Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Herbart, Johann Friedrich: Psychologie als Wissenschaft. Bd. 2. Königsberg, 1825.

Bild:
<< vorherige Seite

Endlich kommt noch die Beobachtung hinzu, dass
in den allermeisten Fällen, Veränderungen erst dann er-
folgen, wann die Dinge, die man als Ursachen derselben
anzusehen sich berechtigt glaubt, den leidenden Gegen-
ständen räumlich nahe gekommen sind. Dadurch wird
der Raum zum Symbol der möglichen Gemein-
schaft der Dinge im Causal-Verhältniss
; indem
alle Dinge, in so fern sie in Einem und demselben Raume
sind, nur scheinen ihre Entfernungen durchlaufen zu müs-
sen, um aufeinander wirken zu können. Aus der einmal
angenommenen Möglichkeit des Wirkens folgt alsdann,
dass die Dinge, für welche diese Möglichkeit vorausge-
setzt wird, in dem Raume stets irgendwo seyn müssen.
Der Gedanke, dass ein Ding sich aus diesem Raume
gänzlich verlöre, dass es nirgends wäre, vernichtet den
Weg, auf welchem herbeykommend, es zu den andern
Dingen hingelangen muss, auf die es soll wirken können.
So ergiebt sich nun ein vermeintlicher Grund der Noth-
wendigkeit, dass in dem System der Dinge jedes einen
Ort haben müsse, und dass, nirgends seyn, soviel heisse,
als gar nicht seyn. Doch ist sogleich klar, dass statt
des gar nicht seyn gesetzt werden sollte: für die
übrigen Dinge so gut als nicht vorhanden seyn
;
welches letztere, jedoch unter vielen nähern Bestimmun-
gen, auch in der Metaphysik als richtig erkannt wird.

§. 144.

Der Materie, sofern sie den Raum erfüllt, ist analog
das Geschehen in der Zeit; und jeder, im Philosophiren
nicht Ungeübte, wird sich sogleich der ähnlichen Dun-
kelheiten in diesem und jenem erinnern. Dass aber beyde
Begriffe, sammt ihren Schwierigkeiten, den gleichen psy-
chologischen Ursprung haben, lässt sich erkennen aus
den §§. 112. bis 115.

Zuvörderst müssen wir hier bemerken, dass die Ne-
gation im Begriffe des Aufhörens, deren Entstehung wir
im §. 115. noch vermissten, sich sehr leicht vermittelst
der negativen Urtheile ergiebt, nach §. 123. Veranlassung

zu

Endlich kommt noch die Beobachtung hinzu, daſs
in den allermeisten Fällen, Veränderungen erst dann er-
folgen, wann die Dinge, die man als Ursachen derselben
anzusehen sich berechtigt glaubt, den leidenden Gegen-
ständen räumlich nahe gekommen sind. Dadurch wird
der Raum zum Symbol der möglichen Gemein-
schaft der Dinge im Causal-Verhältniſs
; indem
alle Dinge, in so fern sie in Einem und demselben Raume
sind, nur scheinen ihre Entfernungen durchlaufen zu müs-
sen, um aufeinander wirken zu können. Aus der einmal
angenommenen Möglichkeit des Wirkens folgt alsdann,
daſs die Dinge, für welche diese Möglichkeit vorausge-
setzt wird, in dem Raume stets irgendwo seyn müssen.
Der Gedanke, daſs ein Ding sich aus diesem Raume
gänzlich verlöre, daſs es nirgends wäre, vernichtet den
Weg, auf welchem herbeykommend, es zu den andern
Dingen hingelangen muſs, auf die es soll wirken können.
So ergiebt sich nun ein vermeintlicher Grund der Noth-
wendigkeit, daſs in dem System der Dinge jedes einen
Ort haben müsse, und daſs, nirgends seyn, soviel heiſse,
als gar nicht seyn. Doch ist sogleich klar, daſs statt
des gar nicht seyn gesetzt werden sollte: für die
übrigen Dinge so gut als nicht vorhanden seyn
;
welches letztere, jedoch unter vielen nähern Bestimmun-
gen, auch in der Metaphysik als richtig erkannt wird.

§. 144.

Der Materie, sofern sie den Raum erfüllt, ist analog
das Geschehen in der Zeit; und jeder, im Philosophiren
nicht Ungeübte, wird sich sogleich der ähnlichen Dun-
kelheiten in diesem und jenem erinnern. Daſs aber beyde
Begriffe, sammt ihren Schwierigkeiten, den gleichen psy-
chologischen Ursprung haben, läſst sich erkennen aus
den §§. 112. bis 115.

Zuvörderst müssen wir hier bemerken, daſs die Ne-
gation im Begriffe des Aufhörens, deren Entstehung wir
im §. 115. noch vermiſsten, sich sehr leicht vermittelst
der negativen Urtheile ergiebt, nach §. 123. Veranlassung

