Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Staats- und Gelehrte Zeitung Des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten. Nr. 119, Hamburg, 26. Julii 1771.

Bild:
erste Seite
Mit allergnädigster Kayserlichen Freyheit.
Staats- und [Abbildung] Gelehrte
Zei- [Abbildung] tung

Des Hamburgischen unpartheyischen
CORRESPONDENTEN.

Anno 1771.     (Am Freytage, den 26 Julii.)    
Num. 119.



[Beginn Spaltensatz]
Fortsetzung der Wünsche der Griechen an das
christliche Europa.

Wenn wir also die Religion unserer Tyrannen an-
nehmen, und ihr Interesse auch das unsrige seyn lassen
wollen, so sind wir dadurch nicht nur vor unserm gewissen
Untergang gesichert, sondern wir können dadurch, wie
schon bemerket worden, auch an den Vortheilen der
Regierung Antheil nehmen. Wir wollten wünschen,
daß wir für die Standhaftigkeit eines jeden unter uns
Bürge seyn könnten. Allein, die Wahl des Märtyrer-
Todes für Leben, Vortheil und irdischen Ruhm erfor-
dert eine heroische Tugend.

Sollte das Gleichgewicht von Europa die Ursache
des drohenden Unglücks seyn, welches über unser Haupt
zu schweben scheinet, so erlaube man uns hiebey die
Anmerkung zu machen, was denn diesem Gleichgewichte
für ein Vortheil daher zuwachsen könne, wenn so viel
Millionen Christen, welche in vielen Provinzen des Reichs
die Anzahl der Türken weit übersteigen, sich, welches
doch Gott auf immer verhüten wolle! entsschlossen, die
Muhamedanische Religion anzunehmen. Wir müssen
ja erwägen, was man durch eine so große Anzahl von
Combattanten, die aus Renegaten und deren Abkömm-
lingen bestehen würden, und die der bisherigen Erfah-
rung zufolge, unter den Truppen die kriegerischesten
sind, der Ottomannischen Macht für einen ansehnlichen
Zuwachs geben würde. Die wilden Janitscharen, die
Albanesischen Türken und die Bosniacken, deren Tapfer-
keit so sehr gepriesen wird, waren ehedem unsern Mit-
brüder, sie waren Christen. Umstände, die unsern ge-
genwärtigen gleich sind, brachten sie zu dem schändlichen
Entschluß.

Hierzu kömmt noch, daß die Türken, denen es gewiß
an Tapferkeit nicht fehlet, und die durch ihren Muth
und Bravour auch ihre entschlossensten Feinde in Er-
staunen gesetzt haben, jetzt, durch den gegenwärtigen
Krieg gedemüthiget, die Nothwendigkeit einzusehen an-
[Spaltenumbruch] fangen, von den Christen Disciplin zu lernen, welches
sie bisher aus Verachtung unterlassen haben. Wenn
sie nun selbige bey ihren Soldaten einführen wollten,
sollte es wohl an Christen fehlen, die aus Gewinnsucht
oder aus andern Ursachen ihre Lehrmeister darinn seyn
würden? Als sie im gegenwärtigen Kriege einsahen,
wie nöthig ihnen Ingenieurs und Artillerie wären, ha-
ben sich da vielleicht nicht Christen genug gefunden, die,
unwürdig dieses Namens, die Ungläubigen hierinn auf
alle Art unterstützt haben? Dreyhundert von dieser Gat-
tung sind bey der Eroberung von Bender zu Gefangenen
gemacht worden. Und haben nicht auch Christen die
Batterien bey den Dardanellen zu Stande gebracht?
Da es nun so wahrscheinlich ist, daß die Türken die Kunst,
ihre Truppen zu discipliniren, bey sich einführen werden,
nachdem sie die Nothwendigkeit und die Leichtigkeit, die-
ses ins Werk zu richten, eingesehen haben, und denn
zugleich die Furcht vor dem Untergange ihnen eine so
große Anzahl wehrhafter Leute zuführen möchte; so wissen
wir nicht, ob diejenigen, welche in den Kabinettern
Europa auf die Wagschale legen, nicht auch die ehema-
ligen Begebenheiten mit Moatz, Rhodus, Cypern, Can-
dia, Morea, Otranto und selbst Wien mit in Anschlag
bringen müssen.

