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Haeckel, Ernst: Die Welträthsel. Bonn, 1899.

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XIX.
Gegensatz der fundamentalen Principien
im Gebiete der monistischen und der dualistischen Philosophie.


1. Monismus (einheitliche
Weltanschauung
): Materielle
Körperwelt und immaterielle
Geisteswelt bilden ein einziges,
untrennbares und allumfassendes
Universum.
2. Pantheismus (und Atheis-
mus
), Deus intramundanus:
Welt und Gott bilden eine einzige
Substanz (Materie und Energie
sind untrennbare Attribute).
3. Genetismus (= Evolutis-
mus), Entwickelungslehre
:
Der Kosmos (= Universum) ist
ewig und unendlich, ist niemals
erschaffen und entwickelt sich nach
ewigen Naturgesetzen.
4. Naturalismus (und Rationis-
mus): Das Substanz-Gesetz

(Erhaltung der Materie und der
Energie) beherrscht alle Erschei-
nungen ohne Ausnahme; Alles
geht mit natürlichen Dingen zu.
5. Mechanismus (und Hylozois-
mus
): Es giebt keine beson-
dere Lebenskraft,
welche
den physikalischen und chemischen
Kräften unabhängig und selbst-
ständig gegenübersteht.
6. Thanatismus (Sterblichkeits-
Glaube
): Die Seele des Men-
schen ist kein selbstständiges, un-
sterbliches Wesen, sondern auf
natürlichem Wege aus der Thier-
seele entstanden, ein Komplex von
Gehirn-Funktionen.
1. Dualismus (zweiheitliche
Weltanschauung
): Materielle
Körperwelt und immaterielle
Geisteswelt sind zwei völlig ge-
trennte Gebiete (von einander
ganz unabhängig).
2. Theismus (und Deismus),
Deus extramundanus: Welt
und Gott sind zwei verschiedene
Substanzen (Materie und Energie
sind nur theilweise verknüpft).
3. Kreatismus (= Demiurgik),
Schöpfungslehre:
Der Kos-
mos (= Universum) ist weder
ewig noch unendlich, sondern
einmal (oder mehrmal) von Gott
aus Nichts erschaffen.
4. Supranaturalismus (und My-
sticismus): Das Substanz-
Gesetz
beherrscht nur einen Theil
der Natur: die Erscheinungen des
Geisteslebens sind davon unab-
hängig und übernatürlich.
5. Vitalismus (und Teleologie):
Die Lebenskraft
(Vis vita-
lis)
wirkt in der organischen Na-
tur zweckmäßig, unabhängig von
den physikalischen und chemischen
Kräften.
6. Athanismus (Unsterblich-
keits-Glaube
): Die Seele
des Menschen ist ein selbst-
ständiges, unsterbliches Wesen,
übernatürlich erschaffen, theil-
weise oder ganz unabhängig von
den Gehirn-Funktionen.


XIX.
Gegenſatz der fundamentalen Principien
im Gebiete der moniſtiſchen und der dualiſtiſchen Philoſophie.


1. Monismus (einheitliche
Weltanſchauung
): Materielle
Körperwelt und immaterielle
Geiſteswelt bilden ein einziges,
untrennbares und allumfaſſendes
Univerſum.
2. Pantheismus (und Atheis-
mus
), Deuſ intramundanuſ:
Welt und Gott bilden eine einzige
Subſtanz (Materie und Energie
ſind untrennbare Attribute).
3. Genetismus (= Evolutis-
mus), Entwickelungslehre
:
Der Kosmos (= Univerſum) iſt
ewig und unendlich, iſt niemals
erſchaffen und entwickelt ſich nach
ewigen Naturgeſetzen.
4. Naturalismus (und Rationis-
mus): Das Subſtanz-Geſetz

