Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Guts Muths, Johann Christoph Friedrich: Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und Geistes. Schnepfenthal, 1796.

Bild:
<< vorherige Seite
66. Die Freunde,
oder
der Wahrheitsspiegel.

Es ist eine bekannte Wahrheit, dass der unser
Freund sey, welcher uns unsre Fehler aufdeckt;
leider ist sie aber nie recht Mode gewesen. Viel-
leicht ist die Jugend dafür empfänglicher; we-
nigstens meine ich es recht gut, indem ich ihr
folgendes Spiel mittheile, das zwar schon ziem-
lich bekannt ist, aber hier etwas umgearbeitet
erscheint. Man theilt jedem von der Gesell-
schaft ein Octavblatt Papier mit, worauf er oben
seinen Namen als Ueberschrift sezt, dann rollt
jeder diess Blatt zusammen und wirft es, wie
beym Losen, in ein Behältniss. Ist diess gesche-
hen, so zieht nun jeder ein Blatt heraus und
schreibt unter den Namen etwas über die Per-
son, die er gezogen hat, nieder. Diess et-
was ist Tadel, entweder den körperlichen An-
stand im weitsten Sinne, oder das Verhalten der
Person betreffend, wie man das nun vorher aus
gemacht hat. -- Gebrechen des Körpers oder des
Geistes können als unwillkührliche Gegenstän-
de, wie sichs von selbst versteht, dem Tadel nie
mit unterworfen werden. -- Hat jeder seinen
kurzen Satz plan oder witzig, prosaisch oder
poetisch, doch immer mit Humanität und An-

66. Die Freunde,
oder
der Wahrheitsſpiegel.

Es iſt eine bekannte Wahrheit, daſs der unſer
Freund ſey, welcher uns unſre Fehler aufdeckt;
leider iſt ſie aber nie recht Mode geweſen. Viel-
leicht iſt die Jugend dafür empfänglicher; we-
nigſtens meine ich es recht gut, indem ich ihr
folgendes Spiel mittheile, das zwar ſchon ziem-
lich bekannt iſt, aber hier etwas umgearbeitet
erſcheint. Man theilt jedem von der Geſell-
ſchaft ein Octavblatt Papier mit, worauf er oben
ſeinen Namen als Ueberſchrift ſezt, dann rollt
jeder dieſs Blatt zuſammen und wirft es, wie
beym Loſen, in ein Behältniſs. Iſt dieſs geſche-
hen, ſo zieht nun jeder ein Blatt heraus und
ſchreibt unter den Namen etwas über die Per-
ſon, die er gezogen hat, nieder. Dieſs et-
was iſt Tadel, entweder den körperlichen An-
ſtand im weitſten Sinne, oder das Verhalten der
Perſon betreffend, wie man das nun vorher aus
gemacht hat. — Gebrechen des Körpers oder des
Geiſtes können als unwillkührliche Gegenſtän-
de, wie ſichs von ſelbſt verſteht, dem Tadel nie
mit unterworfen werden. — Hat jeder ſeinen
kurzen Satz plan oder witzig, proſaiſch oder
poëtiſch, doch immer mit Humanität und An-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <pb facs="#f0334" n="302"/>
            <div n="4">
              <head>66. Die Freunde,<lb/>
oder<lb/><hi rendition="#g">der Wahrheits&#x017F;piegel</hi>.</head><lb/>
              <p><hi rendition="#in">E</hi>s i&#x017F;t eine bekannte Wahrheit, da&#x017F;s der un&#x017F;er<lb/>
Freund &#x017F;ey, welcher uns un&#x017F;re Fehler aufdeckt;<lb/>
leider i&#x017F;t &#x017F;ie aber nie recht Mode gewe&#x017F;en. Viel-<lb/>
leicht i&#x017F;t die Jugend dafür empfänglicher; we-<lb/>
nig&#x017F;tens meine ich es recht gut, indem ich ihr<lb/>
folgendes Spiel mittheile, das zwar &#x017F;chon ziem-<lb/>
lich bekannt i&#x017F;t, aber hier etwas umgearbeitet<lb/>
er&#x017F;cheint. Man theilt jedem von der Ge&#x017F;ell-<lb/>
&#x017F;chaft ein Octavblatt Papier mit, worauf er oben<lb/>
&#x017F;einen Namen als Ueber&#x017F;chrift &#x017F;ezt, dann rollt<lb/>
jeder die&#x017F;s Blatt zu&#x017F;ammen und wirft es, wie<lb/>
beym Lo&#x017F;en, in ein Behältni&#x017F;s. I&#x017F;t die&#x017F;s ge&#x017F;che-<lb/>
hen, &#x017F;o zieht nun jeder ein Blatt heraus und<lb/>
&#x017F;chreibt unter den Namen etwas über die Per-<lb/>
&#x017F;on, die er gezogen hat, nieder. Die&#x017F;s et-<lb/>
was i&#x017F;t Tadel, entweder den körperlichen An-<lb/>
&#x017F;tand im weit&#x017F;ten Sinne, oder das Verhalten der<lb/>
Per&#x017F;on betreffend, wie man das nun vorher aus<lb/>
gemacht hat. &#x2014; Gebrechen des Körpers oder des<lb/>
Gei&#x017F;tes können als unwillkührliche Gegen&#x017F;tän-<lb/>
de, wie &#x017F;ichs von &#x017F;elb&#x017F;t ver&#x017F;teht, dem Tadel nie<lb/>
mit unterworfen werden. &#x2014; Hat jeder &#x017F;einen<lb/>
kurzen Satz plan oder witzig, pro&#x017F;ai&#x017F;ch oder<lb/>
poëti&#x017F;ch, doch immer mit Humanität und An-<lb/></p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[302/0334] 66. Die Freunde, oder der Wahrheitsſpiegel. Es iſt eine bekannte Wahrheit, daſs der unſer Freund ſey, welcher uns unſre Fehler aufdeckt; leider iſt ſie aber nie recht Mode geweſen. Viel- leicht iſt die Jugend dafür empfänglicher; we- nigſtens meine ich es recht gut, indem ich ihr folgendes Spiel mittheile, das zwar ſchon ziem- lich bekannt iſt, aber hier etwas umgearbeitet erſcheint. Man theilt jedem von der Geſell- ſchaft ein Octavblatt Papier mit, worauf er oben ſeinen Namen als Ueberſchrift ſezt, dann rollt jeder dieſs Blatt zuſammen und wirft es, wie beym Loſen, in ein Behältniſs. Iſt dieſs geſche- hen, ſo zieht nun jeder ein Blatt heraus und ſchreibt unter den Namen etwas über die Per- ſon, die er gezogen hat, nieder. Dieſs et- was iſt Tadel, entweder den körperlichen An- ſtand im weitſten Sinne, oder das Verhalten der Perſon betreffend, wie man das nun vorher aus gemacht hat. — Gebrechen des Körpers oder des Geiſtes können als unwillkührliche Gegenſtän- de, wie ſichs von ſelbſt verſteht, dem Tadel nie mit unterworfen werden. — Hat jeder ſeinen kurzen Satz plan oder witzig, proſaiſch oder poëtiſch, doch immer mit Humanität und An-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/gutsmuths_spiele_1796
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/gutsmuths_spiele_1796/334
Zitationshilfe: Guts Muths, Johann Christoph Friedrich: Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und Geistes. Schnepfenthal, 1796, S. 302. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/gutsmuths_spiele_1796/334>, abgerufen am 28.01.2020.