Wie wenn ein Fürst, der das Bekenntniß des Chri-
stenthums auf die Ausübung der herrlichsten Tugenden
gründet, der das fühlbarste menschlichste Herz hat, wel-
cher den Anblick eines Unglücklichen nicht ohne innere
Wehmuth ertragen kann, der in seinem ganzen Leben
untröstlich seyn würde, wenn er glaubte, daß er sich den
Untergang eines einzigen Unschuldigen zuschreiben müßte;
wenn dieser Fürst durch falsche Staatsursachen be-
trogen, die Hand darbieten wollte, um den Arm zurück-
zuhalten, der von der Vorsehung selbst zu unserer Be-
freyung von der Sclaverey, und zur Befreyung so vieler
anderer Christen von der Furcht, geführt zu seyn scheinet,
o! so werfe er doch seine Blicke auf unsere traurige
Betrachtungen, und erwäge die Wahrheit der unglück-
[Spaltenumbruch]

Mit allergnaͤdigſter Kayſerlichen Freyheit.
Staats- und [Abbildung] Gelehrte
Zei- [Abbildung] tung

Des Hamburgiſchen unpartheyiſchen
CORRESPONDENTEN.

Anno 1771.     (Am Freytage, den 26 Julii.)    
Num. 119.



[Beginn Spaltensatz]
Fortſetzung der Wuͤnſche der Griechen an das
chriſtliche Europa.

Wenn wir alſo die Religion unſerer Tyrannen an-
nehmen, und ihr Intereſſe auch das unſrige ſeyn laſſen
wollen, ſo ſind wir dadurch nicht nur vor unſerm gewiſſen
Untergang geſichert, ſondern wir koͤnnen dadurch, wie
ſchon bemerket worden, auch an den Vortheilen der
Regierung Antheil nehmen. Wir wollten wuͤnſchen,
daß wir fuͤr die Standhaftigkeit eines jeden unter uns
Buͤrge ſeyn koͤnnten. Allein, die Wahl des Maͤrtyrer-
Todes fuͤr Leben, Vortheil und irdiſchen Ruhm erfor-
dert eine heroiſche Tugend.

Sollte das Gleichgewicht von Europa die Urſache
des drohenden Ungluͤcks ſeyn, welches uͤber unſer Haupt
zu ſchweben ſcheinet, ſo erlaube man uns hiebey die
Anmerkung zu machen, was denn dieſem Gleichgewichte
fuͤr ein Vortheil daher zuwachſen koͤnne, wenn ſo viel
Millionen Chriſten, welche in vielen Provinzen des Reichs
die Anzahl der Tuͤrken weit uͤberſteigen, ſich, welches
doch Gott auf immer verhuͤten wolle! entſſchloſſen, die
Muhamedaniſche Religion anzunehmen. Wir muͤſſen
ja erwaͤgen, was man durch eine ſo große Anzahl von
Combattanten, die aus Renegaten und deren Abkoͤmm-
lingen beſtehen wuͤrden, und die der bisherigen Erfah-
rung zufolge, unter den Truppen die kriegeriſcheſten
ſind, der Ottomanniſchen Macht fuͤr einen anſehnlichen
Zuwachs geben wuͤrde. Die wilden Janitſcharen, die
Albaneſiſchen Tuͤrken und die Bosniacken, deren Tapfer-
keit ſo ſehr geprieſen wird, waren ehedem unſern Mit-
bruͤder, ſie waren Chriſten. Umſtaͤnde, die unſern ge-
genwaͤrtigen gleich ſind, brachten ſie zu dem ſchaͤndlichen
Entſchluß.

