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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Schwierige Anfänge
Gebrauch von Waffengewalt, durch den Gregor so großes Aufsehen
gemacht hatte. Urban II. hat keine Truppen gehalten und selbst keinen
Krieg geführt, andere mußten für ihn kämpfen. Ob er den Glauben
Gregors an das Recht Sankt Peters auf Verfügung über alle Länder
und Reiche der Erde geteilt hat, ist nicht zu entscheiden, bekannt hat er
ihn nicht und nicht nach ihm gehandelt. Herrschen wollte er darum nicht
weniger, nur mit andern Mitteln. Seine Wege waren nicht die offenen
und geraden des herrischen Befehls, der keinen Widerspruch duldet, auf
heimlichen und verschlungenen Pfaden wußte er den Zugang zu den
Herzen der Mächtigen zu finden und ihre Entschlüsse nach seinem Sinn
zu lenken. Vielleicht war er im Grunde doch mehr Cluniazenser als
Gregorianer. An die geschichtliche Größe seines Vorgängers reicht er
gewiß nicht heran. Und doch -- oder sollen wir sagen: eben deswegen? --
hat er ihn im Erfolg übertroffen. Neue Gedanken bedürfen wohl bei
ihrem ersten Auftreten eines rücksichtslosen Bekenners, der, das letzte Ziel
allein im Auge, über Hindernisse und Möglichkeiten hinwegsieht.
Kleinere Nachfolger mögen dann mit mehr Klugheit und Geduld weiter-
kommen, als dem Führer gegeben war. Was das Genie des Propheten
verkündete, ohne es verwirklichen zu können, das erreichen die Talente
der Epigonen. So ist die Sache, die beim Tode Gregors VII. ernstlich
gefährdet war, ja verloren scheinen konnte, gerettet und dem Siege
entgegengeführt worden durch die Geschicklichkeit Urbans II.

Seine Lage war zunächst wenig beneidenswert. Erst im Oktober 1088
hat er sich nach Rom gewagt, aber vom rechten Ufer aus den Tiber nicht
überschreiten können. Auf der Jnsel im Strom saß er bis in den nächsten
Sommer, von Almosen lebend, während die Gegenpartei die Stadt
beherrschte. Ein zweiter Versuch einzudringen, im Dezember 1089,
führte nicht viel weiter und mußte im Frühjahr aufgegeben werden.
Clemens war inzwischen herbeigeeilt, konnte in der Peterskirche eine
Synode abhalten, den Gegner zur Verantwortung vorladen und ihn,
da er nicht erschien, verurteilen. Draußen spottete man über die beiden
Päpste, deren keiner seinem Namen Ehre mache: Clemens, der Milde,
habe nicht die Macht, milde zu sein, Urbanus, der Städter, sei aus der
Stadt verjagt. Schon war davon die Rede, die angesehensten Bischöfe
aus Frankreich, Deutschland und Jtalien entscheiden zu lassen, wer recht-
mäßiger Papst sei, Urban oder Clemens. Jn Oberitalien stand die

Schwierige Anfänge
Gebrauch von Waffengewalt, durch den Gregor ſo großes Aufſehen
gemacht hatte. Urban II. hat keine Truppen gehalten und ſelbſt keinen
Krieg geführt, andere mußten für ihn kämpfen. Ob er den Glauben
Gregors an das Recht Sankt Peters auf Verfügung über alle Länder
und Reiche der Erde geteilt hat, iſt nicht zu entſcheiden, bekannt hat er
ihn nicht und nicht nach ihm gehandelt. Herrſchen wollte er darum nicht
weniger, nur mit andern Mitteln. Seine Wege waren nicht die offenen
und geraden des herriſchen Befehls, der keinen Widerſpruch duldet, auf
heimlichen und verſchlungenen Pfaden wußte er den Zugang zu den
Herzen der Mächtigen zu finden und ihre Entſchlüſſe nach ſeinem Sinn
zu lenken. Vielleicht war er im Grunde doch mehr Cluniazenſer als
Gregorianer. An die geſchichtliche Größe ſeines Vorgängers reicht er
gewiß nicht heran. Und doch — oder ſollen wir ſagen: eben deswegen? —
hat er ihn im Erfolg übertroffen. Neue Gedanken bedürfen wohl bei
ihrem erſten Auftreten eines rückſichtsloſen Bekenners, der, das letzte Ziel
allein im Auge, über Hinderniſſe und Möglichkeiten hinwegſieht.
Kleinere Nachfolger mögen dann mit mehr Klugheit und Geduld weiter-
kommen, als dem Führer gegeben war. Was das Genie des Propheten
verkündete, ohne es verwirklichen zu können, das erreichen die Talente
der Epigonen. So iſt die Sache, die beim Tode Gregors VII. ernſtlich
gefährdet war, ja verloren ſcheinen konnte, gerettet und dem Siege
entgegengeführt worden durch die Geſchicklichkeit Urbans II.

