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Hirschfeld, Christian Cay Lorenz: Theorie der Gartenkunst. Bd. 1. Leipzig, 1779.

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und des neuen Geschmacks in den Gärten.
II.
Entstehung des neuen Geschmacks.
1.

Endlich erhob sich ein neuer Geschmack in den Gärten, der engländische, der
dem französischen fast ganz entgegengesetzt ist. Merkwürdig ist es, daß diese
Revolution gerade aus einem Lande ausgehen mußte, worin, selbst nach dem Ge-
ständnisse der Nation, die übrigen schönen Künste, die Kupferstecherkunst etwa aus-
genommen, noch wenig Ausbildung gewonnen hatten. "Die schönen Künste," versi-
chert Home, *) "sind unter uns noch sehr von der Vollkommenheit entfernt; sie sind
zwar in einem Fortgang zu ihrer Reife; aber außer der Gartenkunst gehen sie noch
mit langsamen Schritten fort." "Der einzige Beweis," sagt Gray, **) "daß wir in
Absicht auf die Vergnügungen Originaltalente haben, ist unsre Geschicklichkeit, Gär-
ten oder vielmehr Lustgegenden anzulegen. Aber dieses ist," setzt er hinzu, "auch keine
geringe Ehre für uns, weil weder Italien noch Frankreich jemals den geringsten
Begriff davon gehabt hat, und weil sie es nicht einmal verstehen, wenn sie es auch
sehen. Es ist völlig gewiß, daß wir blos die Natur zu unserm Vorbilde hatten.
Diese Kunst ist unter uns geboren; und es war nichts ihr ähnliches in Europa, so
wie uns damals von chinesischen Gärten gar nichts bekannt war."

Nicht gar lange ist es, daß in eben den Gegenden, in welchen sich dieser Ge-
schmack auszubreiten angefangen, die Gärten selbst noch ganz der alten Art von An-
lage anhängig waren. Addison ***) klagte noch über die zu große Zärtlichkeit und
Zierlichkeit der brittischen Gärten, über die Bäume, die als Kugeln, Kegel und Py-
ramiden geschnitten waren, über die an allen Büschen und Pflanzen gar zu sichtbaren
Merkmale der Scheere.

Indessen da die Schriftsteller der andern Nationen entweder ganz schwiegen,
oder gelegentlich in Werken, die von der Baukunst handelten, die alte Manier em-
pfohlen, so fiengen die Britten an, nach und nach in Schriften das Wesen der Gar-
tenkunst aufzuklären. Die Morgenröthe gieng auch hier vor dem Tage her. Franz
Bacon,
****) dieses allgemeine Genie, das in dem Reiche der Wissenschaften Licht

werden
*) Versuche über die Geschichte des Menschen, 1stes B. 5ter Versuch, 2ter Abschnitt.
**) Gedichte oder vielmehr Briefe von Mason herausgegeben.
***) Zuschauer 414 St.
****) Sermones fideles, ethici, politici &c. Lugd. Bat. 1644.
I Band. Q
und des neuen Geſchmacks in den Gaͤrten.
II.
Entſtehung des neuen Geſchmacks.
1.

Endlich erhob ſich ein neuer Geſchmack in den Gaͤrten, der englaͤndiſche, der
dem franzoͤſiſchen faſt ganz entgegengeſetzt iſt. Merkwuͤrdig iſt es, daß dieſe
Revolution gerade aus einem Lande ausgehen mußte, worin, ſelbſt nach dem Ge-
ſtaͤndniſſe der Nation, die uͤbrigen ſchoͤnen Kuͤnſte, die Kupferſtecherkunſt etwa aus-
genommen, noch wenig Ausbildung gewonnen hatten. „Die ſchoͤnen Kuͤnſte,“ verſi-
chert Home, *) „ſind unter uns noch ſehr von der Vollkommenheit entfernt; ſie ſind
zwar in einem Fortgang zu ihrer Reife; aber außer der Gartenkunſt gehen ſie noch
mit langſamen Schritten fort.“ „Der einzige Beweis,“ ſagt Gray, **) „daß wir in
Abſicht auf die Vergnuͤgungen Originaltalente haben, iſt unſre Geſchicklichkeit, Gaͤr-
ten oder vielmehr Luſtgegenden anzulegen. Aber dieſes iſt,“ ſetzt er hinzu, „auch keine
geringe Ehre fuͤr uns, weil weder Italien noch Frankreich jemals den geringſten
Begriff davon gehabt hat, und weil ſie es nicht einmal verſtehen, wenn ſie es auch
ſehen. Es iſt voͤllig gewiß, daß wir blos die Natur zu unſerm Vorbilde hatten.
Dieſe Kunſt iſt unter uns geboren; und es war nichts ihr aͤhnliches in Europa, ſo
wie uns damals von chineſiſchen Gaͤrten gar nichts bekannt war.“

Nicht gar lange iſt es, daß in eben den Gegenden, in welchen ſich dieſer Ge-
ſchmack auszubreiten angefangen, die Gaͤrten ſelbſt noch ganz der alten Art von An-
lage anhaͤngig waren. Addiſon ***) klagte noch uͤber die zu große Zaͤrtlichkeit und
Zierlichkeit der brittiſchen Gaͤrten, uͤber die Baͤume, die als Kugeln, Kegel und Py-
ramiden geſchnitten waren, uͤber die an allen Buͤſchen und Pflanzen gar zu ſichtbaren
Merkmale der Scheere.

