Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Günther, Karl Gottlob: Europäisches Völkerrecht in Friedenszeiten nach Vernunft, Verträgen und Herkommen, mit Anwendung auf die teutschen Reichsstände. Bd. 1. Altenburg, 1787.

Bild:
<< vorherige Seite

und dem eingeführten Range der Nazionen.
ser kleinen Fürsten den Grund zur heutigen russischen
Monarchie gelegt und dessen Nachfolger den Titel: Czar
angenommen hatten, fing Rußland immer mehr und
mehr an, sich über andere europäische Nazionen zu erhe-
ben. Man wolte dem Titel: Czar, der eigentlich nichts
mehr als König sagen will, die Bedeutung: Caesar,
Imperator,
beilegen, und deshalb kaiserliche Ehrenbezei-
gungen verlangen. Die russischen Gesandten wurden
auch an einigen Höfen würklich vorzüglicher als andere
königliche behandelt. Durch die Annahme des Kaiser-
titels
im Jahr 1721 glaubte Rußland wahrscheinlich
den Vorrang vor allen übrigen Königen zu erlangen;
aber die meisten bedungen, bey Anerkennung dieses Ti-
tels, daß derselbe nicht das geringste Vorrecht weiter
bewürken solte a].

Demungeachtet verlangte der russische Gesandte bey
der Pforte 1742 die Audienz vor allen andern Gesand-
ten, den römisch-kaiserlichen ausgenommen b], und 1769
geschah von den russischen Ministern an den europäischen
Höfen die Erklärung: daß sie von ihrer Monarchin be-
fehligt wären, keinem Gesandten andrer Mächte, ausser
dem Römisch-kaiserlichen, nachzustehn; welches beson-
ders auf dem Reichstage zu Regensburg 1770 große
Bewegungen verursachte c]. Aber verschiedene Höfe
ließen dagegen ausdrücklich erklären, daß sie diesen Vor-
rang nicht gestatten würden.

Gegen Frankreich hatte Rußland schon 1701 Rang-
ansprüche, die iedoch ohne öffentliche Streitigkeiten ab-
liefen d]. Im Jahr 1784 entstanden deshalb neue Irr-
ungen zwischen den beiderseitigen Gesandschaften zu
Wien. Der russische erklärte bald nach seiner Ankunft
dem kaiserlich-königlichen Staatskanzler Fürsten von
Kaunitz schriftlich, daß er den burbonischen Ministern
nicht mehr den Vorrang lassen würde e]. Dies war um
so auffallender, da Frankreich, als es den russischen Kai-

ser-
Q 3

und dem eingefuͤhrten Range der Nazionen.
ſer kleinen Fuͤrſten den Grund zur heutigen ruſſiſchen
Monarchie gelegt und deſſen Nachfolger den Titel: Czar
angenommen hatten, fing Rußland immer mehr und
mehr an, ſich uͤber andere europaͤiſche Nazionen zu erhe-
ben. Man wolte dem Titel: Czar, der eigentlich nichts
mehr als Koͤnig ſagen will, die Bedeutung: Caeſar,
Imperator,
beilegen, und deshalb kaiſerliche Ehrenbezei-
gungen verlangen. Die ruſſiſchen Geſandten wurden
auch an einigen Hoͤfen wuͤrklich vorzuͤglicher als andere
koͤnigliche behandelt. Durch die Annahme des Kaiſer-
titels
im Jahr 1721 glaubte Rußland wahrſcheinlich
den Vorrang vor allen uͤbrigen Koͤnigen zu erlangen;
aber die meiſten bedungen, bey Anerkennung dieſes Ti-
tels, daß derſelbe nicht das geringſte Vorrecht weiter
bewuͤrken ſolte a].

Demungeachtet verlangte der ruſſiſche Geſandte bey
der Pforte 1742 die Audienz vor allen andern Geſand-
ten, den roͤmiſch-kaiſerlichen ausgenommen b], und 1769
geſchah von den ruſſiſchen Miniſtern an den europaͤiſchen
Hoͤfen die Erklaͤrung: daß ſie von ihrer Monarchin be-
fehligt waͤren, keinem Geſandten andrer Maͤchte, auſſer
dem Roͤmiſch-kaiſerlichen, nachzuſtehn; welches beſon-
ders auf dem Reichstage zu Regensburg 1770 große
Bewegungen verurſachte c]. Aber verſchiedene Hoͤfe
ließen dagegen ausdruͤcklich erklaͤren, daß ſie dieſen Vor-
rang nicht geſtatten wuͤrden.

