Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Herder, Johann Gottfried von]: Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit. [Riga], 1774.

Bild:
<< vorherige Seite



Theil des Knabenalters der Menschheit an
Neigungen und Känntnissen gebildet werden
sollte, wie in Orient die Kindheit! Eben so
leicht und unvermerkt als dort die Genese, war
hier die Metamorphose.

Aegypten war ohne Viehweide und Hir-
tenleben:
der Patriarchengeist der ersten Hütte
gieng also verlohren. Aber aus Nilschlamm
gebildet
und von ihm befruchtet, gabs, bey-
nahe eben so leicht, den vortreflichsten Acker-
bau:
Also ward die Schäferwelt von Sit-
ten, Neigungen, Känntnissen ein Bezirk von
Ackermenschen. Das Wanderleben hörte
auf: es wurden veste Sitze, Landeigenthum.
Länder musten ausgemessen, jedem das Seine
bestimmt, jeder bey dem Seinen beschützt wer-
den: jeden konnte man also auch bey dem
Seinen sinden -- es ward Landessicherheit,
Pflege der Gerechtigkeit, Ordnung, Policey,

wie alles im Wanderleben des Orients nie
möglich gewesen: es ward neue Welt. Nun
kam eine Jndustrie auf, wie sie der selige,
müßige Hüttenwohner, der Pilger und Fremd-
ling auf Erden, nicht gekannt hatte: Künste
erfunden, die jener weder brauchte noch zu
brauchen Lust fühlte. Bey dem Geist ägypti-

scher



Theil des Knabenalters der Menſchheit an
Neigungen und Kaͤnntniſſen gebildet werden
ſollte, wie in Orient die Kindheit! Eben ſo
leicht und unvermerkt als dort die Geneſe, war
hier die Metamorphoſe.

Aegypten war ohne Viehweide und Hir-
tenleben:
der Patriarchengeiſt der erſten Huͤtte
gieng alſo verlohren. Aber aus Nilſchlamm
gebildet
und von ihm befruchtet, gabs, bey-
nahe eben ſo leicht, den vortreflichſten Acker-
bau:
Alſo ward die Schaͤferwelt von Sit-
ten, Neigungen, Kaͤnntniſſen ein Bezirk von
Ackermenſchen. Das Wanderleben hoͤrte
auf: es wurden veſte Sitze, Landeigenthum.
Laͤnder muſten ausgemeſſen, jedem das Seine
beſtimmt, jeder bey dem Seinen beſchuͤtzt wer-
den: jeden konnte man alſo auch bey dem
Seinen ſinden — es ward Landesſicherheit,
Pflege der Gerechtigkeit, Ordnung, Policey,

wie alles im Wanderleben des Orients nie
moͤglich geweſen: es ward neue Welt. Nun
kam eine Jnduſtrie auf, wie ſie der ſelige,
muͤßige Huͤttenwohner, der Pilger und Fremd-
ling auf Erden, nicht gekannt hatte: Kuͤnſte
erfunden, die jener weder brauchte noch zu
brauchen Luſt fuͤhlte. Bey dem Geiſt aͤgypti-

