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Hirschfeld, Christian Cay Lorenz: Theorie der Gartenkunst. Bd. 3. Leipzig, 1780.

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Vierter Abschnitt. Von Ruhesitzen,
dienen, woraus sie mit der ganzen Fülle ihrer Wirkungen erscheinen. Wir empfin-
den alsdann zugleich ein Vergnügen, indem wir bemerken, daß selbst die Stellung
einer Bank für diese Absicht überlegt war.

Eine kleine Rasenbank oder eine Erderhöhung,
Der die Natur das Moos zum Teppich schenkt,
v. Haller.

war die gewöhnliche Art von Sitzen, die man in der ersten Einfalt der Gärten kannte;
der Landmann hat sie noch, und noch verdienen sie in Plätzen von einem solchen einfa-
chen und ungeschmückten Charakter erhalten zu werden, obgleich Gewürm und Feuch-
tigkeit sie etwas unbequem machen.

Steine geben zwar dauerhafte Sitze, doch sind sie unter einem regnichten und
kältern Himmel zuweilen der Gesundheit schädlich. Bänke und Sitze von Holz ver-
dienen den Vorzug, weil sie nicht die Unbequemlichkeit der Rasen und der Steine ha-
ben, leichter zu verfertigen und zu versetzen sind, eine angenehme Form und einen
schicklichen Anstrich annehmen. Je einfacher und leichter die Form der Bänke und
Stühle ist, desto besser; Verzierung wäre hier Verschwendung. Zum Anstrich
schickt sich weder das Rothe, noch das öfter gewählte Grün, sondern das Graue oder
das Weiße, welches letzte mit dem Grün der Bäume und der Rasen einen anmuthi-
gen Contrast bildet.

Zu einer grössern Bequemlichkeit kann man gemeine Bänke oder Stühle zu-
weilen mit bedeckten Sitzen abwechseln lassen. Die Wände halten den Wind, und
das Dach den Regen ab. Ein halber Zirkel scheint für sie die angenehmste Figur zu
seyn. Die Architektur*) muß leicht, einfältig und gefällig seyn; weder etwas
Plumpes noch Prächtiges haben. Man kann solche bedeckte Sitze mit einer Inschrift
oder einem Denkspruch zieren, die das Nachdenken wecken und der Seele bey der Ru-
he des Körpers eine nützliche Beschäftigung anbieten; sie können demnach einen mo-
ralischen Inhalt haben: aber fast unentbehrlich ist es, daß sie auf den besondern Cha-
rakter der Aussicht oder der Scene sich beziehen, und dadurch veranlaßt zu seyn
scheinen.

*) Morris hat in seiner Architecture einige bedeckte Ruhesitze vorgezeichnet, die so,
wie man sie in verschiedenen engländischen Parks sieht, ein gar zu festes und schweres
Ansehen haben.

Vierter Abſchnitt. Von Ruheſitzen,
dienen, woraus ſie mit der ganzen Fuͤlle ihrer Wirkungen erſcheinen. Wir empfin-
den alsdann zugleich ein Vergnuͤgen, indem wir bemerken, daß ſelbſt die Stellung
einer Bank fuͤr dieſe Abſicht uͤberlegt war.

Eine kleine Raſenbank oder eine Erderhoͤhung,
Der die Natur das Moos zum Teppich ſchenkt,
v. Haller.

war die gewoͤhnliche Art von Sitzen, die man in der erſten Einfalt der Gaͤrten kannte;
der Landmann hat ſie noch, und noch verdienen ſie in Plaͤtzen von einem ſolchen einfa-
chen und ungeſchmuͤckten Charakter erhalten zu werden, obgleich Gewuͤrm und Feuch-
tigkeit ſie etwas unbequem machen.

Steine geben zwar dauerhafte Sitze, doch ſind ſie unter einem regnichten und
kaͤltern Himmel zuweilen der Geſundheit ſchaͤdlich. Baͤnke und Sitze von Holz ver-
dienen den Vorzug, weil ſie nicht die Unbequemlichkeit der Raſen und der Steine ha-
ben, leichter zu verfertigen und zu verſetzen ſind, eine angenehme Form und einen
ſchicklichen Anſtrich annehmen. Je einfacher und leichter die Form der Baͤnke und
Stuͤhle iſt, deſto beſſer; Verzierung waͤre hier Verſchwendung. Zum Anſtrich
ſchickt ſich weder das Rothe, noch das oͤfter gewaͤhlte Gruͤn, ſondern das Graue oder
das Weiße, welches letzte mit dem Gruͤn der Baͤume und der Raſen einen anmuthi-
gen Contraſt bildet.

