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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Absetzung Johannes' XII.
in Toskana fortsetzten, hatte sich der alte König in die uneinnehmbare
Burg San Leo bei Montefeltro geworfen. Sie lag in dem Teil des
Kirchenstaats, um dessen Wiedererlangung es dem Papst zu tun war.
Otto belagerte die Burg, nahm die Umgebung in Besitz, aber dem
Papst ließ er nirgends huldigen. Vorstellungen, die dieser ihm machen
ließ, wies er als unangebracht zurück. Von Überweisung der Landschaft,
die er selbst neu geschenkt hatte, war vollends nicht die Rede.

Des Kaisers Verhalten bewirkte, daß in Rom die Stimmung um-
schlug. Eine Richtung, die wohl schon vorher das Bündnis mit den
Deutschen mißbilligt hatte, gewann die Oberhand und zog den jungen
Papst mit sich. Jm geheimen knüpfte er mit König Adalbert an. Ge-
sandte wurden abgefertigt, die die Griechen zu Hilfe rufen und die
Ungarn zum Einfall in Deutschland veranlassen sollten. Sie wurden
abgefangen, und die Briefe, die man bei ihnen fand, lieferten den Be-
weis für des Papstes Verrat. Dieser ließ nun die Maske fallen, ge-
währte Adalbert Aufnahme in die Stadt und richtete sich zur Ver-
teidigung ein. Jn voller Rüstung sah man ihn unter den Truppen sich
bewegen, wo er sich ohne Zweifel besser am Platz fühlte als am Altar.
Aber als Otto, von Gegnern des Papstes herbeigerufen, vor Rom er-
schien, zogen Johannes und Adalbert es vor, die Stadt zu verlassen.
Adalbert ging zu den Sarazenen nach Korsika, Johannes nahm seinen
Sitz in Tivoli. Die Römer öffneten dem Kaiser die Tore, erneuerten
den Treueid und gelobten, künftig keinen Papst zu wählen oder zu
weihen ohne die Zustimmung des Kaisers und seines Sohnes. Otto
konnte nun darangehen, den Gegner unschädlich zu machen, indem er ihn
an seiner kirchlichen Würde faßte. Eine Synode, der er persönlich vor-
saß, wie es die Kaiser des Ostens so oft getan hatten, trat zusammen,
über fünfzig Bischöfe aus dem römischen Gebiet und dem italischen
Königreich, darunter der Patriarch von Aquileja, die Erzbischöfe von
Mailand und Ravenna, auch vier Deutsche, ferner siebzehn Kardinäle,
die Beamten der Kurie, zwölf Herren vom Adel und ein Vertreter
des römischen Volkes. Die Anklage gegen Johannes XII. zählte eine
Menge Verfehlungen gegen Amtspflicht und Sitte auf: Ehebruch,
Blutschande, ungeistliches Gebaren, Verhöhnung der Sakramente,
Ämterhandel und heidnische Reden. Ob alles der Wahrheit entsprach,
lassen wir dahingestellt, wiewohl die ganze Versammlung aus einem
Munde auf des Kaisers Frage die Wahrheit der Anschuldigungen bei

Abſetzung Johannes' XII.
in Toskana fortſetzten, hatte ſich der alte König in die uneinnehmbare
Burg San Leo bei Montefeltro geworfen. Sie lag in dem Teil des
Kirchenſtaats, um deſſen Wiedererlangung es dem Papſt zu tun war.
Otto belagerte die Burg, nahm die Umgebung in Beſitz, aber dem
Papſt ließ er nirgends huldigen. Vorſtellungen, die dieſer ihm machen
ließ, wies er als unangebracht zurück. Von Überweiſung der Landſchaft,
die er ſelbſt neu geſchenkt hatte, war vollends nicht die Rede.