zu
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <pb facs="#f0387" n="352"/>
              <p>Endlich kommt noch die Beobachtung hinzu, da&#x017F;s<lb/>
in den allermeisten Fällen, Veränderungen erst dann er-<lb/>
folgen, wann die Dinge, die man als Ursachen derselben<lb/>
anzusehen sich berechtigt glaubt, den leidenden Gegen-<lb/>
ständen räumlich nahe gekommen sind. <hi rendition="#g">Dadurch wird<lb/>
der Raum zum Symbol der möglichen Gemein-<lb/>
schaft der Dinge im Causal-Verhältni&#x017F;s</hi>; indem<lb/>
alle Dinge, in so fern sie in Einem und demselben Raume<lb/>
sind, nur scheinen ihre Entfernungen durchlaufen zu müs-<lb/>
sen, um aufeinander wirken zu können. Aus der einmal<lb/>
angenommenen Möglichkeit des Wirkens folgt alsdann,<lb/>
da&#x017F;s die Dinge, für welche diese Möglichkeit vorausge-<lb/>
setzt wird, in dem Raume stets <hi rendition="#g">irgendwo</hi> seyn müssen.<lb/>
Der Gedanke, da&#x017F;s ein Ding sich aus diesem Raume<lb/>
gänzlich verlöre, da&#x017F;s es <hi rendition="#g">nirgends</hi> wäre, vernichtet den<lb/><hi rendition="#g">Weg</hi>, auf welchem herbeykommend, es zu den andern<lb/>
Dingen hingelangen mu&#x017F;s, auf die es soll wirken können.<lb/>
So ergiebt sich nun ein vermeintlicher Grund der Noth-<lb/>
wendigkeit, da&#x017F;s in dem System der Dinge jedes einen<lb/>
Ort haben müsse, und da&#x017F;s, nirgends seyn, soviel hei&#x017F;se,<lb/>
als gar nicht seyn. Doch ist sogleich klar, da&#x017F;s statt<lb/>
des <hi rendition="#g">gar nicht seyn</hi> gesetzt werden sollte: <hi rendition="#g">für die<lb/>
übrigen Dinge so gut als nicht vorhanden seyn</hi>;<lb/>
welches letztere, jedoch unter vielen nähern Bestimmun-<lb/>
gen, auch in der Metaphysik als richtig erkannt wird.</p>
            </div><lb/>
            <div n="4">
              <head>§. 144.</head><lb/>
              <p>Der Materie, sofern sie den Raum erfüllt, ist analog<lb/>
das Geschehen in der Zeit; und jeder, im Philosophiren<lb/>
nicht Ungeübte, wird sich sogleich der ähnlichen Dun-<lb/>
kelheiten in diesem und jenem erinnern. Da&#x017F;s aber beyde<lb/>
Begriffe, sammt ihren Schwierigkeiten, den gleichen psy-<lb/>
chologischen Ursprung haben, lä&#x017F;st sich erkennen aus<lb/>
den §§. 112. bis 115.</p><lb/>
              <p>Zuvörderst müssen wir hier bemerken, da&#x017F;s die Ne-<lb/>
gation im Begriffe des Aufhörens, deren Entstehung wir<lb/>
im §. 115. noch vermi&#x017F;sten, sich sehr leicht vermittelst<lb/>
der negativen Urtheile ergiebt, nach §. 123. Veranlassung<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">zu</fw><lb/></p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[352/0387] Endlich kommt noch die Beobachtung hinzu, daſs in den allermeisten Fällen, Veränderungen erst dann er- folgen, wann die Dinge, die man als Ursachen derselben anzusehen sich berechtigt glaubt, den leidenden Gegen- ständen räumlich nahe gekommen sind. Dadurch wird der Raum zum Symbol der möglichen Gemein- schaft der Dinge im Causal-Verhältniſs; indem alle Dinge, in so fern sie in Einem und demselben Raume sind, nur scheinen ihre Entfernungen durchlaufen zu müs- sen, um aufeinander wirken zu können. Aus der einmal angenommenen Möglichkeit des Wirkens folgt alsdann, daſs die Dinge, für welche diese Möglichkeit vorausge- setzt wird, in dem Raume stets irgendwo seyn müssen. Der Gedanke, daſs ein Ding sich aus diesem Raume gänzlich verlöre, daſs es nirgends wäre, vernichtet den Weg, auf welchem herbeykommend, es zu den andern Dingen hingelangen muſs, auf die es soll wirken können. So ergiebt sich nun ein vermeintlicher Grund der Noth- wendigkeit, daſs in dem System der Dinge jedes einen Ort haben müsse, und daſs, nirgends seyn, soviel heiſse, als gar nicht seyn. Doch ist sogleich klar, daſs statt des gar nicht seyn gesetzt werden sollte: für die übrigen Dinge so gut als nicht vorhanden seyn; welches letztere, jedoch unter vielen nähern Bestimmun- gen, auch in der Metaphysik als richtig erkannt wird. §. 144. Der Materie, sofern sie den Raum erfüllt, ist analog das Geschehen in der Zeit; und jeder, im Philosophiren nicht Ungeübte, wird sich sogleich der ähnlichen Dun- kelheiten in diesem und jenem erinnern. Daſs aber beyde Begriffe, sammt ihren Schwierigkeiten, den gleichen psy- chologischen Ursprung haben, läſst sich erkennen aus den §§. 112. bis 115. Zuvörderst müssen wir hier bemerken, daſs die Ne- gation im Begriffe des Aufhörens, deren Entstehung wir im §. 115. noch vermiſsten, sich sehr leicht vermittelst der negativen Urtheile ergiebt, nach §. 123. Veranlassung zu

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/herbart_psychologie02_1825
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/herbart_psychologie02_1825/387
Zitationshilfe: Herbart, Johann Friedrich: Psychologie als Wissenschaft. Bd. 2. Königsberg, 1825, S. 352. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/herbart_psychologie02_1825/387>, abgerufen am 18.04.2019.