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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Calixt II.
gute halten, hatte durch Mangel an Weitblick und Klarheit und durch
völlige Abhängigkeit von örtlichen Einflüssen eine Lage geschaffen, aus
der ein Ausweg schwer zu finden war. Die Lage hatte sich in der kurzen
Regierung des Nachfolgers fast verzweifelt gestaltet. Gelasius' Flucht
nach Frankreich enthielt das Eingeständnis, daß das Papsttum in Rom
am Ende seiner eigenen Kräfte sei. Sie enthielt aber zugleich eine An-
deutung, woher die Hilfe kommen sollte. Von Frankreich hauptsächlich
war der Widerstand ausgegangen, der die innerkirchlichen Verwick-
lungen schuf, von Frankreich durfte man erwarten, daß es dem Papst
aus der Not helfe. Es war denn auch nur folgerichtig, daß das kleine
Häuflein von Römern, die am Sterbebett Gelasius' II. standen, bei der
Suche nach dem Nachfolger seine Augen auf einen französischen
Prälaten richtete. Der Verstorbene selbst soll auf zwei Franzosen hin-
gewiesen haben, den Abt von Cluny und den Erzbischof von Vienne.
Man entschied sich für den zweiten. Die Wahl hat sich als glücklich
erwiesen.

Guido, der Sohn eines Grafen von Burgund, mit den Königshäusern
Deutschlands, Frankreichs und Englands entfernt verwandt, war ein
anderer Mann als die Mönche, die vor ihm die Kirche regierten.
Dreißig Jahre hatte er sein Erzbistum verwaltet, mit Eifer für die
Reform gewirkt und die eigene Ehre nicht vergessen. Für Vienne er-
strebte er die Wiederherstellung eines angeblich uralten Primates in
Gallien und ließ die fehlenden Beweise durch gefälschte Urkunden er-
setzen. Den Päpsten hatte er oft gedient, gegen Paschalis II. aber am
lautesten von allen seine Stimme erhoben. Man konnte ihn für das
Haupt der widerstrebenden Richtung, den Führer der Unentwegten
halten. Am 2. Februar 1119 wurde er in Cluny gewählt, acht Tage
später in seiner eigenen Stadt eingesegnet. Die in Rom zurückgebliebe-
nen Kardinäle mit ihrem Anhang im Klerus und Volk stimmten nach-
träglich zu. Der neue Papst nannte sich Calixtus II., und die Welt
sollte erfahren, daß der Wechsel des Namens bei ihm mehr bedeutete
als eine Äußerlichkeit. Calixt II. war nicht mehr Guido von Vienne,
der Führer der Heißsporne im kirchlichen Kampf wurde der Papst des
Friedens und Ausgleichs.

Der erste Schritt, den er schon zehn Tage nach seiner Weihe tat,
war, mit Heinrich V. anzuknüpfen. Jn einem persönlichen Schreiben
wandte er sich an den Kaiser, redete ihn als Vetter an und sprach ihm

Calixt II.
gute halten, hatte durch Mangel an Weitblick und Klarheit und durch
völlige Abhängigkeit von örtlichen Einflüſſen eine Lage geſchaffen, aus
der ein Ausweg ſchwer zu finden war. Die Lage hatte ſich in der kurzen
Regierung des Nachfolgers faſt verzweifelt geſtaltet. Gelaſius' Flucht
nach Frankreich enthielt das Eingeſtändnis, daß das Papſttum in Rom
am Ende ſeiner eigenen Kräfte ſei. Sie enthielt aber zugleich eine An-
deutung, woher die Hilfe kommen ſollte. Von Frankreich hauptſächlich
war der Widerſtand ausgegangen, der die innerkirchlichen Verwick-
lungen ſchuf, von Frankreich durfte man erwarten, daß es dem Papſt
aus der Not helfe. Es war denn auch nur folgerichtig, daß das kleine
Häuflein von Römern, die am Sterbebett Gelaſius' II. ſtanden, bei der
Suche nach dem Nachfolger ſeine Augen auf einen franzöſiſchen
Prälaten richtete. Der Verſtorbene ſelbſt ſoll auf zwei Franzoſen hin-
gewieſen haben, den Abt von Cluny und den Erzbiſchof von Vienne.
Man entſchied ſich für den zweiten. Die Wahl hat ſich als glücklich
erwieſen.

