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Herbart, Johann Friedrich: Psychologie als Wissenschaft. Bd. 2. Königsberg, 1825.

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mungen dieses Zusammen, dieser Verschmelzungen und
Hemmungen, entfalten die vorgestellte Welt; in der
Mitte der Welt aber das vorgestellte eigne Selbst. Durch-
laufend die Stufen der menschlichen Ausbildung kommt
die Seele bis zur Wissenschaft; einem Werke, wozu
der Stoff sowohl als die erzeugende Kraft herrührt von
den Vorstellungen in ihrem Zusammen. Die Wissen-
schaft redet von der Seele
, als dem Grunde der
vorgestellten Welt und des eignen Selbst. In der Wis-
senschaft ist das Wissende die Seele
. Hier
ist Wissendes und Gewusstes Eins und dasselbe; die
Seele in dem System ihrer Selbsterhaltungen. So weiss
Ich von Mir; nicht mit angeborner, aber mit einer auf
immer erworbenen Kenntniss. --


Drittes Capitel.
Von unserer Auffassung der Welt, und den
damit verbundenen Täuschungen.
§. 139.

Jetzt geht der Weg unserer Untersuchung gerade
über das Feld der sogenannten Vernunftkritik; denn wir
müssen nun das Geschäfft, die Formen der Erfahrung
nach ihrem Ursprunge psychologisch zu erklären, vollends
zu Ende bringen; nachdem wir über die erste Erzengung
der räumlichen und zeitlichen Vorstellungen, desgleichen
über die Entstehung und Fortbildung des Selbstbewusst-
seyns, schon Auskunft gegeben haben. Es kommen zu-
nächst die Begriffe von Substanz und Kraft an die Reihe;
dann die Vorstellungen von Materie und Bewegung.
Dass hiebey weder von Kategorien noch von deren Be-
schränkung auf Gegenstände der Sinne, die Rede seyn
werde; dass unsere Absicht weit verschieden sey von der,

mungen dieses Zusammen, dieser Verschmelzungen und
Hemmungen, entfalten die vorgestellte Welt; in der
Mitte der Welt aber das vorgestellte eigne Selbst. Durch-
laufend die Stufen der menschlichen Ausbildung kommt
die Seele bis zur Wissenschaft; einem Werke, wozu
der Stoff sowohl als die erzeugende Kraft herrührt von
den Vorstellungen in ihrem Zusammen. Die Wissen-
schaft redet von der Seele
, als dem Grunde der
vorgestellten Welt und des eignen Selbst. In der Wis-
senschaft ist das Wissende die Seele
. Hier
ist Wissendes und Gewuſstes Eins und dasselbe; die
Seele in dem System ihrer Selbsterhaltungen. So weiſs
Ich von Mir; nicht mit angeborner, aber mit einer auf
immer erworbenen Kenntniſs. —


Drittes Capitel.
Von unserer Auffassung der Welt, und den
damit verbundenen Täuschungen.
§. 139.

Jetzt geht der Weg unserer Untersuchung gerade
über das Feld der sogenannten Vernunftkritik; denn wir
müssen nun das Geschäfft, die Formen der Erfahrung
nach ihrem Ursprunge psychologisch zu erklären, vollends
zu Ende bringen; nachdem wir über die erste Erzengung
der räumlichen und zeitlichen Vorstellungen, desgleichen
über die Entstehung und Fortbildung des Selbstbewuſst-
seyns, schon Auskunft gegeben haben. Es kommen zu-
nächst die Begriffe von Substanz und Kraft an die Reihe;
dann die Vorstellungen von Materie und Bewegung.
Daſs hiebey weder von Kategorien noch von deren Be-
schränkung auf Gegenstände der Sinne, die Rede seyn
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[296/0331] mungen dieses Zusammen, dieser Verschmelzungen und Hemmungen, entfalten die vorgestellte Welt; in der Mitte der Welt aber das vorgestellte eigne Selbst. Durch- laufend die Stufen der menschlichen Ausbildung kommt die Seele bis zur Wissenschaft; einem Werke, wozu der Stoff sowohl als die erzeugende Kraft herrührt von den Vorstellungen in ihrem Zusammen. Die Wissen- schaft redet von der Seele, als dem Grunde der vorgestellten Welt und des eignen Selbst. In der Wis- senschaft ist das Wissende die Seele. Hier ist Wissendes und Gewuſstes Eins und dasselbe; die Seele in dem System ihrer Selbsterhaltungen. So weiſs Ich von Mir; nicht mit angeborner, aber mit einer auf immer erworbenen Kenntniſs. — Drittes Capitel. Von unserer Auffassung der Welt, und den damit verbundenen Täuschungen. §. 139. Jetzt geht der Weg unserer Untersuchung gerade über das Feld der sogenannten Vernunftkritik; denn wir müssen nun das Geschäfft, die Formen der Erfahrung nach ihrem Ursprunge psychologisch zu erklären, vollends zu Ende bringen; nachdem wir über die erste Erzengung der räumlichen und zeitlichen Vorstellungen, desgleichen über die Entstehung und Fortbildung des Selbstbewuſst- seyns, schon Auskunft gegeben haben. Es kommen zu- nächst die Begriffe von Substanz und Kraft an die Reihe; dann die Vorstellungen von Materie und Bewegung. Daſs hiebey weder von Kategorien noch von deren Be- schränkung auf Gegenstände der Sinne, die Rede seyn werde; daſs unsere Absicht weit verschieden sey von der,

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Zitationshilfe: Herbart, Johann Friedrich: Psychologie als Wissenschaft. Bd. 2. Königsberg, 1825, S. 296. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/herbart_psychologie02_1825/331>, abgerufen am 23.04.2019.