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Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937.

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Pseudoisidor
und wichtigste stellte sich dar als vollständiges Gesetzbuch der Kirche,
bestehend aus Kanones der Synoden seit Nikäa und rechtsetzenden Ver-
fügungen, Dekretalen der römischen Bischöfe von Klemens, dem Nach-
folger Petri, bis herab auf Gregor II., zusammengestellt von einem nicht
näher gekennzeichneten Jsidor Mercator. Alle drei zeigen die Hand eines
und desselben Verfassers, und alle drei sind nach Form und Jnhalt
Fälschungen, die größten, die dreistesten, die folgenreichsten Fälschungen,
die jemals gewagt wurden. Sie stützen einander gegenseitig, indem sie in
verschiedener Fassung häufig dasselbe sagen, doch verraten sich der an-
gebliche Hadrian-Engelram und der angebliche Levit Benedikt als
Vorarbeiten zum Hauptwerk, dem Jsidor Mercator. Auf diesen dürfen
wir uns beschränken, wenn wir ihren gemeinsamen Jnhalt und Zweck
erfahren wollen.

Er ist ein Gewebe von Wahrheit und Dichtung. Man fand in ihm
das ganze damals gebräuchliche Rechtsbuch des Dionys, aber untermischt
und vermehrt durch gegen hundert erfundene Stücke, zumeist der römi-
schen Bischöfe aus den ersten dreihundert Jahren, in lückenloser Reihe
vom angeblichen Klemens bis auf Damasus, einer Zeit, aus der man
irgendwelche römische Dekretalen bis dahin nicht gekannt hatte.

Das Staunen über die ungeheure Kühnheit des Unterfangens läßt
nach, wenn man gewahr wird, mit welcher durchtriebenen Schlauheit
der Verfasser seinen Betrug vor den Blicken der Zeitgenossen zu ver-
decken gewußt hat. Die falschen Stücke sind nicht frei erfunden, sondern
aus echten Briefen späterer Päpste, aus Synodalakten und Schrift-
stellern sind einzelne Sätze ausgehoben und mosaikartig zusammengesetzt,
so daß der Leser überall die ihm bekannten Stimmen der Vergangenheit
zu hören glaubte, während es sehr ausgebreiteter und genauer Kennt-
nisse, großer Mühe und noch größerer Geduld bedarf, um die Entlehnung
im einzelnen aufzudecken. Wer solche Kenntnisse nicht hatte, die er-
forderliche Mühe und Geduld nicht daran wandte, hatte nur den Gesamt-
eindruck altertümlicher Echtheit. Dazu kamen die Namen der angeb-
lichen Briefschreiber, vor denen den frommgläubigen Leser Schauer
der Ehrfurcht erfaßten, jede Regung des Zweifels von vornherein er-
stickend, und endlich als wirksamste Einführung der Verfassername
Jsidor. Er weckte die Erinnerung an den großen Erzbischof von Sevilla
(+ 636), dessen Schriften zu den landläufigen Quellen der Belehrung
gehörten, von dem man wußte, daß er ein Rechtsbuch hinterlassen habe

Pſeudoiſidor
und wichtigſte ſtellte ſich dar als vollſtändiges Geſetzbuch der Kirche,
beſtehend aus Kanones der Synoden ſeit Nikäa und rechtſetzenden Ver-
fügungen, Dekretalen der römiſchen Biſchöfe von Klemens, dem Nach-
folger Petri, bis herab auf Gregor II., zuſammengeſtellt von einem nicht
näher gekennzeichneten Jſidor Mercator. Alle drei zeigen die Hand eines
und desſelben Verfaſſers, und alle drei ſind nach Form und Jnhalt
Fälſchungen, die größten, die dreiſteſten, die folgenreichſten Fälſchungen,
die jemals gewagt wurden. Sie ſtützen einander gegenſeitig, indem ſie in
verſchiedener Faſſung häufig dasſelbe ſagen, doch verraten ſich der an-
gebliche Hadrian-Engelram und der angebliche Levit Benedikt als
Vorarbeiten zum Hauptwerk, dem Jſidor Mercator. Auf dieſen dürfen
wir uns beſchränken, wenn wir ihren gemeinſamen Jnhalt und Zweck
erfahren wollen.

Er iſt ein Gewebe von Wahrheit und Dichtung. Man fand in ihm
das ganze damals gebräuchliche Rechtsbuch des Dionys, aber untermiſcht
und vermehrt durch gegen hundert erfundene Stücke, zumeiſt der römi-
ſchen Biſchöfe aus den erſten dreihundert Jahren, in lückenloſer Reihe
vom angeblichen Klemens bis auf Damaſus, einer Zeit, aus der man
irgendwelche römiſche Dekretalen bis dahin nicht gekannt hatte.