Hierzu koͤmmt noch, daß die Tuͤrken, denen es gewiß
an Tapferkeit nicht fehlet, und die durch ihren Muth
und Bravour auch ihre entſchloſſenſten Feinde in Er-
ſtaunen geſetzt haben, jetzt, durch den gegenwaͤrtigen
Krieg gedemuͤthiget, die Nothwendigkeit einzuſehen an-
[Spaltenumbruch] fangen, von den Chriſten Diſciplin zu lernen, welches
ſie bisher aus Verachtung unterlaſſen haben. Wenn
ſie nun ſelbige bey ihren Soldaten einfuͤhren wollten,
ſollte es wohl an Chriſten fehlen, die aus Gewinnſucht
oder aus andern Urſachen ihre Lehrmeiſter darinn ſeyn
wuͤrden? Als ſie im gegenwaͤrtigen Kriege einſahen,
wie noͤthig ihnen Ingenieurs und Artillerie waͤren, ha-
ben ſich da vielleicht nicht Chriſten genug gefunden, die,
unwuͤrdig dieſes Namens, die Unglaͤubigen hierinn auf
alle Art unterſtuͤtzt haben? Dreyhundert von dieſer Gat-
tung ſind bey der Eroberung von Bender zu Gefangenen
gemacht worden. Und haben nicht auch Chriſten die
Batterien bey den Dardanellen zu Stande gebracht?
Da es nun ſo wahrſcheinlich iſt, daß die Tuͤrken die Kunſt,
ihre Truppen zu diſcipliniren, bey ſich einfuͤhren werden,
nachdem ſie die Nothwendigkeit und die Leichtigkeit, die-
ſes ins Werk zu richten, eingeſehen haben, und denn
zugleich die Furcht vor dem Untergange ihnen eine ſo
große Anzahl wehrhafter Leute zufuͤhren moͤchte; ſo wiſſen
wir nicht, ob diejenigen, welche in den Kabinettern
Europa auf die Wagſchale legen, nicht auch die ehema-
ligen Begebenheiten mit Moatz, Rhodus, Cypern, Can-
dia, Morea, Otranto und ſelbſt Wien mit in Anſchlag
bringen muͤſſen.

Wie wenn ein Fuͤrſt, der das Bekenntniß des Chri-
ſtenthums auf die Ausuͤbung der herrlichſten Tugenden
gruͤndet, der das fuͤhlbarſte menſchlichſte Herz hat, wel-
cher den Anblick eines Ungluͤcklichen nicht ohne innere
Wehmuth ertragen kann, der in ſeinem ganzen Leben
untroͤſtlich ſeyn wuͤrde, wenn er glaubte, daß er ſich den
Untergang eines einzigen Unſchuldigen zuſchreiben muͤßte;
wenn dieſer Fuͤrſt durch falſche Staatsurſachen be-
trogen, die Hand darbieten wollte, um den Arm zuruͤck-
zuhalten, der von der Vorſehung ſelbſt zu unſerer Be-
freyung von der Sclaverey, und zur Befreyung ſo vieler
anderer Chriſten von der Furcht, gefuͤhrt zu ſeyn ſcheinet,
o! ſo werfe er doch ſeine Blicke auf unſere traurige
Betrachtungen, und erwaͤge die Wahrheit der ungluͤck-
[Spaltenumbruch]

