Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Herder, Johann Gottfried von: Von Deutscher Art und Kunst. Hamburg, 1773.

Bild:
<< vorherige Seite
Der das hat angefangen
Der wird es auch vollenden --

so wolte ich fragen, wie viele unsre neuern Lie-
derdichter dergleichen Strophen, (ich sage nicht
dem Jnhalt, sondern der Art nach) gemacht
haben? und wie viele haben Luthern ver-
bessert?



... Auch Sie beklagens, daß die Romanze
diese ursprünglich so edle und feyer-
liche Dichtart bey uns zu Nichts, als zum
Niedrigkomischen und Abentheuerlichen ge-
braucht, oder vielmehr gemißbraucht werde --
ich beklage es gewiß mit: denn wie wahrer,
tiefer und daurender ist das Vergnügen, das
eine sanfte oder rührende Romanze, des alten
Englands oder der Provinzialen, und eine
neuere Deutsche voll niedrigen abgebrauchten,
pöbelhaften Spottes und Wortwitzes nachläßt.
Aber noch sonderbarer ists, daß in dieser letzten
Gestalt die Romanze uns fast nur bekannt ge-
worden zu seyn scheint.

Gleim sang seine Marianne so schön --
ich sage, er sang sie schön: denn eigentlich ist
das Stück Zug vor Zug eine alte Französische
Romanze, die Sie, (wenn Sie das noch nicht
wissen,) wie mich dünkt, auch in dem neuen

choix
Der das hat angefangen
Der wird es auch vollenden —

ſo wolte ich fragen, wie viele unſre neuern Lie-
derdichter dergleichen Strophen, (ich ſage nicht
dem Jnhalt, ſondern der Art nach) gemacht
haben? und wie viele haben Luthern ver-
beſſert?



… Auch Sie beklagens, daß die Romanze
dieſe urſpruͤnglich ſo edle und feyer-
liche Dichtart bey uns zu Nichts, als zum
Niedrigkomiſchen und Abentheuerlichen ge-
braucht, oder vielmehr gemißbraucht werde —
ich beklage es gewiß mit: denn wie wahrer,
tiefer und daurender iſt das Vergnuͤgen, das
eine ſanfte oder ruͤhrende Romanze, des alten
Englands oder der Provinzialen, und eine
neuere Deutſche voll niedrigen abgebrauchten,
poͤbelhaften Spottes und Wortwitzes nachlaͤßt.
Aber noch ſonderbarer iſts, daß in dieſer letzten
Geſtalt die Romanze uns faſt nur bekannt ge-
worden zu ſeyn ſcheint.

Gleim ſang ſeine Marianne ſo ſchoͤn —
ich ſage, er ſang ſie ſchoͤn: denn eigentlich iſt
das Stuͤck Zug vor Zug eine alte Franzoͤſiſche
Romanze, die Sie, (wenn Sie das noch nicht
wiſſen,) wie mich duͤnkt, auch in dem neuen

choix
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <cit>
          <quote>
            <lg type="poem">
              <pb facs="#f0072" n="68"/>
              <l>Der das hat angefangen</l><lb/>
              <l>Der wird es auch vollenden &#x2014;</l>
            </lg>
          </quote>
          <bibl/>
        </cit><lb/>
        <p>&#x017F;o wolte ich fragen, wie viele un&#x017F;re neuern Lie-<lb/>
derdichter dergleichen Strophen, (ich &#x017F;age nicht<lb/>
dem Jnhalt, &#x017F;ondern der Art nach) gemacht<lb/>
haben? und wie viele haben Luthern ver-<lb/>
be&#x017F;&#x017F;ert?</p><lb/>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/>
        <p><hi rendition="#in">&#x2026; A</hi>uch Sie beklagens, daß die Romanze<lb/>
die&#x017F;e ur&#x017F;pru&#x0364;nglich &#x017F;o edle und feyer-<lb/>
liche Dichtart bey uns zu Nichts, als zum<lb/>
Niedrigkomi&#x017F;chen und Abentheuerlichen ge-<lb/>
braucht, oder vielmehr gemißbraucht werde &#x2014;<lb/>
ich beklage es gewiß mit: denn wie wahrer,<lb/>
tiefer und daurender i&#x017F;t das Vergnu&#x0364;gen, das<lb/>
eine &#x017F;anfte oder ru&#x0364;hrende Romanze, des alten<lb/>
Englands oder der Provinzialen, und eine<lb/>
neuere Deut&#x017F;che voll niedrigen abgebrauchten,<lb/>
po&#x0364;belhaften Spottes und Wortwitzes nachla&#x0364;ßt.<lb/>
Aber noch &#x017F;onderbarer i&#x017F;ts, daß in die&#x017F;er letzten<lb/>
Ge&#x017F;talt die Romanze uns fa&#x017F;t nur bekannt ge-<lb/>
worden zu &#x017F;eyn &#x017F;cheint.</p><lb/>
        <p><hi rendition="#fr">Gleim</hi> &#x017F;ang &#x017F;eine <hi rendition="#fr">Marianne</hi> &#x017F;o &#x017F;cho&#x0364;n &#x2014;<lb/>
ich &#x017F;age, er &#x017F;ang &#x017F;ie &#x017F;cho&#x0364;n: denn eigentlich i&#x017F;t<lb/>
das Stu&#x0364;ck Zug vor Zug eine alte Franzo&#x0364;&#x017F;i&#x017F;che<lb/>
Romanze, die Sie, (wenn Sie das noch nicht<lb/>
wi&#x017F;&#x017F;en,) wie mich du&#x0364;nkt, auch in dem neuen<lb/>
<fw place="bottom" type="catch"><hi rendition="#aq">choix</hi></fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[68/0072] Der das hat angefangen Der wird es auch vollenden — ſo wolte ich fragen, wie viele unſre neuern Lie- derdichter dergleichen Strophen, (ich ſage nicht dem Jnhalt, ſondern der Art nach) gemacht haben? und wie viele haben Luthern ver- beſſert? … Auch Sie beklagens, daß die Romanze dieſe urſpruͤnglich ſo edle und feyer- liche Dichtart bey uns zu Nichts, als zum Niedrigkomiſchen und Abentheuerlichen ge- braucht, oder vielmehr gemißbraucht werde — ich beklage es gewiß mit: denn wie wahrer, tiefer und daurender iſt das Vergnuͤgen, das eine ſanfte oder ruͤhrende Romanze, des alten Englands oder der Provinzialen, und eine neuere Deutſche voll niedrigen abgebrauchten, poͤbelhaften Spottes und Wortwitzes nachlaͤßt. Aber noch ſonderbarer iſts, daß in dieſer letzten Geſtalt die Romanze uns faſt nur bekannt ge- worden zu ſeyn ſcheint. Gleim ſang ſeine Marianne ſo ſchoͤn — ich ſage, er ſang ſie ſchoͤn: denn eigentlich iſt das Stuͤck Zug vor Zug eine alte Franzoͤſiſche Romanze, die Sie, (wenn Sie das noch nicht wiſſen,) wie mich duͤnkt, auch in dem neuen choix

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/herder_artundkunst_1773
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/herder_artundkunst_1773/72
Zitationshilfe: Herder, Johann Gottfried von: Von Deutscher Art und Kunst. Hamburg, 1773, S. 68. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/herder_artundkunst_1773/72>, abgerufen am 05.12.2020.