Gegen Frankreich hatte Rußland ſchon 1701 Rang-
anſpruͤche, die iedoch ohne oͤffentliche Streitigkeiten ab-
liefen d]. Im Jahr 1784 entſtanden deshalb neue Irr-
ungen zwiſchen den beiderſeitigen Geſandſchaften zu
Wien. Der ruſſiſche erklaͤrte bald nach ſeiner Ankunft
dem kaiſerlich-koͤniglichen Staatskanzler Fuͤrſten von
Kaunitz ſchriftlich, daß er den burboniſchen Miniſtern
nicht mehr den Vorrang laſſen wuͤrde e]. Dies war um
ſo auffallender, da Frankreich, als es den ruſſiſchen Kai-

ſer-
Q 3
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0271" n="245"/><fw place="top" type="header">und dem eingefu&#x0364;hrten Range der Nazionen.</fw><lb/>
&#x017F;er kleinen Fu&#x0364;r&#x017F;ten den Grund zur heutigen ru&#x017F;&#x017F;i&#x017F;chen<lb/>
Monarchie gelegt und de&#x017F;&#x017F;en Nachfolger den Titel: <hi rendition="#fr">Czar</hi><lb/>
angenommen hatten, fing Rußland immer mehr und<lb/>
mehr an, &#x017F;ich u&#x0364;ber andere europa&#x0364;i&#x017F;che Nazionen zu erhe-<lb/>
ben. Man wolte dem Titel: <hi rendition="#fr">Czar</hi>, der eigentlich nichts<lb/>
mehr als Ko&#x0364;nig &#x017F;agen will, die Bedeutung: <hi rendition="#aq">Cae&#x017F;ar,<lb/>
Imperator,</hi> beilegen, und deshalb kai&#x017F;erliche Ehrenbezei-<lb/>
gungen verlangen. Die ru&#x017F;&#x017F;i&#x017F;chen Ge&#x017F;andten wurden<lb/>
auch an einigen Ho&#x0364;fen wu&#x0364;rklich vorzu&#x0364;glicher als andere<lb/>
ko&#x0364;nigliche behandelt. Durch die Annahme des <hi rendition="#fr">Kai&#x017F;er-<lb/>
titels</hi> im Jahr 1721 glaubte Rußland wahr&#x017F;cheinlich<lb/>
den Vorrang vor allen u&#x0364;brigen Ko&#x0364;nigen zu erlangen;<lb/>
aber die mei&#x017F;ten bedungen, bey Anerkennung die&#x017F;es Ti-<lb/>
tels, daß der&#x017F;elbe nicht das gering&#x017F;te Vorrecht weiter<lb/>
bewu&#x0364;rken &#x017F;olte <hi rendition="#aq"><hi rendition="#sup">a</hi></hi>].</p><lb/>
            <p>Demungeachtet verlangte der ru&#x017F;&#x017F;i&#x017F;che Ge&#x017F;andte bey<lb/>
der Pforte 1742 die Audienz vor allen andern Ge&#x017F;and-<lb/>
ten, den ro&#x0364;mi&#x017F;ch-kai&#x017F;erlichen ausgenommen <hi rendition="#aq"><hi rendition="#sup">b</hi></hi>], und 1769<lb/>
ge&#x017F;chah von den ru&#x017F;&#x017F;i&#x017F;chen Mini&#x017F;tern an den europa&#x0364;i&#x017F;chen<lb/>
Ho&#x0364;fen die Erkla&#x0364;rung: daß &#x017F;ie von ihrer Monarchin be-<lb/>
fehligt wa&#x0364;ren, keinem Ge&#x017F;andten andrer Ma&#x0364;chte, au&#x017F;&#x017F;er<lb/>
dem Ro&#x0364;mi&#x017F;ch-kai&#x017F;erlichen, nachzu&#x017F;tehn; welches be&#x017F;on-<lb/>
ders auf dem Reichstage zu Regensburg 1770 große<lb/>
Bewegungen verur&#x017F;achte <hi rendition="#aq"><hi rendition="#sup">c</hi></hi>]. Aber ver&#x017F;chiedene Ho&#x0364;fe<lb/>
ließen dagegen ausdru&#x0364;cklich erkla&#x0364;ren, daß &#x017F;ie die&#x017F;en Vor-<lb/>
rang nicht ge&#x017F;tatten wu&#x0364;rden.</p><lb/>
            <p>Gegen <hi rendition="#fr">Frankreich</hi> hatte Rußland &#x017F;chon 1701 Rang-<lb/>
an&#x017F;pru&#x0364;che, die iedoch ohne o&#x0364;ffentliche Streitigkeiten ab-<lb/>
liefen <hi rendition="#aq"><hi rendition="#sup">d</hi></hi>]. Im Jahr 1784 ent&#x017F;tanden deshalb neue Irr-<lb/>