<TEI>
  <text>
    <front>
      <pb facs="#f0001" n="[1]"/>
      <titlePage type="main">
        <imprimatur> <hi rendition="#c"> <hi rendition="#b">Mit allergna&#x0364;dig&#x017F;ter Kay&#x017F;erlichen                   Freyheit.</hi> </hi> </imprimatur><lb/>
        <docTitle>
          <titlePart type="main"> <hi rendition="#b">Staats- und<figure/>Gelehrte<lb/> <hi rendition="#in">Z</hi>ei- <figure/>tung</hi><lb/> <hi rendition="#c"> <hi rendition="#b">Des Hamburgi&#x017F;chen unpartheyi&#x017F;chen</hi> </hi><lb/> <hi rendition="#g"> <hi rendition="#aq"> <hi rendition="#i"><hi rendition="#in">C</hi>ORRESPONDENTEN.</hi> </hi> </hi> </titlePart>
        </docTitle><lb/>
        <docDate><hi rendition="#aq">Anno 1771.</hi><space dim="horizontal"/> (Am Freytage, den 26 Julii.)</docDate>
        <space dim="horizontal"/>
        <docTitle>
          <titlePart type="sub"> <hi rendition="#aq">Num. 119.</hi> </titlePart>
        </docTitle>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
      </titlePage><lb/>
    </front>
    <body>
      <cb type="start"/>
      <div type="jPoliticalNews">
        <div xml:id="ar001" type="jArticle">
          <head>
            <ref target="/nn_hamburgischer14_1771/ar002"> <hi rendition="#c #fr">Fort&#x017F;etzung der Wu&#x0364;n&#x017F;che der Griechen an das<lb/>
chri&#x017F;tliche Europa.</hi> </ref>
          </head><lb/>
          <p>Wenn wir al&#x017F;o die Religion un&#x017F;erer Tyrannen an-<lb/>
nehmen, und ihr Intere&#x017F;&#x017F;e auch                   das un&#x017F;rige &#x017F;eyn la&#x017F;&#x017F;en<lb/>
wollen, &#x017F;o &#x017F;ind wir dadurch nicht nur vor un&#x017F;erm                   gewi&#x017F;&#x017F;en<lb/>
Untergang ge&#x017F;ichert, &#x017F;ondern wir ko&#x0364;nnen dadurch, wie<lb/>
&#x017F;chon                   bemerket worden, auch an den Vortheilen der<lb/>
Regierung Antheil nehmen. Wir                   wollten wu&#x0364;n&#x017F;chen,<lb/>
daß wir fu&#x0364;r die Standhaftigkeit eines jeden unter                   uns<lb/>
Bu&#x0364;rge &#x017F;eyn ko&#x0364;nnten. Allein, die Wahl des Ma&#x0364;rtyrer-<lb/>
Todes fu&#x0364;r                   Leben, Vortheil und irdi&#x017F;chen Ruhm erfor-<lb/>
dert eine heroi&#x017F;che Tugend.</p><lb/>
          <p>Sollte das Gleichgewicht von Europa die Ur&#x017F;ache<lb/>
des drohenden Unglu&#x0364;cks &#x017F;eyn,                   welches u&#x0364;ber un&#x017F;er Haupt<lb/>
zu &#x017F;chweben &#x017F;cheinet, &#x017F;o erlaube man uns hiebey                   die<lb/>
Anmerkung zu machen, was denn die&#x017F;em Gleichgewichte<lb/>
fu&#x0364;r ein Vortheil                   daher zuwach&#x017F;en ko&#x0364;nne, wenn &#x017F;o viel<lb/>
Millionen Chri&#x017F;ten, welche in vielen                   Provinzen des Reichs<lb/>
die Anzahl der Tu&#x0364;rken weit u&#x0364;ber&#x017F;teigen, &#x017F;ich,                   welches<lb/>
doch Gott auf immer verhu&#x0364;ten wolle! ent&#x017F;&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;en,                   die<lb/>
Muhamedani&#x017F;che Religion anzunehmen. Wir mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en<lb/>
ja erwa&#x0364;gen, was man                   durch eine &#x017F;o große Anzahl von<lb/>