Zu einer groͤſſern Bequemlichkeit kann man gemeine Baͤnke oder Stuͤhle zu-
weilen mit bedeckten Sitzen abwechſeln laſſen. Die Waͤnde halten den Wind, und
das Dach den Regen ab. Ein halber Zirkel ſcheint fuͤr ſie die angenehmſte Figur zu
ſeyn. Die Architektur*) muß leicht, einfaͤltig und gefaͤllig ſeyn; weder etwas
Plumpes noch Praͤchtiges haben. Man kann ſolche bedeckte Sitze mit einer Inſchrift
oder einem Denkſpruch zieren, die das Nachdenken wecken und der Seele bey der Ru-
he des Koͤrpers eine nuͤtzliche Beſchaͤftigung anbieten; ſie koͤnnen demnach einen mo-
raliſchen Inhalt haben: aber faſt unentbehrlich iſt es, daß ſie auf den beſondern Cha-
rakter der Ausſicht oder der Scene ſich beziehen, und dadurch veranlaßt zu ſeyn
ſcheinen.

*) Morris hat in ſeiner Architecture einige bedeckte Ruheſitze vorgezeichnet, die ſo,
wie man ſie in verſchiedenen englaͤndiſchen Parks ſieht, ein gar zu feſtes und ſchweres
Anſehen haben.
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[120/0124] Vierter Abſchnitt. Von Ruheſitzen, dienen, woraus ſie mit der ganzen Fuͤlle ihrer Wirkungen erſcheinen. Wir empfin- den alsdann zugleich ein Vergnuͤgen, indem wir bemerken, daß ſelbſt die Stellung einer Bank fuͤr dieſe Abſicht uͤberlegt war. Eine kleine Raſenbank oder eine Erderhoͤhung, Der die Natur das Moos zum Teppich ſchenkt, v. Haller. war die gewoͤhnliche Art von Sitzen, die man in der erſten Einfalt der Gaͤrten kannte; der Landmann hat ſie noch, und noch verdienen ſie in Plaͤtzen von einem ſolchen einfa- chen und ungeſchmuͤckten Charakter erhalten zu werden, obgleich Gewuͤrm und Feuch- tigkeit ſie etwas unbequem machen. Steine geben zwar dauerhafte Sitze, doch ſind ſie unter einem regnichten und kaͤltern Himmel zuweilen der Geſundheit ſchaͤdlich. Baͤnke und Sitze von Holz ver- dienen den Vorzug, weil ſie nicht die Unbequemlichkeit der Raſen und der Steine ha- ben, leichter zu verfertigen und zu verſetzen ſind, eine angenehme Form und einen ſchicklichen Anſtrich annehmen. Je einfacher und leichter die Form der Baͤnke und Stuͤhle iſt, deſto beſſer; Verzierung waͤre hier Verſchwendung. Zum Anſtrich ſchickt ſich weder das Rothe, noch das oͤfter gewaͤhlte Gruͤn, ſondern das Graue oder das Weiße, welches letzte mit dem Gruͤn der Baͤume und der Raſen einen anmuthi- gen Contraſt bildet. Zu einer groͤſſern Bequemlichkeit kann man gemeine Baͤnke oder Stuͤhle zu- weilen mit bedeckten Sitzen abwechſeln laſſen. Die Waͤnde halten den Wind, und das Dach den Regen ab. Ein halber Zirkel ſcheint fuͤr ſie die angenehmſte Figur zu ſeyn. Die Architektur *) muß leicht, einfaͤltig und gefaͤllig ſeyn; weder etwas Plumpes noch Praͤchtiges haben. Man kann ſolche bedeckte Sitze mit einer Inſchrift oder einem Denkſpruch zieren, die das Nachdenken wecken und der Seele bey der Ru- he des Koͤrpers eine nuͤtzliche Beſchaͤftigung anbieten; ſie koͤnnen demnach einen mo- raliſchen Inhalt haben: aber faſt unentbehrlich iſt es, daß ſie auf den beſondern Cha- rakter der Ausſicht oder der Scene ſich beziehen, und dadurch veranlaßt zu ſeyn ſcheinen. *) Morris hat in ſeiner Architecture einige bedeckte Ruheſitze vorgezeichnet, die ſo, wie man ſie in verſchiedenen englaͤndiſchen Parks ſieht, ein gar zu feſtes und ſchweres Anſehen haben.

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Zitationshilfe: Hirschfeld, Christian Cay Lorenz: Theorie der Gartenkunst. Bd. 3. Leipzig, 1780, S. 120. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/hirschfeld_gartenkunst3_1780/124>, abgerufen am 27.09.2020.