ſcher
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0024" n="20"/><fw place="top" type="header"><milestone rendition="#hr" unit="section"/><lb/></fw> Theil des <hi rendition="#b">Knabenalters</hi> der Men&#x017F;chheit an<lb/>
Neigungen und Ka&#x0364;nntni&#x017F;&#x017F;en gebildet werden<lb/>
&#x017F;ollte, wie in Orient die Kindheit! Eben &#x017F;o<lb/>
leicht und unvermerkt als dort die Gene&#x017F;e, war<lb/>
hier die Metamorpho&#x017F;e.</p><lb/>
          <p>Aegypten war ohne <hi rendition="#b">Viehweide und Hir-<lb/>
tenleben:</hi> der Patriarchengei&#x017F;t der er&#x017F;ten Hu&#x0364;tte<lb/>
gieng al&#x017F;o verlohren. Aber <hi rendition="#b">aus Nil&#x017F;chlamm<lb/>
gebildet</hi> und von ihm <hi rendition="#b">befruchtet,</hi> gabs, bey-<lb/>
nahe eben &#x017F;o leicht, den vortreflich&#x017F;ten <hi rendition="#b">Acker-<lb/>
bau:</hi> Al&#x017F;o ward die Scha&#x0364;ferwelt von Sit-<lb/>
ten, Neigungen, Ka&#x0364;nntni&#x017F;&#x017F;en ein Bezirk von<lb/><hi rendition="#b">Ackermen&#x017F;chen.</hi> Das Wanderleben ho&#x0364;rte<lb/>
auf: es wurden ve&#x017F;te Sitze, <hi rendition="#b">Landeigenthum.</hi><lb/>
La&#x0364;nder mu&#x017F;ten ausgeme&#x017F;&#x017F;en, jedem das Seine<lb/>
be&#x017F;timmt, jeder bey dem Seinen be&#x017F;chu&#x0364;tzt wer-<lb/>
den: jeden konnte man al&#x017F;o auch bey dem<lb/>
Seinen &#x017F;inden &#x2014; es ward <hi rendition="#b">Landes&#x017F;icherheit,<lb/>
Pflege der Gerechtigkeit, Ordnung, Policey,</hi><lb/>
wie alles im Wanderleben des Orients nie<lb/>
mo&#x0364;glich gewe&#x017F;en: es ward <hi rendition="#b">neue Welt.</hi> Nun<lb/>
kam eine <hi rendition="#b">Jndu&#x017F;trie</hi> auf, wie &#x017F;ie der &#x017F;elige,<lb/>
mu&#x0364;ßige Hu&#x0364;ttenwohner, der Pilger und Fremd-<lb/>
ling auf Erden, nicht gekannt hatte: <hi rendition="#b">Ku&#x0364;n&#x017F;te</hi><lb/>
erfunden, die jener weder brauchte noch zu<lb/>
brauchen Lu&#x017F;t fu&#x0364;hlte. Bey dem Gei&#x017F;t a&#x0364;gypti-<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">&#x017F;cher</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[20/0024] Theil des Knabenalters der Menſchheit an Neigungen und Kaͤnntniſſen gebildet werden ſollte, wie in Orient die Kindheit! Eben ſo leicht und unvermerkt als dort die Geneſe, war hier die Metamorphoſe. Aegypten war ohne Viehweide und Hir- tenleben: der Patriarchengeiſt der erſten Huͤtte gieng alſo verlohren. Aber aus Nilſchlamm gebildet und von ihm befruchtet, gabs, bey- nahe eben ſo leicht, den vortreflichſten Acker- bau: Alſo ward die Schaͤferwelt von Sit- ten, Neigungen, Kaͤnntniſſen ein Bezirk von Ackermenſchen. Das Wanderleben hoͤrte auf: es wurden veſte Sitze, Landeigenthum. Laͤnder muſten ausgemeſſen, jedem das Seine beſtimmt, jeder bey dem Seinen beſchuͤtzt wer- den: jeden konnte man alſo auch bey dem Seinen ſinden — es ward Landesſicherheit, Pflege der Gerechtigkeit, Ordnung, Policey, wie alles im Wanderleben des Orients nie moͤglich geweſen: es ward neue Welt. Nun kam eine Jnduſtrie auf, wie ſie der ſelige, muͤßige Huͤttenwohner, der Pilger und Fremd- ling auf Erden, nicht gekannt hatte: Kuͤnſte erfunden, die jener weder brauchte noch zu brauchen Luſt fuͤhlte. Bey dem Geiſt aͤgypti- ſcher

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/herder_philosophie_1774
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/herder_philosophie_1774/24
Zitationshilfe: [Herder, Johann Gottfried von]: Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit. [Riga], 1774, S. 20. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/herder_philosophie_1774/24>, abgerufen am 16.10.2019.