(Erhaltung der Materie und der
Energie) beherrſcht alle Erſchei-
nungen ohne Ausnahme; Alles
geht mit natürlichen Dingen zu.
5. Mechanismus (und Hylozois-
mus
): Eſ giebt keine beſon-
dere Lebenskraft,
welche
den phyſikaliſchen und chemiſchen
Kräften unabhängig und ſelbſt-
ſtändig gegenüberſteht.
6. Thanatismus (Sterblichkeits-
Glaube
): Die Seele des Men-
ſchen iſt kein ſelbſtſtändiges, un-
ſterbliches Weſen, ſondern auf
natürlichem Wege aus der Thier-
ſeele entſtanden, ein Komplex von
Gehirn-Funktionen.
1. Dualismus (zweiheitliche
Weltanſchauung
): Materielle
Körperwelt und immaterielle
Geiſteswelt ſind zwei völlig ge-
trennte Gebiete (von einander
ganz unabhängig).
2. Theismus (und Deismus),
Deuſ extramundanus: Welt
und Gott ſind zwei verſchiedene
Subſtanzen (Materie und Energie
ſind nur theilweiſe verknüpft).
3. Kreatismus (= Demiurgik),
Schöpfungslehre:
Der Kos-
mos (= Univerſum) iſt weder
ewig noch unendlich, ſondern
einmal (oder mehrmal) von Gott
aus Nichts erſchaffen.
4. Supranaturalismus (und My-
ſticismus): Das Subſtanz-
Geſetz
beherrſcht nur einen Theil
der Natur: die Erſcheinungen des
Geiſteslebens ſind davon unab-
hängig und übernatürlich.
5. Vitalismus (und Teleologie):
Die Lebenskraft
(Viſ vita-
liſ)
wirkt in der organiſchen Na-
tur zweckmäßig, unabhängig von
den phyſikaliſchen und chemiſchen
Kräften.
6. Athanismus (Unſterblich-
keits-Glaube
): Die Seele
des Menſchen iſt ein ſelbſt-
ſtändiges, unſterbliches Weſen,
übernatürlich erſchaffen, theil-
weiſe oder ganz unabhängig von
den Gehirn-Funktionen.


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[420/0436] XIX. Gegenſatz der fundamentalen Principien im Gebiete der moniſtiſchen und der dualiſtiſchen Philoſophie. 1. Monismus (einheitliche Weltanſchauung): Materielle Körperwelt und immaterielle Geiſteswelt bilden ein einziges, untrennbares und allumfaſſendes Univerſum. 2. Pantheismus (und Atheis- mus), Deuſ intramundanuſ: Welt und Gott bilden eine einzige Subſtanz (Materie und Energie ſind untrennbare Attribute). 3. Genetismus (= Evolutis- mus), Entwickelungslehre: Der Kosmos (= Univerſum) iſt ewig und unendlich, iſt niemals erſchaffen und entwickelt ſich nach ewigen Naturgeſetzen. 4. Naturalismus (und Rationis- mus): Das Subſtanz-Geſetz (Erhaltung der Materie und der Energie) beherrſcht alle Erſchei- nungen ohne Ausnahme; Alles geht mit natürlichen Dingen zu. 5. Mechanismus (und Hylozois- mus): Eſ giebt keine beſon- dere Lebenskraft, welche den phyſikaliſchen und chemiſchen Kräften unabhängig und ſelbſt- ſtändig gegenüberſteht. 6. Thanatismus (Sterblichkeits- Glaube): Die Seele des Men- ſchen iſt kein ſelbſtſtändiges, un- ſterbliches Weſen, ſondern auf natürlichem Wege aus der Thier- ſeele entſtanden, ein Komplex von Gehirn-Funktionen. 1. Dualismus (zweiheitliche Weltanſchauung): Materielle Körperwelt und immaterielle Geiſteswelt ſind zwei völlig ge- trennte Gebiete (von einander ganz unabhängig). 2. Theismus (und Deismus), Deuſ extramundanus: Welt und Gott ſind zwei verſchiedene Subſtanzen (Materie und Energie ſind nur theilweiſe verknüpft). 3. Kreatismus (= Demiurgik), Schöpfungslehre: Der Kos- mos (= Univerſum) iſt weder ewig noch unendlich, ſondern einmal (oder mehrmal) von Gott aus Nichts erſchaffen. 4. Supranaturalismus (und My- ſticismus): Das Subſtanz- Geſetz beherrſcht nur einen Theil der Natur: die Erſcheinungen des Geiſteslebens ſind davon unab- hängig und übernatürlich. 5. Vitalismus (und Teleologie): Die Lebenskraft (Viſ vita- liſ) wirkt in der organiſchen Na- tur zweckmäßig, unabhängig von den phyſikaliſchen und chemiſchen Kräften. 6. Athanismus (Unſterblich- keits-Glaube): Die Seele des Menſchen iſt ein ſelbſt- ſtändiges, unſterbliches Weſen, übernatürlich erſchaffen, theil- weiſe oder ganz unabhängig von den Gehirn-Funktionen.

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Zitationshilfe: Haeckel, Ernst: Die Welträthsel. Bonn, 1899, S. 420. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haeckel_weltraethsel_1899/436>, abgerufen am 12.12.2019.