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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Abfall vom König
war die Pataria zwar nicht erloschen, aber zurückgedrängt, Unterstützung
von ihr nicht zu erhoffen, und nur auf Beatrix und Mathilde war
sicherer Verlaß. Alles hing somit von dem Gang der Dinge in Deutsch-
land ab. Behielt der König die Oberhand, so war es nicht zweifelhaft,
daß er früher oder später mit überlegener Macht in Jtalien auftreten
werde. Es wäre für alle Gegner Gregors das Zeichen gewesen, sich auf
ihn zu stürzen.

Die Entscheidung fiel Ende Oktober. Auf dem Marsch nach Mainz,
wo die Wahl des Gegenkönigs stattfinden sollte, waren die aufständi-
schen Fürsten, die Herzöge von Schwaben, Baiern und Kärnten samt
den ihnen anhängenden Bischöfen, bis Tribur gekommen. Da sperrte
ihnen der König, der auf dem andern Ufer bei Oppenheim lagerte, den
Übergang über den Rhein. Aber auf Kampf ließ er es nicht mehr an-
kommen, er gestattete Verhandlungen. Ausgestattet mit päpstlicher
Vollmacht erschienen der Bischof von Passau und der Patriarch von
Aquileja im Lager des Königs und begannen, die Bischöfe, die Heinrich
umgaben, zu bearbeiten. Auf sie kam nun alles an: blieben sie fest, so
konnte er den ungewissen Kampf gegen die Herzöge immer noch auf-
nehmen. Aber der Beredsamkeit der Legaten und den Belegstellen, die
sie aus verfälschter Geschichte und erfundenen Urkunden in Menge aus-
schütten konnten, hielten nicht alle stand. Daß dabei die Pseudoisidori-
schen Dekretalen eine hervorragende Rolle gespielt haben, ist aus dem
besten der zeitgenössischen Berichte deutlich zu ersehen. Man kann sich
denken, daß gegenüber dieser überwältigenden Fülle der Beweise manch
einer, dem sie neu waren, sich wehrlos fühlte. Der Papst schien denn
doch im Recht zu sein! Zehn Tage dauerte das Ringen, dann brach der
Widerstand der Königlichen zusammen. Zehn Bischöfe, an ihrer Spitze
der Mainzer, der in Worms den Reigen geführt hatte, ließen ihren
Herrn im Stich, unterwarfen sich dem Papst und suchten die Ver-
zeihung. Nun blieb auch dem König nichts übrig, als sich zu unterwerfen.
"Fast entseelt vor Schmerz", fügte er sich allem, was Papst und Fürsten
ihm auferlegen würden. So wurde denn beschlossen, daß er sich von
seiner Umgebung trenne, die Regierung niederlege und an den Papst
ein bußfertiges Schreiben richte. Mit diesem machte der Erzbischof
von Trier sich auf den Weg nach Rom.

Aber die Parteien mißtrauten einander, und keine verfuhr ehrlich. Der
König änderte den vorgeschriebenen Wortlaut seines Briefes, und die

Abfall vom König
war die Pataria zwar nicht erloſchen, aber zurückgedrängt, Unterſtützung
von ihr nicht zu erhoffen, und nur auf Beatrix und Mathilde war
ſicherer Verlaß. Alles hing ſomit von dem Gang der Dinge in Deutſch-
land ab. Behielt der König die Oberhand, ſo war es nicht zweifelhaft,
daß er früher oder ſpäter mit überlegener Macht in Jtalien auftreten
werde. Es wäre für alle Gegner Gregors das Zeichen geweſen, ſich auf
ihn zu ſtürzen.