Combattanten, die aus Renegaten und deren                   Abko&#x0364;mm-<lb/>
lingen be&#x017F;tehen wu&#x0364;rden, und die der bisherigen Erfah-<lb/>
rung                   zufolge, unter den Truppen die kriegeri&#x017F;che&#x017F;ten<lb/>
&#x017F;ind, der Ottomanni&#x017F;chen Macht                   fu&#x0364;r einen an&#x017F;ehnlichen<lb/>
Zuwachs geben wu&#x0364;rde. Die wilden Janit&#x017F;charen,                   die<lb/>
Albane&#x017F;i&#x017F;chen Tu&#x0364;rken und die Bosniacken, deren Tapfer-<lb/>
keit &#x017F;o &#x017F;ehr                   geprie&#x017F;en wird, waren ehedem un&#x017F;ern Mit-<lb/>
bru&#x0364;der, &#x017F;ie waren Chri&#x017F;ten.                   Um&#x017F;ta&#x0364;nde, die un&#x017F;ern ge-<lb/>
genwa&#x0364;rtigen gleich &#x017F;ind, brachten &#x017F;ie zu dem                   &#x017F;cha&#x0364;ndlichen<lb/>
Ent&#x017F;chluß.</p><lb/>
          <p>Hierzu ko&#x0364;mmt noch, daß die Tu&#x0364;rken, denen es gewiß<lb/>
an Tapferkeit nicht                   fehlet, und die durch ihren Muth<lb/>
und Bravour auch ihre ent&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;en&#x017F;ten Feinde                   in Er-<lb/>
&#x017F;taunen ge&#x017F;etzt haben, jetzt, durch den gegenwa&#x0364;rtigen<lb/>
Krieg                   gedemu&#x0364;thiget, die Nothwendigkeit einzu&#x017F;ehen an-<lb/><cb/>
fangen, von den Chri&#x017F;ten                   Di&#x017F;ciplin zu lernen, welches<lb/>
&#x017F;ie bisher aus Verachtung unterla&#x017F;&#x017F;en haben.                   Wenn<lb/>
&#x017F;ie nun &#x017F;elbige bey ihren Soldaten einfu&#x0364;hren wollten,<lb/>
&#x017F;ollte es wohl                   an Chri&#x017F;ten fehlen, die aus Gewinn&#x017F;ucht<lb/>
oder aus andern Ur&#x017F;achen ihre                   Lehrmei&#x017F;ter darinn &#x017F;eyn<lb/>
wu&#x0364;rden? Als &#x017F;ie im gegenwa&#x0364;rtigen Kriege                   ein&#x017F;ahen,<lb/>
wie no&#x0364;thig ihnen Ingenieurs und Artillerie wa&#x0364;ren, ha-<lb/>
ben &#x017F;ich                   da vielleicht nicht Chri&#x017F;ten genug gefunden, die,<lb/>
unwu&#x0364;rdig die&#x017F;es Namens, die                   Ungla&#x0364;ubigen hierinn auf<lb/>
alle Art unter&#x017F;tu&#x0364;tzt haben? Dreyhundert von die&#x017F;er                   Gat-<lb/>
tung &#x017F;ind bey der Eroberung von Bender zu Gefangenen<lb/>
gemacht worden.                   Und haben nicht auch Chri&#x017F;ten die<lb/>
Batterien bey den Dardanellen zu Stande                   gebracht?<lb/>
Da es nun &#x017F;o wahr&#x017F;cheinlich i&#x017F;t, daß die Tu&#x0364;rken die Kun&#x017F;t,<lb/>
ihre                   Truppen zu di&#x017F;cipliniren, bey &#x017F;ich einfu&#x0364;hren werden,<lb/>
nachdem &#x017F;ie die                   Nothwendigkeit und die Leichtigkeit, die-<lb/>
&#x017F;es ins Werk zu richten, einge&#x017F;ehen                   haben, und denn<lb/>
zugleich die Furcht vor dem Untergange ihnen eine &#x017F;o<lb/>
große                   Anzahl wehrhafter Leute zufu&#x0364;hren mo&#x0364;chte; &#x017F;o wi&#x017F;&#x017F;en<lb/>
wir nicht, ob diejenigen,                   welche in den Kabinettern<lb/>
Europa auf die Wag&#x017F;chale legen, nicht auch die                   ehema-<lb/>
