Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Hippel, Theodor Gottlieb von: Lebensläufe nach Aufsteigender Linie. Bd. 2. Berlin, 1779.

Bild:
<< vorherige Seite
Was Gott thut, das ist wohlgethan!
Soll ich den Kelch gleich schmecken,
der bitter ist nach meinem Wahn;
laß ich mich doch nicht schrecken,
weil doch zuletzt

(nehmlich wenn sie stirbt)

ich werd ergötzt
mit süssem Trost im Herzen;
da weichen alle Schmerzen.

Der alte Herr sahe seinen Irthum ein, der
jemand, von dem er befürchtete, daß er
uns bey diesen Familienangelegenheiten über-
fallen würde, gieng unsre Thür vorbey.
Herrmann nahm also sein und auf

und, fuhr er fort, (als wenn er das Blatt
zuvor zu rechter Zeit umgekehrt hätte) was
wolt' ich sagen? und meiner Frauen Ent-
weder, Oder
ist erfüllet! Entweder Littera-
tus oder Schneider. -- Was Gott thut,
sagt' ich, das ist wohlgethan! Diese Worte
brachten ihn auf Minchen, ich weis nicht
wie --

Minchen verdient einen Litteratus, fuhr
er fort. Sie verdient, sagt' ich, einen Lit-
teratus, der ihren Bruder nicht vernachläs-
siget, wenn gleich er ein Schneider ist. Dies
beschämte den alten Herrn, der, sobald nur

etwas
Was Gott thut, das iſt wohlgethan!
Soll ich den Kelch gleich ſchmecken,
der bitter iſt nach meinem Wahn;
laß ich mich doch nicht ſchrecken,
weil doch zuletzt

(nehmlich wenn ſie ſtirbt)

ich werd ergoͤtzt
mit ſuͤſſem Troſt im Herzen;
da weichen alle Schmerzen.

Der alte Herr ſahe ſeinen Irthum ein, der
jemand, von dem er befuͤrchtete, daß er
uns bey dieſen Familienangelegenheiten uͤber-
fallen wuͤrde, gieng unſre Thuͤr vorbey.
Herrmann nahm alſo ſein und auf

und, fuhr er fort, (als wenn er das Blatt
zuvor zu rechter Zeit umgekehrt haͤtte) was
wolt’ ich ſagen? und meiner Frauen Ent-
weder, Oder
iſt erfuͤllet! Entweder Littera-
tus oder Schneider. — Was Gott thut,
ſagt’ ich, das iſt wohlgethan! Dieſe Worte
brachten ihn auf Minchen, ich weis nicht
wie —

Minchen verdient einen Litteratus, fuhr
er fort. Sie verdient, ſagt’ ich, einen Lit-
teratus, der ihren Bruder nicht vernachlaͤſ-
ſiget, wenn gleich er ein Schneider iſt. Dies
beſchaͤmte den alten Herrn, der, ſobald nur

etwas
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0035" n="29"/>
        <lg type="poem">
          <l> <hi rendition="#fr">Was Gott thut, das i&#x017F;t wohlgethan!</hi> </l><lb/>
          <l>Soll ich den Kelch gleich &#x017F;chmecken,</l><lb/>
          <l>der bitter i&#x017F;t nach meinem Wahn;</l><lb/>
          <l>laß ich mich doch nicht &#x017F;chrecken,</l><lb/>
          <l>weil doch zuletzt</l>
        </lg><lb/>
        <p>(nehmlich wenn &#x017F;ie &#x017F;tirbt)</p><lb/>
        <lg type="poem">
          <l>ich werd ergo&#x0364;tzt</l><lb/>
          <l>mit &#x017F;u&#x0364;&#x017F;&#x017F;em Tro&#x017F;t im Herzen;</l><lb/>
          <l>da weichen alle Schmerzen.</l>
        </lg><lb/>
        <p>Der alte Herr &#x017F;ahe &#x017F;einen Irthum ein, der<lb/>
jemand, von dem er befu&#x0364;rchtete, daß er<lb/>
uns bey die&#x017F;en Familienangelegenheiten u&#x0364;ber-<lb/>
fallen wu&#x0364;rde, gieng un&#x017F;re Thu&#x0364;r vorbey.<lb/>
Herrmann nahm al&#x017F;o &#x017F;ein <hi rendition="#fr">und auf</hi></p><lb/>
        <p><hi rendition="#fr">und</hi>, fuhr er fort, (als wenn er das Blatt<lb/>
zuvor zu rechter Zeit umgekehrt ha&#x0364;tte) was<lb/>
wolt&#x2019; ich &#x017F;agen? und meiner Frauen <hi rendition="#fr">Ent-<lb/>
weder, Oder</hi> i&#x017F;t erfu&#x0364;llet! Entweder Littera-<lb/>
tus oder Schneider. &#x2014; Was Gott thut,<lb/>
&#x017F;agt&#x2019; ich, das i&#x017F;t wohlgethan! Die&#x017F;e Worte<lb/>
brachten ihn auf Minchen, ich weis nicht<lb/>
wie &#x2014;</p><lb/>
        <p>Minchen verdient einen Litteratus, fuhr<lb/>
er fort. Sie verdient, &#x017F;agt&#x2019; ich, einen Lit-<lb/>
teratus, der ihren Bruder nicht vernachla&#x0364;&#x017F;-<lb/>
&#x017F;iget, wenn gleich er ein Schneider i&#x017F;t. Dies<lb/>
be&#x017F;cha&#x0364;mte den alten Herrn, der, &#x017F;obald nur<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">etwas</fw><lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[29/0035] Was Gott thut, das iſt wohlgethan! Soll ich den Kelch gleich ſchmecken, der bitter iſt nach meinem Wahn; laß ich mich doch nicht ſchrecken, weil doch zuletzt (nehmlich wenn ſie ſtirbt) ich werd ergoͤtzt mit ſuͤſſem Troſt im Herzen; da weichen alle Schmerzen. Der alte Herr ſahe ſeinen Irthum ein, der jemand, von dem er befuͤrchtete, daß er uns bey dieſen Familienangelegenheiten uͤber- fallen wuͤrde, gieng unſre Thuͤr vorbey. Herrmann nahm alſo ſein und auf und, fuhr er fort, (als wenn er das Blatt zuvor zu rechter Zeit umgekehrt haͤtte) was wolt’ ich ſagen? und meiner Frauen Ent- weder, Oder iſt erfuͤllet! Entweder Littera- tus oder Schneider. — Was Gott thut, ſagt’ ich, das iſt wohlgethan! Dieſe Worte brachten ihn auf Minchen, ich weis nicht wie — Minchen verdient einen Litteratus, fuhr er fort. Sie verdient, ſagt’ ich, einen Lit- teratus, der ihren Bruder nicht vernachlaͤſ- ſiget, wenn gleich er ein Schneider iſt. Dies beſchaͤmte den alten Herrn, der, ſobald nur etwas

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/hippel_lebenslaeufe02_1779
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/hippel_lebenslaeufe02_1779/35
Zitationshilfe: Hippel, Theodor Gottlieb von: Lebensläufe nach Aufsteigender Linie. Bd. 2. Berlin, 1779, S. 29. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/hippel_lebenslaeufe02_1779/35>, abgerufen am 09.08.2020.