das süsse
Gifft der Lieb einsoffe.

Daselbsten legte ich mich auff das grüne Gras in
Schatten nider/ ich achtet aber nicht mehr als hiebe-
vor/ was die Nachtigallen daher pfiffen/ sondern ich
betrachtete/ was vor Veränderung ich seithero er-
duldet; da stellte ich mir vor Augen/ daß ich an eben
demselbigen Ort den Anfang gemacht/ auß einem
freyen Kerl zu einem Knecht der Liebe zu werden/ daß
ich seithero auß einem Officier ein Bauer/ auß einem
reichen Bauer ein armer Edelmann/ auß einem Sim-

plicio

Deß Abentheurl. Simpliciſſimi
lige/ durch das Thal (ſo von dem See den Nahmen
habe) hinfleuſi/ von Natur ſolche Fiſch hervor brin-
ge/ da doch der Außlauff deß Sees in ſelbig Waſſer
ſich ergieſſe.

Das XI. Capitel.

DJeſer Letztern Außſag machte/ daß ich denen zu
erſt bey nahe voͤlligen Glauben zuſtellte/ und be-
wog meinen Fuͤrwitz/ daß ich mich entſchloß/ den
wunderbaren See zu beſchauen; Von denen/ ſo ne-
ben mir alle Erzehlung gehoͤrt/ gab einer diß/ der an-
der jenes Urtheil daruͤber/ darauß denn ihre unter-
ſchiedliche und widereinander lauffende Meynungen
genugſam erhellten; Jch zwar ſagte/ der Teutſche
Nahm Mummel-See gebe genugſam zu verſte-
hen/ daß es umb ihn/ wie umb eine Maſcarade, ein
verkapptes Weſen ſeye/ alſo daß nicht jeder ſeine Art
ſo wol als ſeine Tieffe ergruͤnden koͤnne/ die doch auch
noch nicht erfunden worden waͤre/ da doch ſo Hohe
Perſonen ſich deſſen unterfangen haͤtten; gienge da-
mit an den jenigen Ort/ allwo ich vorm Jahr mein
verſtorbenes Weib das erſte mal ſahe/ und das ſuͤſſe
Gifft der Lieb einſoffe.

Daſelbſten legte ich mich auff das gruͤne Gras in
Schatten nider/ ich achtet aber nicht mehr als hiebe-
vor/ was die Nachtigallen daher pfiffen/ ſondern ich
betrachtete/ was vor Veraͤnderung ich ſeithero er-
duldet; da ſtellte ich mir vor Augen/ daß ich an eben
demſelbigen Ort den Anfang gemacht/ auß einem
freyen Kerl zu einem Knecht der Liebe zu werden/ daß
ich ſeithero auß einem Officier ein Bauer/ auß einem
reichen Bauer ein armer Edelmann/ auß einem Sim-

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[542/0548] Deß Abentheurl. Simpliciſſimi lige/ durch das Thal (ſo von dem See den Nahmen habe) hinfleuſi/ von Natur ſolche Fiſch hervor brin- ge/ da doch der Außlauff deß Sees in ſelbig Waſſer ſich ergieſſe. Das XI. Capitel. DJeſer Letztern Außſag machte/ daß ich denen zu erſt bey nahe voͤlligen Glauben zuſtellte/ und be- wog meinen Fuͤrwitz/ daß ich mich entſchloß/ den wunderbaren See zu beſchauen; Von denen/ ſo ne- ben mir alle Erzehlung gehoͤrt/ gab einer diß/ der an- der jenes Urtheil daruͤber/ darauß denn ihre unter- ſchiedliche und widereinander lauffende Meynungen genugſam erhellten; Jch zwar ſagte/ der Teutſche Nahm Mummel-See gebe genugſam zu verſte- hen/ daß es umb ihn/ wie umb eine Maſcarade, ein verkapptes Weſen ſeye/ alſo daß nicht jeder ſeine Art ſo wol als ſeine Tieffe ergruͤnden koͤnne/ die doch auch noch nicht erfunden worden waͤre/ da doch ſo Hohe Perſonen ſich deſſen unterfangen haͤtten; gienge da- mit an den jenigen Ort/ allwo ich vorm Jahr mein verſtorbenes Weib das erſte mal ſahe/ und das ſuͤſſe Gifft der Lieb einſoffe. Daſelbſten legte ich mich auff das gruͤne Gras in Schatten nider/ ich achtet aber nicht mehr als hiebe- vor/ was die Nachtigallen daher pfiffen/ ſondern ich betrachtete/ was vor Veraͤnderung ich ſeithero er- duldet; da ſtellte ich mir vor Augen/ daß ich an eben demſelbigen Ort den Anfang gemacht/ auß einem freyen Kerl zu einem Knecht der Liebe zu werden/ daß ich ſeithero auß einem Officier ein Bauer/ auß einem reichen Bauer ein armer Edelmann/ auß einem Sim- plicio

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Zitationshilfe: German Schleifheim von Sulsfort [i. e. Grimmelshausen, Hans Jakob Christoffel von]: Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch. Monpelgart [i. e. Nürnberg], 1669, S. 542. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/grimmelshausen_simplicissimus_1669/548>, abgerufen am 20.02.2019.