Indeſſen da die Schriftſteller der andern Nationen entweder ganz ſchwiegen,
oder gelegentlich in Werken, die von der Baukunſt handelten, die alte Manier em-
pfohlen, ſo fiengen die Britten an, nach und nach in Schriften das Weſen der Gar-
tenkunſt aufzuklaͤren. Die Morgenroͤthe gieng auch hier vor dem Tage her. Franz
Bacon,
****) dieſes allgemeine Genie, das in dem Reiche der Wiſſenſchaften Licht

werden
*) Verſuche uͤber die Geſchichte des Menſchen, 1ſtes B. 5ter Verſuch, 2ter Abſchnitt.
**) Gedichte oder vielmehr Briefe von Maſon herausgegeben.
***) Zuſchauer 414 St.
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I Band. Q
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[121/0135] und des neuen Geſchmacks in den Gaͤrten. II. Entſtehung des neuen Geſchmacks. 1. Endlich erhob ſich ein neuer Geſchmack in den Gaͤrten, der englaͤndiſche, der dem franzoͤſiſchen faſt ganz entgegengeſetzt iſt. Merkwuͤrdig iſt es, daß dieſe Revolution gerade aus einem Lande ausgehen mußte, worin, ſelbſt nach dem Ge- ſtaͤndniſſe der Nation, die uͤbrigen ſchoͤnen Kuͤnſte, die Kupferſtecherkunſt etwa aus- genommen, noch wenig Ausbildung gewonnen hatten. „Die ſchoͤnen Kuͤnſte,“ verſi- chert Home, *) „ſind unter uns noch ſehr von der Vollkommenheit entfernt; ſie ſind zwar in einem Fortgang zu ihrer Reife; aber außer der Gartenkunſt gehen ſie noch mit langſamen Schritten fort.“ „Der einzige Beweis,“ ſagt Gray, **) „daß wir in Abſicht auf die Vergnuͤgungen Originaltalente haben, iſt unſre Geſchicklichkeit, Gaͤr- ten oder vielmehr Luſtgegenden anzulegen. Aber dieſes iſt,“ ſetzt er hinzu, „auch keine geringe Ehre fuͤr uns, weil weder Italien noch Frankreich jemals den geringſten Begriff davon gehabt hat, und weil ſie es nicht einmal verſtehen, wenn ſie es auch ſehen. Es iſt voͤllig gewiß, daß wir blos die Natur zu unſerm Vorbilde hatten. Dieſe Kunſt iſt unter uns geboren; und es war nichts ihr aͤhnliches in Europa, ſo wie uns damals von chineſiſchen Gaͤrten gar nichts bekannt war.“ Nicht gar lange iſt es, daß in eben den Gegenden, in welchen ſich dieſer Ge- ſchmack auszubreiten angefangen, die Gaͤrten ſelbſt noch ganz der alten Art von An- lage anhaͤngig waren. Addiſon ***) klagte noch uͤber die zu große Zaͤrtlichkeit und Zierlichkeit der brittiſchen Gaͤrten, uͤber die Baͤume, die als Kugeln, Kegel und Py- ramiden geſchnitten waren, uͤber die an allen Buͤſchen und Pflanzen gar zu ſichtbaren Merkmale der Scheere. Indeſſen da die Schriftſteller der andern Nationen entweder ganz ſchwiegen, oder gelegentlich in Werken, die von der Baukunſt handelten, die alte Manier em- pfohlen, ſo fiengen die Britten an, nach und nach in Schriften das Weſen der Gar- tenkunſt aufzuklaͤren. Die Morgenroͤthe gieng auch hier vor dem Tage her. Franz Bacon, ****) dieſes allgemeine Genie, das in dem Reiche der Wiſſenſchaften Licht werden *) Verſuche uͤber die Geſchichte des Menſchen, 1ſtes B. 5ter Verſuch, 2ter Abſchnitt. **) Gedichte oder vielmehr Briefe von Maſon herausgegeben. ***) Zuſchauer 414 St. ****) Sermones fideles, ethici, politici &c. Lugd. Bat. 1644. I Band. Q

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Zitationshilfe: Hirschfeld, Christian Cay Lorenz: Theorie der Gartenkunst. Bd. 1. Leipzig, 1779, S. 121. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/hirschfeld_gartenkunst1_1779/135>, abgerufen am 21.11.2019.