Des Kaiſers Verhalten bewirkte, daß in Rom die Stimmung um-
ſchlug. Eine Richtung, die wohl ſchon vorher das Bündnis mit den
Deutſchen mißbilligt hatte, gewann die Oberhand und zog den jungen
Papſt mit ſich. Jm geheimen knüpfte er mit König Adalbert an. Ge-
ſandte wurden abgefertigt, die die Griechen zu Hilfe rufen und die
Ungarn zum Einfall in Deutſchland veranlaſſen ſollten. Sie wurden
abgefangen, und die Briefe, die man bei ihnen fand, lieferten den Be-
weis für des Papſtes Verrat. Dieſer ließ nun die Maske fallen, ge-
währte Adalbert Aufnahme in die Stadt und richtete ſich zur Ver-
teidigung ein. Jn voller Rüſtung ſah man ihn unter den Truppen ſich
bewegen, wo er ſich ohne Zweifel beſſer am Platz fühlte als am Altar.
Aber als Otto, von Gegnern des Papſtes herbeigerufen, vor Rom er-
ſchien, zogen Johannes und Adalbert es vor, die Stadt zu verlaſſen.
Adalbert ging zu den Sarazenen nach Korſika, Johannes nahm ſeinen
Sitz in Tivoli. Die Römer öffneten dem Kaiſer die Tore, erneuerten
den Treueid und gelobten, künftig keinen Papſt zu wählen oder zu
weihen ohne die Zuſtimmung des Kaiſers und ſeines Sohnes. Otto
konnte nun darangehen, den Gegner unſchädlich zu machen, indem er ihn
an ſeiner kirchlichen Würde faßte. Eine Synode, der er perſönlich vor-
ſaß, wie es die Kaiſer des Oſtens ſo oft getan hatten, trat zuſammen,
über fünfzig Biſchöfe aus dem römiſchen Gebiet und dem italiſchen
Königreich, darunter der Patriarch von Aquileja, die Erzbiſchöfe von
Mailand und Ravenna, auch vier Deutſche, ferner ſiebzehn Kardinäle,
die Beamten der Kurie, zwölf Herren vom Adel und ein Vertreter
des römiſchen Volkes. Die Anklage gegen Johannes XII. zählte eine
Menge Verfehlungen gegen Amtspflicht und Sitte auf: Ehebruch,
Blutſchande, ungeiſtliches Gebaren, Verhöhnung der Sakramente,
Ämterhandel und heidniſche Reden. Ob alles der Wahrheit entſprach,
laſſen wir dahingeſtellt, wiewohl die ganze Verſammlung aus einem
Munde auf des Kaiſers Frage die Wahrheit der Anſchuldigungen bei

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[198/0207] Abſetzung Johannes' XII. in Toskana fortſetzten, hatte ſich der alte König in die uneinnehmbare Burg San Leo bei Montefeltro geworfen. Sie lag in dem Teil des Kirchenſtaats, um deſſen Wiedererlangung es dem Papſt zu tun war. Otto belagerte die Burg, nahm die Umgebung in Beſitz, aber dem Papſt ließ er nirgends huldigen. Vorſtellungen, die dieſer ihm machen ließ, wies er als unangebracht zurück. Von Überweiſung der Landſchaft, die er ſelbſt neu geſchenkt hatte, war vollends nicht die Rede. Des Kaiſers Verhalten bewirkte, daß in Rom die Stimmung um- ſchlug. Eine Richtung, die wohl ſchon vorher das Bündnis mit den Deutſchen mißbilligt hatte, gewann die Oberhand und zog den jungen Papſt mit ſich. Jm geheimen knüpfte er mit König Adalbert an. Ge- ſandte wurden abgefertigt, die die Griechen zu Hilfe rufen und die Ungarn zum Einfall in Deutſchland veranlaſſen ſollten. Sie wurden abgefangen, und die Briefe, die man bei ihnen fand, lieferten den Be- weis für des Papſtes Verrat. Dieſer ließ nun die Maske fallen, ge- währte Adalbert Aufnahme in die Stadt und richtete ſich zur Ver- teidigung ein. Jn voller Rüſtung ſah man ihn unter den Truppen ſich bewegen, wo er ſich ohne Zweifel beſſer am Platz fühlte als am Altar. Aber als Otto, von Gegnern des Papſtes herbeigerufen, vor Rom er- ſchien, zogen Johannes und Adalbert es vor, die Stadt zu verlaſſen. Adalbert ging zu den Sarazenen nach Korſika, Johannes nahm ſeinen Sitz in Tivoli. Die Römer öffneten dem Kaiſer die Tore, erneuerten den Treueid und gelobten, künftig keinen Papſt zu wählen oder zu weihen ohne die Zuſtimmung des Kaiſers und ſeines Sohnes. Otto konnte nun darangehen, den Gegner unſchädlich zu machen, indem er ihn an ſeiner kirchlichen Würde faßte. Eine Synode, der er perſönlich vor- ſaß, wie es die Kaiſer des Oſtens ſo oft getan hatten, trat zuſammen, über fünfzig Biſchöfe aus dem römiſchen Gebiet und dem italiſchen Königreich, darunter der Patriarch von Aquileja, die Erzbiſchöfe von Mailand und Ravenna, auch vier Deutſche, ferner ſiebzehn Kardinäle, die Beamten der Kurie, zwölf Herren vom Adel und ein Vertreter des römiſchen Volkes. Die Anklage gegen Johannes XII. zählte eine Menge Verfehlungen gegen Amtspflicht und Sitte auf: Ehebruch, Blutſchande, ungeiſtliches Gebaren, Verhöhnung der Sakramente, Ämterhandel und heidniſche Reden. Ob alles der Wahrheit entſprach, laſſen wir dahingeſtellt, wiewohl die ganze Verſammlung aus einem Munde auf des Kaiſers Frage die Wahrheit der Anſchuldigungen bei

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 198. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/207>, abgerufen am 24.09.2020.