Das Staunen über die ungeheure Kühnheit des Unterfangens läßt
nach, wenn man gewahr wird, mit welcher durchtriebenen Schlauheit
der Verfaſſer ſeinen Betrug vor den Blicken der Zeitgenoſſen zu ver-
decken gewußt hat. Die falſchen Stücke ſind nicht frei erfunden, ſondern
aus echten Briefen ſpäterer Päpſte, aus Synodalakten und Schrift-
ſtellern ſind einzelne Sätze ausgehoben und moſaikartig zuſammengeſetzt,
ſo daß der Leſer überall die ihm bekannten Stimmen der Vergangenheit
zu hören glaubte, während es ſehr ausgebreiteter und genauer Kennt-
niſſe, großer Mühe und noch größerer Geduld bedarf, um die Entlehnung
im einzelnen aufzudecken. Wer ſolche Kenntniſſe nicht hatte, die er-
forderliche Mühe und Geduld nicht daran wandte, hatte nur den Geſamt-
eindruck altertümlicher Echtheit. Dazu kamen die Namen der angeb-
lichen Briefſchreiber, vor denen den frommgläubigen Leſer Schauer
der Ehrfurcht erfaßten, jede Regung des Zweifels von vornherein er-
ſtickend, und endlich als wirkſamſte Einführung der Verfaſſername
Jſidor. Er weckte die Erinnerung an den großen Erzbiſchof von Sevilla
(† 636), deſſen Schriften zu den landläufigen Quellen der Belehrung
gehörten, von dem man wußte, daß er ein Rechtsbuch hinterlaſſen habe

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[52/0061] Pſeudoiſidor und wichtigſte ſtellte ſich dar als vollſtändiges Geſetzbuch der Kirche, beſtehend aus Kanones der Synoden ſeit Nikäa und rechtſetzenden Ver- fügungen, Dekretalen der römiſchen Biſchöfe von Klemens, dem Nach- folger Petri, bis herab auf Gregor II., zuſammengeſtellt von einem nicht näher gekennzeichneten Jſidor Mercator. Alle drei zeigen die Hand eines und desſelben Verfaſſers, und alle drei ſind nach Form und Jnhalt Fälſchungen, die größten, die dreiſteſten, die folgenreichſten Fälſchungen, die jemals gewagt wurden. Sie ſtützen einander gegenſeitig, indem ſie in verſchiedener Faſſung häufig dasſelbe ſagen, doch verraten ſich der an- gebliche Hadrian-Engelram und der angebliche Levit Benedikt als Vorarbeiten zum Hauptwerk, dem Jſidor Mercator. Auf dieſen dürfen wir uns beſchränken, wenn wir ihren gemeinſamen Jnhalt und Zweck erfahren wollen. Er iſt ein Gewebe von Wahrheit und Dichtung. Man fand in ihm das ganze damals gebräuchliche Rechtsbuch des Dionys, aber untermiſcht und vermehrt durch gegen hundert erfundene Stücke, zumeiſt der römi- ſchen Biſchöfe aus den erſten dreihundert Jahren, in lückenloſer Reihe vom angeblichen Klemens bis auf Damaſus, einer Zeit, aus der man irgendwelche römiſche Dekretalen bis dahin nicht gekannt hatte. Das Staunen über die ungeheure Kühnheit des Unterfangens läßt nach, wenn man gewahr wird, mit welcher durchtriebenen Schlauheit der Verfaſſer ſeinen Betrug vor den Blicken der Zeitgenoſſen zu ver- decken gewußt hat. Die falſchen Stücke ſind nicht frei erfunden, ſondern aus echten Briefen ſpäterer Päpſte, aus Synodalakten und Schrift- ſtellern ſind einzelne Sätze ausgehoben und moſaikartig zuſammengeſetzt, ſo daß der Leſer überall die ihm bekannten Stimmen der Vergangenheit zu hören glaubte, während es ſehr ausgebreiteter und genauer Kennt- niſſe, großer Mühe und noch größerer Geduld bedarf, um die Entlehnung im einzelnen aufzudecken. Wer ſolche Kenntniſſe nicht hatte, die er- forderliche Mühe und Geduld nicht daran wandte, hatte nur den Geſamt- eindruck altertümlicher Echtheit. Dazu kamen die Namen der angeb- lichen Briefſchreiber, vor denen den frommgläubigen Leſer Schauer der Ehrfurcht erfaßten, jede Regung des Zweifels von vornherein er- ſtickend, und endlich als wirkſamſte Einführung der Verfaſſername Jſidor. Er weckte die Erinnerung an den großen Erzbiſchof von Sevilla († 636), deſſen Schriften zu den landläufigen Quellen der Belehrung gehörten, von dem man wußte, daß er ein Rechtsbuch hinterlaſſen habe

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Zitationshilfe: Haller, Johannes: Das Papsttum. Bd. 2,1. Stuttgart, 1937, S. 52. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/haller_papsttum02-1_1937/61>, abgerufen am 24.09.2020.