Seine Lage war zunächſt wenig beneidenswert. Erſt im Oktober 1088
hat er ſich nach Rom gewagt, aber vom rechten Ufer aus den Tiber nicht
überſchreiten können. Auf der Jnſel im Strom ſaß er bis in den nächſten
Sommer, von Almoſen lebend, während die Gegenpartei die Stadt
beherrſchte. Ein zweiter Verſuch einzudringen, im Dezember 1089,
führte nicht viel weiter und mußte im Frühjahr aufgegeben werden.
Clemens war inzwiſchen herbeigeeilt, konnte in der Peterskirche eine
Synode abhalten, den Gegner zur Verantwortung vorladen und ihn,
da er nicht erſchien, verurteilen. Draußen ſpottete man über die beiden
Päpſte, deren keiner ſeinem Namen Ehre mache: Clemens, der Milde,
habe nicht die Macht, milde zu ſein, Urbanus, der Städter, ſei aus der
Stadt verjagt. Schon war davon die Rede, die angeſehenſten Biſchöfe
aus Frankreich, Deutſchland und Jtalien entſcheiden zu laſſen, wer recht-
mäßiger Papſt ſei, Urban oder Clemens. Jn Oberitalien ſtand die

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[408/0416] Schwierige Anfänge Gebrauch von Waffengewalt, durch den Gregor ſo großes Aufſehen gemacht hatte. Urban II. hat keine Truppen gehalten und ſelbſt keinen Krieg geführt, andere mußten für ihn kämpfen. Ob er den Glauben Gregors an das Recht Sankt Peters auf Verfügung über alle Länder und Reiche der Erde geteilt hat, iſt nicht zu entſcheiden, bekannt hat er ihn nicht und nicht nach ihm gehandelt. Herrſchen wollte er darum nicht weniger, nur mit andern Mitteln. Seine Wege waren nicht die offenen und geraden des herriſchen Befehls, der keinen Widerſpruch duldet, auf heimlichen und verſchlungenen Pfaden wußte er den Zugang zu den Herzen der Mächtigen zu finden und ihre Entſchlüſſe nach ſeinem Sinn zu lenken. Vielleicht war er im Grunde doch mehr Cluniazenſer als Gregorianer. An die geſchichtliche Größe ſeines Vorgängers reicht er gewiß nicht heran. Und doch — oder ſollen wir ſagen: eben deswegen? — hat er ihn im Erfolg übertroffen. Neue Gedanken bedürfen wohl bei ihrem erſten Auftreten eines rückſichtsloſen Bekenners, der, das letzte Ziel allein im Auge, über Hinderniſſe und Möglichkeiten hinwegſieht. Kleinere Nachfolger mögen dann mit mehr Klugheit und Geduld weiter- kommen, als dem Führer gegeben war. Was das Genie des Propheten verkündete, ohne es verwirklichen zu können, das erreichen die Talente der Epigonen. So iſt die Sache, die beim Tode Gregors VII. ernſtlich gefährdet war, ja verloren ſcheinen konnte, gerettet und dem Siege entgegengeführt worden durch die Geſchicklichkeit Urbans II. Seine Lage war zunächſt wenig beneidenswert. Erſt im Oktober 1088 hat er ſich nach Rom gewagt, aber vom rechten Ufer aus den Tiber nicht überſchreiten können. Auf der Jnſel im Strom ſaß er bis in den nächſten Sommer, von Almoſen lebend, während die Gegenpartei die Stadt beherrſchte. Ein zweiter Verſuch einzudringen, im Dezember 1089, führte nicht viel weiter und mußte im Frühjahr aufgegeben werden. Clemens war inzwiſchen herbeigeeilt, konnte in der Peterskirche eine Synode abhalten, den Gegner zur Verantwortung vorladen und ihn, da er nicht erſchien, verurteilen. Draußen ſpottete man über die beiden Päpſte, deren keiner ſeinem Namen Ehre mache: Clemens, der Milde, habe nicht die Macht, milde zu ſein, Urbanus, der Städter, ſei aus der Stadt verjagt. Schon war davon die Rede, die angeſehenſten Biſchöfe aus Frankreich, Deutſchland und Jtalien entſcheiden zu laſſen, wer recht- mäßiger Papſt ſei, Urban oder Clemens. Jn Oberitalien ſtand die

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 408. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/416>, abgerufen am 28.10.2020.