ungen zwi&#x017F;chen den beider&#x017F;eitigen Ge&#x017F;and&#x017F;chaften zu<lb/>
Wien. Der ru&#x017F;&#x017F;i&#x017F;che erkla&#x0364;rte bald nach &#x017F;einer Ankunft<lb/>
dem kai&#x017F;erlich-ko&#x0364;niglichen Staatskanzler Fu&#x0364;r&#x017F;ten von<lb/>
Kaunitz &#x017F;chriftlich, daß er den burboni&#x017F;chen Mini&#x017F;tern<lb/>
nicht mehr den Vorrang la&#x017F;&#x017F;en wu&#x0364;rde <hi rendition="#aq"><hi rendition="#sup">e</hi></hi>]. Dies war um<lb/>
&#x017F;o auffallender, da Frankreich, als es den ru&#x017F;&#x017F;i&#x017F;chen Kai-<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">Q 3</fw><fw place="bottom" type="catch">&#x017F;er-</fw><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[245/0271] und dem eingefuͤhrten Range der Nazionen. ſer kleinen Fuͤrſten den Grund zur heutigen ruſſiſchen Monarchie gelegt und deſſen Nachfolger den Titel: Czar angenommen hatten, fing Rußland immer mehr und mehr an, ſich uͤber andere europaͤiſche Nazionen zu erhe- ben. Man wolte dem Titel: Czar, der eigentlich nichts mehr als Koͤnig ſagen will, die Bedeutung: Caeſar, Imperator, beilegen, und deshalb kaiſerliche Ehrenbezei- gungen verlangen. Die ruſſiſchen Geſandten wurden auch an einigen Hoͤfen wuͤrklich vorzuͤglicher als andere koͤnigliche behandelt. Durch die Annahme des Kaiſer- titels im Jahr 1721 glaubte Rußland wahrſcheinlich den Vorrang vor allen uͤbrigen Koͤnigen zu erlangen; aber die meiſten bedungen, bey Anerkennung dieſes Ti- tels, daß derſelbe nicht das geringſte Vorrecht weiter bewuͤrken ſolte a]. Demungeachtet verlangte der ruſſiſche Geſandte bey der Pforte 1742 die Audienz vor allen andern Geſand- ten, den roͤmiſch-kaiſerlichen ausgenommen b], und 1769 geſchah von den ruſſiſchen Miniſtern an den europaͤiſchen Hoͤfen die Erklaͤrung: daß ſie von ihrer Monarchin be- fehligt waͤren, keinem Geſandten andrer Maͤchte, auſſer dem Roͤmiſch-kaiſerlichen, nachzuſtehn; welches beſon- ders auf dem Reichstage zu Regensburg 1770 große Bewegungen verurſachte c]. Aber verſchiedene Hoͤfe ließen dagegen ausdruͤcklich erklaͤren, daß ſie dieſen Vor- rang nicht geſtatten wuͤrden. Gegen Frankreich hatte Rußland ſchon 1701 Rang- anſpruͤche, die iedoch ohne oͤffentliche Streitigkeiten ab- liefen d]. Im Jahr 1784 entſtanden deshalb neue Irr- ungen zwiſchen den beiderſeitigen Geſandſchaften zu Wien. Der ruſſiſche erklaͤrte bald nach ſeiner Ankunft dem kaiſerlich-koͤniglichen Staatskanzler Fuͤrſten von Kaunitz ſchriftlich, daß er den burboniſchen Miniſtern nicht mehr den Vorrang laſſen wuͤrde e]. Dies war um ſo auffallender, da Frankreich, als es den ruſſiſchen Kai- ſer- Q 3

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/guenther_voelkerrecht01_1787
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/guenther_voelkerrecht01_1787/271
Zitationshilfe: Günther, Karl Gottlob: Europäisches Völkerrecht in Friedenszeiten nach Vernunft, Verträgen und Herkommen, mit Anwendung auf die teutschen Reichsstände. Bd. 1. Altenburg, 1787, S. 245. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/guenther_voelkerrecht01_1787/271>, abgerufen am 19.06.2019.