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Hirschfeld, Christian Cay Lorenz: Theorie der Gartenkunst. Bd. 1. Leipzig, 1779.

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Dritter Abschnitt.
Von der Gartenkunst, als schöne Kunst betrachtet.

Schon lange waren Gärten, ehe man an eine Gartenkunst dachte; so wie man
einige Jahrhunderte hindurch Gebäude hatte, ohne noch mit der schönen
Baukunst bekannt zu seyn. Auch läßt es sich nicht anders denken, als daß die Gär-
ten anfänglich blos dem Nützlichen gewidmet gewesen; und diese ihre erste Bestimmung
dauert noch in den Küchengärten und Fruchtgärten fort. Aber da durch allmählige
Ausschmückungen und Verfeinerungen, die neben dem Nützlichen eingeführt wurden,
die Gärten in das Gebiet des Schönen übergiengen, und dadurch zwischen einem ge-
meinen Garten und zwischen einem Lustgarten ein wesentlicher Unterschied entstand;
so ist nunmehr die Gartenkunst theils den allgemeinen Regeln des guten Geschmacks,
und theils den besondern unterworfen, die aus der Bestimmung der Gärten herge-
leitet werden.

Ich muß hier zuvörderst durch eine Anmerkung, die man in diesem ganzen
Werke nicht aus dem Gesichte verlieren darf, einem Irrthum vorbeugen, den der
Ausdruck Gartenkunst leicht veranlassen könnte. Man darf darunter kein Bestreben
verstehen, ohne Rücksicht auf die Anleitung der Natur zu verschönern, sie übertreffen
zu wollen, sie künstlichen Formen und Anlagen zu unterwerfen, von ihr Wirkungen
zu verlangen, die sie nicht kennt, u. s. w. Kunst bedeutet hier, dasjenige, was die
Natur Angenehmes und Interessantes hat, auf eben die Art, durch eben die Mittel,
deren sie sich bedient, vereinigen, und die Schönheiten, die sie in ihren Landschaften
verstreuet, auf Einen Platz sammlen zu wissen; ein neues Ganzes, dem weder Har-
monie noch Einheit fehlt, hervorzubringen; durch Verbindung und Anordnung zu
schaffen, und doch nicht von der Natur abzuweichen; durch Bepflanzung, durch
Ausbildung, durch Stellung, durch Contrast die Charaktere natürlicher Gegenden
zu verstärken und die Wirkungen zu vervielfältigen; durch harmonische Vereinigung
mit Gegenständen, die der Kunst gehören, die Eindrücke der Natur zu erhöhen.
Der Ausdruck Gartenkunst ist freylich nicht ganz bequem; allein die Ausdrücke Gar-
tenbau, Gartenbaumeister können noch weit eher zum Misverstande verleiten.

Da wir uns in der Folge mit einer genauern Entwickelung der Grundsätze dieser
Kunst beschäftigen werden, so bleiben wir hier blos noch bey der Betrachtung der Gar-
tenkunst stehen, in so fern sie eine Stelle neben den übrigen schönen Künsten ein-
nimmt.

Mit
I Band. T


Dritter Abſchnitt.
Von der Gartenkunſt, als ſchoͤne Kunſt betrachtet.

Schon lange waren Gaͤrten, ehe man an eine Gartenkunſt dachte; ſo wie man
einige Jahrhunderte hindurch Gebaͤude hatte, ohne noch mit der ſchoͤnen
Baukunſt bekannt zu ſeyn. Auch laͤßt es ſich nicht anders denken, als daß die Gaͤr-
ten anfaͤnglich blos dem Nuͤtzlichen gewidmet geweſen; und dieſe ihre erſte Beſtimmung
dauert noch in den Kuͤchengaͤrten und Fruchtgaͤrten fort. Aber da durch allmaͤhlige
Ausſchmuͤckungen und Verfeinerungen, die neben dem Nuͤtzlichen eingefuͤhrt wurden,
die Gaͤrten in das Gebiet des Schoͤnen uͤbergiengen, und dadurch zwiſchen einem ge-
meinen Garten und zwiſchen einem Luſtgarten ein weſentlicher Unterſchied entſtand;
ſo iſt nunmehr die Gartenkunſt theils den allgemeinen Regeln des guten Geſchmacks,
und theils den beſondern unterworfen, die aus der Beſtimmung der Gaͤrten herge-
leitet werden.