Die Entſcheidung fiel Ende Oktober. Auf dem Marſch nach Mainz,
wo die Wahl des Gegenkönigs ſtattfinden ſollte, waren die aufſtändi-
ſchen Fürſten, die Herzöge von Schwaben, Baiern und Kärnten ſamt
den ihnen anhängenden Biſchöfen, bis Tribur gekommen. Da ſperrte
ihnen der König, der auf dem andern Ufer bei Oppenheim lagerte, den
Übergang über den Rhein. Aber auf Kampf ließ er es nicht mehr an-
kommen, er geſtattete Verhandlungen. Ausgeſtattet mit päpſtlicher
Vollmacht erſchienen der Biſchof von Paſſau und der Patriarch von
Aquileja im Lager des Königs und begannen, die Biſchöfe, die Heinrich
umgaben, zu bearbeiten. Auf ſie kam nun alles an: blieben ſie feſt, ſo
konnte er den ungewiſſen Kampf gegen die Herzöge immer noch auf-
nehmen. Aber der Beredſamkeit der Legaten und den Belegſtellen, die
ſie aus verfälſchter Geſchichte und erfundenen Urkunden in Menge aus-
ſchütten konnten, hielten nicht alle ſtand. Daß dabei die Pſeudoiſidori-
ſchen Dekretalen eine hervorragende Rolle geſpielt haben, iſt aus dem
beſten der zeitgenöſſiſchen Berichte deutlich zu erſehen. Man kann ſich
denken, daß gegenüber dieſer überwältigenden Fülle der Beweiſe manch
einer, dem ſie neu waren, ſich wehrlos fühlte. Der Papſt ſchien denn
doch im Recht zu ſein! Zehn Tage dauerte das Ringen, dann brach der
Widerſtand der Königlichen zuſammen. Zehn Biſchöfe, an ihrer Spitze
der Mainzer, der in Worms den Reigen geführt hatte, ließen ihren
Herrn im Stich, unterwarfen ſich dem Papſt und ſuchten die Ver-
zeihung. Nun blieb auch dem König nichts übrig, als ſich zu unterwerfen.
„Faſt entſeelt vor Schmerz“, fügte er ſich allem, was Papſt und Fürſten
ihm auferlegen würden. So wurde denn beſchloſſen, daß er ſich von
ſeiner Umgebung trenne, die Regierung niederlege und an den Papſt
ein bußfertiges Schreiben richte. Mit dieſem machte der Erzbiſchof
von Trier ſich auf den Weg nach Rom.

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König änderte den vorgeſchriebenen Wortlaut ſeines Briefes, und die

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[371/0380] Abfall vom König war die Pataria zwar nicht erloſchen, aber zurückgedrängt, Unterſtützung von ihr nicht zu erhoffen, und nur auf Beatrix und Mathilde war ſicherer Verlaß. Alles hing ſomit von dem Gang der Dinge in Deutſch- land ab. Behielt der König die Oberhand, ſo war es nicht zweifelhaft, daß er früher oder ſpäter mit überlegener Macht in Jtalien auftreten werde. Es wäre für alle Gegner Gregors das Zeichen geweſen, ſich auf ihn zu ſtürzen. Die Entſcheidung fiel Ende Oktober. Auf dem Marſch nach Mainz, wo die Wahl des Gegenkönigs ſtattfinden ſollte, waren die aufſtändi- ſchen Fürſten, die Herzöge von Schwaben, Baiern und Kärnten ſamt den ihnen anhängenden Biſchöfen, bis Tribur gekommen. Da ſperrte ihnen der König, der auf dem andern Ufer bei Oppenheim lagerte, den Übergang über den Rhein. Aber auf Kampf ließ er es nicht mehr an- kommen, er geſtattete Verhandlungen. Ausgeſtattet mit päpſtlicher Vollmacht erſchienen der Biſchof von Paſſau und der Patriarch von Aquileja im Lager des Königs und begannen, die Biſchöfe, die Heinrich umgaben, zu bearbeiten. Auf ſie kam nun alles an: blieben ſie feſt, ſo konnte er den ungewiſſen Kampf gegen die Herzöge immer noch auf- nehmen. Aber der Beredſamkeit der Legaten und den Belegſtellen, die ſie aus verfälſchter Geſchichte und erfundenen Urkunden in Menge aus- ſchütten konnten, hielten nicht alle ſtand. Daß dabei die Pſeudoiſidori- ſchen Dekretalen eine hervorragende Rolle geſpielt haben, iſt aus dem beſten der zeitgenöſſiſchen Berichte deutlich zu erſehen. Man kann ſich denken, daß gegenüber dieſer überwältigenden Fülle der Beweiſe manch einer, dem ſie neu waren, ſich wehrlos fühlte. Der Papſt ſchien denn doch im Recht zu ſein! Zehn Tage dauerte das Ringen, dann brach der Widerſtand der Königlichen zuſammen. Zehn Biſchöfe, an ihrer Spitze der Mainzer, der in Worms den Reigen geführt hatte, ließen ihren Herrn im Stich, unterwarfen ſich dem Papſt und ſuchten die Ver- zeihung. Nun blieb auch dem König nichts übrig, als ſich zu unterwerfen. „Faſt entſeelt vor Schmerz“, fügte er ſich allem, was Papſt und Fürſten ihm auferlegen würden. So wurde denn beſchloſſen, daß er ſich von ſeiner Umgebung trenne, die Regierung niederlege und an den Papſt ein bußfertiges Schreiben richte. Mit dieſem machte der Erzbiſchof von Trier ſich auf den Weg nach Rom. Aber die Parteien mißtrauten einander, und keine verfuhr ehrlich. Der König änderte den vorgeſchriebenen Wortlaut ſeines Briefes, und die

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 371. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/380>, abgerufen am 28.10.2020.