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Haller, Albrecht von: Anfangsgründe der Phisiologie des menschlichen Körpers. Bd. 4. Berlin, 1768.

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Das Gehirn und die Nerven. X. Buch.
§. 37.
Es sind auch nicht die Wunden des Rückenmar-
kes allezeit und auf der Stelle tödtlich.

Eben so geht auch dasienige, was man von der
äussersten Tödlichkeit der Wunden des Rückenmarkes lie-
set, ein wenig zu weit.

Ein Hund, dessen Rückenmark man durchborte,
lebte eine halbe Stunde [Spaltenumbruch] a, und verschiedene Stunden
hinter einander b. Es hatte am Menschen ein Theil des
Rückenmarkes den kalten Brand, und dennoch starb der
Mensch erst am eilften Tage darauf c. Da sich iemand
das zweite Wirbelbein verrenkt hatte, verzog es sich lan-
ge mit dem Tode, und zwar bis zum vierten Tage [Spaltenumbruch] d.
Der Tod folgte erst den funfzigsten Tag auf eine Hals-
wunde, in der ein verdorbner Saft in den Raum neben
dem Rückenmarke hinabgesunken war e. Es starb ie-
mand erst den siebenten Tag, ob man gleich in sein Rü-
ckenmark, zwischen dem vierten und fünften Halswirbel,
einen Schnitt gemacht hatte f. Es blieb iemand le-
ben, dessen Halswirbel mit dem Knochen des Kopfes
steif zusammen gewachsen waren, und es hatte sich das
zweite Wirbelbein aus seinem Lager so weit nach hinten
verrückt, daß kaum ein Zwischenraum von drei Linien,
zwischen dem Zahne deises Wirbelbeines und dem hin-
tern Bogen des Atlas (Hauptträger) übrig war g. Die
Sache wird an Thieren von kaltem Blute noch viel deut-
licher, und ein solches Thier lebt noch einige Tage, wenn

man
a Zinn exp. 5. add. Zimmer-
mann
p. 35. Exp. nostr.
156. 157.
158.
b Exp. 161.
c Bonnet prodr. anat. pract.
c.
41.
d Duverney des maladies des
os. p.
244. Lange Zeit Panarolus
Pent. 2. obs.
26.
e Rauschert de carie oss. p. 21.
f Welsch lethal. vulner.
g Daubenton. descript. du Ca-
binet du Roi T. III. p.
99.
Das Gehirn und die Nerven. X. Buch.
§. 37.
Es ſind auch nicht die Wunden des Ruͤckenmar-
kes allezeit und auf der Stelle toͤdtlich.

Eben ſo geht auch dasienige, was man von der
aͤuſſerſten Toͤdlichkeit der Wunden des Ruͤckenmarkes lie-
ſet, ein wenig zu weit.

Ein Hund, deſſen Ruͤckenmark man durchborte,
lebte eine halbe Stunde [Spaltenumbruch] a, und verſchiedene Stunden
hinter einander b. Es hatte am Menſchen ein Theil des
Ruͤckenmarkes den kalten Brand, und dennoch ſtarb der
Menſch erſt am eilften Tage darauf c. Da ſich iemand
das zweite Wirbelbein verrenkt hatte, verzog es ſich lan-
ge mit dem Tode, und zwar bis zum vierten Tage [Spaltenumbruch] d.
Der Tod folgte erſt den funfzigſten Tag auf eine Hals-
wunde, in der ein verdorbner Saft in den Raum neben
dem Ruͤckenmarke hinabgeſunken war e. Es ſtarb ie-
mand erſt den ſiebenten Tag, ob man gleich in ſein Ruͤ-
ckenmark, zwiſchen dem vierten und fuͤnften Halswirbel,
einen Schnitt gemacht hatte f. Es blieb iemand le-
ben, deſſen Halswirbel mit dem Knochen des Kopfes
ſteif zuſammen gewachſen waren, und es hatte ſich das
zweite Wirbelbein aus ſeinem Lager ſo weit nach hinten
verruͤckt, daß kaum ein Zwiſchenraum von drei Linien,
zwiſchen dem Zahne deiſes Wirbelbeines und dem hin-
tern Bogen des Atlas (Haupttraͤger) uͤbrig war g. Die
Sache wird an Thieren von kaltem Blute noch viel deut-
licher, und ein ſolches Thier lebt noch einige Tage, wenn

man
a Zinn exp. 5. add. Zimmer-
mann
p. 35. Exp. noſtr.
156. 157.
158.
b Exp. 161.
c Bonnet prodr. anat. pract.
c.
41.
d Duverney des maladies des
os. p.
244. Lange Zeit Panarolus
Pent. 2. obſ.
26.
e Rauſchert de carie oſſ. p. 21.
f Welſch lethal. vulner.
g Daubenton. deſcript. du Ca-
binet du Roi T. III. p.
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[552/0588] Das Gehirn und die Nerven. X. Buch. §. 37. Es ſind auch nicht die Wunden des Ruͤckenmar- kes allezeit und auf der Stelle toͤdtlich. Eben ſo geht auch dasienige, was man von der aͤuſſerſten Toͤdlichkeit der Wunden des Ruͤckenmarkes lie- ſet, ein wenig zu weit. Ein Hund, deſſen Ruͤckenmark man durchborte, lebte eine halbe Stunde a, und verſchiedene Stunden hinter einander b. Es hatte am Menſchen ein Theil des Ruͤckenmarkes den kalten Brand, und dennoch ſtarb der Menſch erſt am eilften Tage darauf c. Da ſich iemand das zweite Wirbelbein verrenkt hatte, verzog es ſich lan- ge mit dem Tode, und zwar bis zum vierten Tage d. Der Tod folgte erſt den funfzigſten Tag auf eine Hals- wunde, in der ein verdorbner Saft in den Raum neben dem Ruͤckenmarke hinabgeſunken war e. Es ſtarb ie- mand erſt den ſiebenten Tag, ob man gleich in ſein Ruͤ- ckenmark, zwiſchen dem vierten und fuͤnften Halswirbel, einen Schnitt gemacht hatte f. Es blieb iemand le- ben, deſſen Halswirbel mit dem Knochen des Kopfes ſteif zuſammen gewachſen waren, und es hatte ſich das zweite Wirbelbein aus ſeinem Lager ſo weit nach hinten verruͤckt, daß kaum ein Zwiſchenraum von drei Linien, zwiſchen dem Zahne deiſes Wirbelbeines und dem hin- tern Bogen des Atlas (Haupttraͤger) uͤbrig war g. Die Sache wird an Thieren von kaltem Blute noch viel deut- licher, und ein ſolches Thier lebt noch einige Tage, wenn man a Zinn exp. 5. add. Zimmer- mann p. 35. Exp. noſtr. 156. 157. 158. b Exp. 161. c Bonnet prodr. anat. pract. c. 41. d Duverney des maladies des os. p. 244. Lange Zeit Panarolus Pent. 2. obſ. 26. e Rauſchert de carie oſſ. p. 21. f Welſch lethal. vulner. g Daubenton. deſcript. du Ca- binet du Roi T. III. p. 99.

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Zitationshilfe: Haller, Albrecht von: Anfangsgründe der Phisiologie des menschlichen Körpers. Bd. 4. Berlin, 1768, S. 552. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_anfangsgruende04_1768/588>, abgerufen am 19.10.2019.