ligen Begebenheiten mit Moatz, Rhodus, Cypern, Can-<lb/>
dia, Morea,                   Otranto und &#x017F;elb&#x017F;t Wien mit in An&#x017F;chlag<lb/>
bringen mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en.</p><lb/>
          <p>Wie wenn ein Fu&#x0364;r&#x017F;t, der das Bekenntniß des Chri-<lb/>
&#x017F;tenthums auf die Ausu&#x0364;bung                   der herrlich&#x017F;ten Tugenden<lb/>
gru&#x0364;ndet, der das fu&#x0364;hlbar&#x017F;te men&#x017F;chlich&#x017F;te Herz                   hat, wel-<lb/>
cher den Anblick eines Unglu&#x0364;cklichen nicht ohne innere<lb/>
Wehmuth                   ertragen kann, der in &#x017F;einem ganzen Leben<lb/>
untro&#x0364;&#x017F;tlich &#x017F;eyn wu&#x0364;rde, wenn er                   glaubte, daß er &#x017F;ich den<lb/>
Untergang eines einzigen Un&#x017F;chuldigen zu&#x017F;chreiben                   mu&#x0364;ßte;<lb/>
wenn die&#x017F;er Fu&#x0364;r&#x017F;t durch fal&#x017F;che Staatsur&#x017F;achen be-<lb/>
trogen, die                   Hand darbieten wollte, um den Arm zuru&#x0364;ck-<lb/>
zuhalten, der von der Vor&#x017F;ehung                   &#x017F;elb&#x017F;t zu un&#x017F;erer Be-<lb/>
freyung von der Sclaverey, und zur Befreyung &#x017F;o                   vieler<lb/>
anderer Chri&#x017F;ten von der Furcht, gefu&#x0364;hrt zu &#x017F;eyn &#x017F;cheinet,<lb/>
o! &#x017F;o                   werfe er doch &#x017F;eine Blicke auf un&#x017F;ere traurige<lb/>
Betrachtungen, und erwa&#x0364;ge die                   Wahrheit der unglu&#x0364;ck-<lb/><cb/>
</p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[1]/0001] Mit allergnaͤdigſter Kayſerlichen Freyheit. Staats- und [Abbildung] Gelehrte Zei- [Abbildung] tung Des Hamburgiſchen unpartheyiſchen CORRESPONDENTEN. Anno 1771. (Am Freytage, den 26 Julii.) Num. 119. Fortſetzung der Wuͤnſche der Griechen an das chriſtliche Europa. Wenn wir alſo die Religion unſerer Tyrannen an- nehmen, und ihr Intereſſe auch das unſrige ſeyn laſſen wollen, ſo ſind wir dadurch nicht nur vor unſerm gewiſſen Untergang geſichert, ſondern wir koͤnnen dadurch, wie ſchon bemerket worden, auch an den Vortheilen der Regierung Antheil nehmen. Wir wollten wuͤnſchen, daß wir fuͤr die Standhaftigkeit eines jeden unter uns Buͤrge ſeyn koͤnnten. Allein, die Wahl des Maͤrtyrer- Todes fuͤr Leben, Vortheil und irdiſchen Ruhm erfor- dert eine heroiſche Tugend. Sollte das Gleichgewicht von Europa die Urſache des drohenden Ungluͤcks ſeyn, welches uͤber unſer Haupt zu ſchweben ſcheinet, ſo erlaube man uns hiebey die Anmerkung zu machen, was denn dieſem Gleichgewichte fuͤr ein Vortheil daher zuwachſen koͤnne, wenn ſo viel Millionen Chriſten, welche in vielen Provinzen des Reichs die Anzahl der Tuͤrken weit uͤberſteigen, ſich, welches doch Gott auf immer verhuͤten wolle! entſſchloſſen, die Muhamedaniſche Religion anzunehmen. Wir muͤſſen ja erwaͤgen, was man durch eine ſo große Anzahl von Combattanten, die aus Renegaten und deren Abkoͤmm- lingen beſtehen wuͤrden, und die der bisherigen Erfah- rung zufolge, unter den Truppen die kriegeriſcheſten ſind, der Ottomanniſchen Macht fuͤr einen anſehnlichen Zuwachs geben wuͤrde. Die wilden Janitſcharen, die Albaneſiſchen Tuͤrken und die Bosniacken, deren Tapfer- keit ſo ſehr geprieſen wird, waren ehedem unſern