Ich muß hier zuvoͤrderſt durch eine Anmerkung, die man in dieſem ganzen
Werke nicht aus dem Geſichte verlieren darf, einem Irrthum vorbeugen, den der
Ausdruck Gartenkunſt leicht veranlaſſen koͤnnte. Man darf darunter kein Beſtreben
verſtehen, ohne Ruͤckſicht auf die Anleitung der Natur zu verſchoͤnern, ſie uͤbertreffen
zu wollen, ſie kuͤnſtlichen Formen und Anlagen zu unterwerfen, von ihr Wirkungen
zu verlangen, die ſie nicht kennt, u. ſ. w. Kunſt bedeutet hier, dasjenige, was die
Natur Angenehmes und Intereſſantes hat, auf eben die Art, durch eben die Mittel,
deren ſie ſich bedient, vereinigen, und die Schoͤnheiten, die ſie in ihren Landſchaften
verſtreuet, auf Einen Platz ſammlen zu wiſſen; ein neues Ganzes, dem weder Har-
monie noch Einheit fehlt, hervorzubringen; durch Verbindung und Anordnung zu
ſchaffen, und doch nicht von der Natur abzuweichen; durch Bepflanzung, durch
Ausbildung, durch Stellung, durch Contraſt die Charaktere natuͤrlicher Gegenden
zu verſtaͤrken und die Wirkungen zu vervielfaͤltigen; durch harmoniſche Vereinigung
mit Gegenſtaͤnden, die der Kunſt gehoͤren, die Eindruͤcke der Natur zu erhoͤhen.
Der Ausdruck Gartenkunſt iſt freylich nicht ganz bequem; allein die Ausdruͤcke Gar-
tenbau, Gartenbaumeiſter koͤnnen noch weit eher zum Misverſtande verleiten.

Da wir uns in der Folge mit einer genauern Entwickelung der Grundſaͤtze dieſer
Kunſt beſchaͤftigen werden, ſo bleiben wir hier blos noch bey der Betrachtung der Gar-
tenkunſt ſtehen, in ſo fern ſie eine Stelle neben den uͤbrigen ſchoͤnen Kuͤnſten ein-
nimmt.

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I Band. T
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[145/0159] Dritter Abſchnitt. Von der Gartenkunſt, als ſchoͤne Kunſt betrachtet. Schon lange waren Gaͤrten, ehe man an eine Gartenkunſt dachte; ſo wie man einige Jahrhunderte hindurch Gebaͤude hatte, ohne noch mit der ſchoͤnen Baukunſt bekannt zu ſeyn. Auch laͤßt es ſich nicht anders denken, als daß die Gaͤr- ten anfaͤnglich blos dem Nuͤtzlichen gewidmet geweſen; und dieſe ihre erſte Beſtimmung dauert noch in den Kuͤchengaͤrten und Fruchtgaͤrten fort. Aber da durch allmaͤhlige Ausſchmuͤckungen und Verfeinerungen, die neben dem Nuͤtzlichen eingefuͤhrt wurden, die Gaͤrten in das Gebiet des Schoͤnen uͤbergiengen, und dadurch zwiſchen einem ge- meinen Garten und zwiſchen einem Luſtgarten ein weſentlicher Unterſchied entſtand; ſo iſt nunmehr die Gartenkunſt theils den allgemeinen Regeln des guten Geſchmacks, und theils den beſondern unterworfen, die aus der Beſtimmung der Gaͤrten herge- leitet werden. Ich muß hier zuvoͤrderſt durch eine Anmerkung, die man in dieſem ganzen Werke nicht aus dem Geſichte verlieren darf, einem Irrthum vorbeugen, den der Ausdruck Gartenkunſt leicht veranlaſſen koͤnnte. Man darf darunter kein Beſtreben verſtehen, ohne Ruͤckſicht auf die Anleitung der Natur zu verſchoͤnern, ſie uͤbertreffen zu wollen, ſie kuͤnſtlichen Formen und Anlagen zu unterwerfen, von ihr Wirkungen zu verlangen, die ſie nicht kennt, u. ſ. w. Kunſt bedeutet hier, dasjenige, was die Natur Angenehmes und Intereſſantes hat, auf eben die Art, durch eben die Mittel, deren ſie ſich bedient, vereinigen, und die Schoͤnheiten, die ſie in ihren Landſchaften verſtreuet, auf Einen Platz ſammlen zu wiſſen; ein neues Ganzes, dem weder Har- monie noch Einheit fehlt, hervorzubringen; durch Verbindung und Anordnung zu ſchaffen, und doch nicht von der Natur abzuweichen; durch Bepflanzung, durch Ausbildung, durch Stellung, durch Contraſt die Charaktere natuͤrlicher Gegenden zu verſtaͤrken und die Wirkungen zu vervielfaͤltigen; durch harmoniſche Vereinigung mit Gegenſtaͤnden, die der Kunſt gehoͤren, die Eindruͤcke der Natur zu erhoͤhen. Der Ausdruck Gartenkunſt iſt freylich nicht ganz bequem; allein die Ausdruͤcke Gar- tenbau, Gartenbaumeiſter koͤnnen noch weit eher zum Misverſtande verleiten. Da wir uns in der Folge mit einer genauern Entwickelung der Grundſaͤtze dieſer Kunſt beſchaͤftigen werden, ſo bleiben wir hier blos noch bey der Betrachtung der Gar- tenkunſt ſtehen, in ſo fern ſie eine Stelle neben den uͤbrigen ſchoͤnen Kuͤnſten ein- nimmt. Mit I Band. T

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Zitationshilfe: Hirschfeld, Christian Cay Lorenz: Theorie der Gartenkunst. Bd. 1. Leipzig, 1779, S. 145. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/hirschfeld_gartenkunst1_1779/159>, abgerufen am 19.05.2019.