Guido, der Sohn eines Grafen von Burgund, mit den Königshäuſern
Deutſchlands, Frankreichs und Englands entfernt verwandt, war ein
anderer Mann als die Mönche, die vor ihm die Kirche regierten.
Dreißig Jahre hatte er ſein Erzbistum verwaltet, mit Eifer für die
Reform gewirkt und die eigene Ehre nicht vergeſſen. Für Vienne er-
ſtrebte er die Wiederherſtellung eines angeblich uralten Primates in
Gallien und ließ die fehlenden Beweiſe durch gefälſchte Urkunden er-
ſetzen. Den Päpſten hatte er oft gedient, gegen Paſchalis II. aber am
lauteſten von allen ſeine Stimme erhoben. Man konnte ihn für das
Haupt der widerſtrebenden Richtung, den Führer der Unentwegten
halten. Am 2. Februar 1119 wurde er in Cluny gewählt, acht Tage
ſpäter in ſeiner eigenen Stadt eingeſegnet. Die in Rom zurückgebliebe-
nen Kardinäle mit ihrem Anhang im Klerus und Volk ſtimmten nach-
träglich zu. Der neue Papſt nannte ſich Calixtus II., und die Welt
ſollte erfahren, daß der Wechſel des Namens bei ihm mehr bedeutete
als eine Äußerlichkeit. Calixt II. war nicht mehr Guido von Vienne,
der Führer der Heißſporne im kirchlichen Kampf wurde der Papſt des
Friedens und Ausgleichs.

Der erſte Schritt, den er ſchon zehn Tage nach ſeiner Weihe tat,
war, mit Heinrich V. anzuknüpfen. Jn einem perſönlichen Schreiben
wandte er ſich an den Kaiſer, redete ihn als Vetter an und ſprach ihm

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[473/0481] Calixt II. gute halten, hatte durch Mangel an Weitblick und Klarheit und durch völlige Abhängigkeit von örtlichen Einflüſſen eine Lage geſchaffen, aus der ein Ausweg ſchwer zu finden war. Die Lage hatte ſich in der kurzen Regierung des Nachfolgers faſt verzweifelt geſtaltet. Gelaſius' Flucht nach Frankreich enthielt das Eingeſtändnis, daß das Papſttum in Rom am Ende ſeiner eigenen Kräfte ſei. Sie enthielt aber zugleich eine An- deutung, woher die Hilfe kommen ſollte. Von Frankreich hauptſächlich war der Widerſtand ausgegangen, der die innerkirchlichen Verwick- lungen ſchuf, von Frankreich durfte man erwarten, daß es dem Papſt aus der Not helfe. Es war denn auch nur folgerichtig, daß das kleine Häuflein von Römern, die am Sterbebett Gelaſius' II. ſtanden, bei der Suche nach dem Nachfolger ſeine Augen auf einen franzöſiſchen Prälaten richtete. Der Verſtorbene ſelbſt ſoll auf zwei Franzoſen hin- gewieſen haben, den Abt von Cluny und den Erzbiſchof von Vienne. Man entſchied ſich für den zweiten. Die Wahl hat ſich als glücklich erwieſen. Guido, der Sohn eines Grafen von Burgund, mit den Königshäuſern Deutſchlands, Frankreichs und Englands entfernt verwandt, war ein anderer Mann als die Mönche, die vor ihm die Kirche regierten. Dreißig Jahre hatte er ſein Erzbistum verwaltet, mit Eifer für die Reform gewirkt und die eigene Ehre nicht vergeſſen. Für Vienne er- ſtrebte er die Wiederherſtellung eines angeblich uralten Primates in Gallien und ließ die fehlenden Beweiſe durch gefälſchte Urkunden er- ſetzen. Den Päpſten hatte er oft gedient, gegen Paſchalis II. aber am lauteſten von allen ſeine Stimme erhoben. Man konnte ihn für das Haupt der widerſtrebenden Richtung, den Führer der Unentwegten halten. Am 2. Februar 1119 wurde er in Cluny gewählt, acht Tage ſpäter in ſeiner eigenen Stadt eingeſegnet. Die in Rom zurückgebliebe- nen Kardinäle mit ihrem Anhang im Klerus und Volk ſtimmten nach- träglich zu. Der neue Papſt nannte ſich Calixtus II., und die Welt ſollte erfahren, daß der Wechſel des Namens bei ihm mehr bedeutete als eine Äußerlichkeit. Calixt II. war nicht mehr Guido von Vienne, der Führer der Heißſporne im kirchlichen Kampf wurde der Papſt des Friedens und Ausgleichs. Der erſte Schritt, den er ſchon zehn Tage nach ſeiner Weihe tat, war, mit Heinrich V. anzuknüpfen. Jn einem perſönlichen Schreiben wandte er ſich an den Kaiſer, redete ihn als Vetter an und ſprach ihm

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 473. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/481>, abgerufen am 24.09.2020.