Mit- bruͤder, ſie waren Chriſten. Umſtaͤnde, die unſern ge- genwaͤrtigen gleich ſind, brachten ſie zu dem ſchaͤndlichen Entſchluß. Hierzu koͤmmt noch, daß die Tuͤrken, denen es gewiß an Tapferkeit nicht fehlet, und die durch ihren Muth und Bravour auch ihre entſchloſſenſten Feinde in Er- ſtaunen geſetzt haben, jetzt, durch den gegenwaͤrtigen Krieg gedemuͤthiget, die Nothwendigkeit einzuſehen an- fangen, von den Chriſten Diſciplin zu lernen, welches ſie bisher aus Verachtung unterlaſſen haben. Wenn ſie nun ſelbige bey ihren Soldaten einfuͤhren wollten, ſollte es wohl an Chriſten fehlen, die aus Gewinnſucht oder aus andern Urſachen ihre Lehrmeiſter darinn ſeyn wuͤrden? Als ſie im gegenwaͤrtigen Kriege einſahen, wie noͤthig ihnen Ingenieurs und Artillerie waͤren, ha- ben ſich da vielleicht nicht Chriſten genug gefunden, die, unwuͤrdig dieſes Namens, die Unglaͤubigen hierinn auf alle Art unterſtuͤtzt haben? Dreyhundert von dieſer Gat- tung ſind bey der Eroberung von Bender zu Gefangenen gemacht worden. Und haben nicht auch Chriſten die Batterien bey den Dardanellen zu Stande gebracht? Da es nun ſo wahrſcheinlich iſt, daß die Tuͤrken die Kunſt, ihre Truppen zu diſcipliniren, bey ſich einfuͤhren werden, nachdem ſie die Nothwendigkeit und die Leichtigkeit, die- ſes ins Werk zu richten, eingeſehen haben, und denn zugleich die Furcht vor dem Untergange ihnen eine ſo große Anzahl wehrhafter Leute zufuͤhren moͤchte; ſo wiſſen wir nicht, ob diejenigen, welche in den Kabinettern Europa auf die Wagſchale legen, nicht auch die ehema- ligen Begebenheiten mit Moatz, Rhodus, Cypern, Can- dia, Morea, Otranto und ſelbſt Wien mit in Anſchlag bringen muͤſſen. Wie wenn ein Fuͤrſt, der das Bekenntniß des Chri- ſtenthums auf die Ausuͤbung der herrlichſten Tugenden gruͤndet, der das fuͤhlbarſte menſchlichſte Herz hat, wel- cher den Anblick eines Ungluͤcklichen nicht ohne innere Wehmuth ertragen kann, der in ſeinem ganzen Leben untroͤſtlich ſeyn wuͤrde, wenn er glaubte, daß er ſich den Untergang eines einzigen Unſchuldigen zuſchreiben muͤßte; wenn dieſer Fuͤrſt durch falſche Staatsurſachen be- trogen, die Hand darbieten wollte, um den Arm zuruͤck- zuhalten, der von der Vorſehung ſelbſt zu unſerer Be- freyung von der Sclaverey, und zur Befreyung ſo vieler anderer Chriſten von der Furcht, gefuͤhrt zu ſeyn ſcheinet, o! ſo werfe er doch ſeine Blicke auf unſere traurige Betrachtungen, und erwaͤge die Wahrheit der ungluͤck-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Britt-Marie Schuster, Manuel Wille, Arnika Lutz, Fabienne Wollny: Bereitstellung der Texttranskription. (2014-07-07T12:30:46Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.

Weitere Informationen:

Die Transkription erfolgte nach den unter http://www.deutschestextarchiv.de/doku/basisformat formulierten Richtlinien.

Verfahren der Texterfassung: manuell (einfach erfasst).

I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/hc_1192607_1771
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/hc_1192607_1771/1
Zitationshilfe: Staats- und Gelehrte Zeitung Des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten. Nr. 119, Hamburg, 26. Julii 1771, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/hc_1192607_1771/1>, abgerufen am 05.04.2020.