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Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767.

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Und was folgt nun aus allem diesem? Viel-
leicht viel -- aber hier mag eins genug
seyn! -- Es ist immer ein Girard im
Deutschen zu wünschen; recht sehr zu wün-
schen -- aber ein Gesezgeber muß er nicht
durchaus werden. Jn einer nicht Jdeal-
Philosophischen Sprache alle Synonymen ab-
schaffen zu wollen, gebühret einem zweiten
Claudius und Chilperich, die neue Buch-
staben einführen wollten, und Grammatiker
zu A B C Märtirern machten.



8.

Von der andern Seite hat man, um unsre
Sprache auszubilden, so sehr die Uebersezzun-
gen angerathen, daß ich hierüber eine merk-
würdige Stelle der Litteraturbriefe anführe: *

"Der wahre Uebersezzer hat eine höhere
"Absicht, als den Lesern fremde Bücher ver-
"ständlich zu machen; eine Absicht, die ihn zum
"Range eines Autors erhebt, und den kleinen

"Krämer
* Th. 13. p. 98.

Und was folgt nun aus allem dieſem? Viel-
leicht viel — aber hier mag eins genug
ſeyn! — Es iſt immer ein Girard im
Deutſchen zu wuͤnſchen; recht ſehr zu wuͤn-
ſchen — aber ein Geſezgeber muß er nicht
durchaus werden. Jn einer nicht Jdeal-
Philoſophiſchen Sprache alle Synonymen ab-
ſchaffen zu wollen, gebuͤhret einem zweiten
Claudius und Chilperich, die neue Buch-
ſtaben einfuͤhren wollten, und Grammatiker
zu A B C Maͤrtirern machten.



8.

Von der andern Seite hat man, um unſre
Sprache auszubilden, ſo ſehr die Ueberſezzun-
gen angerathen, daß ich hieruͤber eine merk-
wuͤrdige Stelle der Litteraturbriefe anfuͤhre: *

„Der wahre Ueberſezzer hat eine hoͤhere
„Abſicht, als den Leſern fremde Buͤcher ver-
„ſtaͤndlich zu machen; eine Abſicht, die ihn zum
„Range eines Autors erhebt, und den kleinen

„Kraͤmer
* Th. 13. p. 98.
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[62/0066] Und was folgt nun aus allem dieſem? Viel- leicht viel — aber hier mag eins genug ſeyn! — Es iſt immer ein Girard im Deutſchen zu wuͤnſchen; recht ſehr zu wuͤn- ſchen — aber ein Geſezgeber muß er nicht durchaus werden. Jn einer nicht Jdeal- Philoſophiſchen Sprache alle Synonymen ab- ſchaffen zu wollen, gebuͤhret einem zweiten Claudius und Chilperich, die neue Buch- ſtaben einfuͤhren wollten, und Grammatiker zu A B C Maͤrtirern machten. 8. Von der andern Seite hat man, um unſre Sprache auszubilden, ſo ſehr die Ueberſezzun- gen angerathen, daß ich hieruͤber eine merk- wuͤrdige Stelle der Litteraturbriefe anfuͤhre: * „Der wahre Ueberſezzer hat eine hoͤhere „Abſicht, als den Leſern fremde Buͤcher ver- „ſtaͤndlich zu machen; eine Abſicht, die ihn zum „Range eines Autors erhebt, und den kleinen „Kraͤmer * Th. 13. p. 98.

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Zitationshilfe: Herder, Johann Gottfried von: Ueber die neuere Deutsche Litteratur. Bd. 1. Riga, 1767, S. 62. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/herder_litteratur01_1767/66>, abgerufen am 25.05.2020.