Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Hirschfeld, Christian Cay Lorenz: Theorie der Gartenkunst. Bd. 5. Leipzig, 1785.

Bild:
<< vorherige Seite
einzelner Theile eines Landsitzes.
3.

Einige Zeit nachher gab der malerische Watelet *) in Frankreich zuerst eine
schöne Beschreibung von einer Meyerey (ferme ornee), die von den Ideen der Brit-
ten
etwas abweicht, aber eine freye, leichte und anmuthige Zusammensetzung in sei-
nem Gemälde macht.

Die Wohnung, sagt er, soll an dem Abhang eines Hügels liegen, von wel-
chem man die Gebäude und die Behältnisse, wo die Wohlthaten der Natur aufbe-
wahret und genutzet werden, leicht übersehen kann. Der Genuß des Landes muß
ein Zusammenhang von unerkünstelten Begierden und von leicht erlangten Befriedi-
gungen seyn. Die Wohnung, worinn Nutzbarkeit und Vergnügen sich vereinigen
sollen, muß daher so gelegen seyn, daß man den ganzen Umfang der angränzenden
Einrichtungen ohne Hinderniß entdecken kann. Gegen Mitternacht würde sie zu oft
die Strenge eines beschwerlichen Windes erfahren. Gegen Abend würde der Glanz
der brennenden Sonne, deren Strahlen die Gränzen des Horizonts blenden, den
Blick ermüden und zurück stoßen. Aber die Aussicht zwischen Mittag und Morgen
wird der Neigung, sich mit dem Anblicke der Landschaft zu beschäftigen, keine Hin-
dernisse entgegen stellen, und diese Neigung wird durch die Leichtigkeit des Genusses
genährt werden.

Diesem Vergnügen überlassen, werde ich gewahr, daß der Hügel auf Wiesen
herunter steigt, durch die ein kleiner Bach sich schlängelt; daß der entgegen stehende
Abhang angebauete Plätze, Weinberge darstellet, und auf dem Gipfel sehe ich Wäl-
der, die nahe genug sind, um in mir das Verlangen, mich dahin zu begeben, rege
zu machen. Auf eben diesem Gipfel sehe ich, aber in einer größern Entfernung,
Kornfelder, die mir die Idee ihres Reichthums zubringen, ohne mich durch ihre
Einförmigkeit zu beleidigen.

Nach diesem ersten flüchtigen Blicke sehe ich zurück nach dem Fuße des Hügels,
wo ich mich befinde, und meine Augen verweilen sich bey der Meyerey.

Die Verbindung verschiedener Gebäude, Höfe, eingeschlossener Plätze, fes-
selt meinen Blick, und erregt meine Aufmerksamkeit. Ich steige vom Hügel herab;
meine Einbildungskraft ist voll von schäferischen Ideen. Das Verlangen ist erregt,
es kömmt darauf an, es zu unterhalten und zu befriedigen. Aber je vollkommener
der Geschmack in der Gesellschaft ist, davon ich einen Theil ausmache, eine desto fei-
nere Kunst muß angewendet werden. Das Nutzbare und das Angenehme müssen auf

eine
*) Essai sur les Jardins S. 22 u. f.
Fast um eben diese Zeit trug auch der un-
genannte Verfasser von der Theorie des
[Spaltenumbruch] Jardins
S. 113 u. 307 u. f. einige Vor-
schriften über diese Gattung von Verschö-
nerung vor.
einzelner Theile eines Landſitzes.
3.

Einige Zeit nachher gab der maleriſche Watelet *) in Frankreich zuerſt eine
ſchoͤne Beſchreibung von einer Meyerey (ferme ornée), die von den Ideen der Brit-
ten
etwas abweicht, aber eine freye, leichte und anmuthige Zuſammenſetzung in ſei-
nem Gemaͤlde macht.

Die Wohnung, ſagt er, ſoll an dem Abhang eines Huͤgels liegen, von wel-
chem man die Gebaͤude und die Behaͤltniſſe, wo die Wohlthaten der Natur aufbe-
wahret und genutzet werden, leicht uͤberſehen kann. Der Genuß des Landes muß
ein Zuſammenhang von unerkuͤnſtelten Begierden und von leicht erlangten Befriedi-
gungen ſeyn. Die Wohnung, worinn Nutzbarkeit und Vergnuͤgen ſich vereinigen
ſollen, muß daher ſo gelegen ſeyn, daß man den ganzen Umfang der angraͤnzenden
Einrichtungen ohne Hinderniß entdecken kann. Gegen Mitternacht wuͤrde ſie zu oft
die Strenge eines beſchwerlichen Windes erfahren. Gegen Abend wuͤrde der Glanz
der brennenden Sonne, deren Strahlen die Graͤnzen des Horizonts blenden, den
Blick ermuͤden und zuruͤck ſtoßen. Aber die Ausſicht zwiſchen Mittag und Morgen
wird der Neigung, ſich mit dem Anblicke der Landſchaft zu beſchaͤftigen, keine Hin-
derniſſe entgegen ſtellen, und dieſe Neigung wird durch die Leichtigkeit des Genuſſes
genaͤhrt werden.

Dieſem Vergnuͤgen uͤberlaſſen, werde ich gewahr, daß der Huͤgel auf Wieſen
herunter ſteigt, durch die ein kleiner Bach ſich ſchlaͤngelt; daß der entgegen ſtehende
Abhang angebauete Plaͤtze, Weinberge darſtellet, und auf dem Gipfel ſehe ich Waͤl-
der, die nahe genug ſind, um in mir das Verlangen, mich dahin zu begeben, rege
zu machen. Auf eben dieſem Gipfel ſehe ich, aber in einer groͤßern Entfernung,
Kornfelder, die mir die Idee ihres Reichthums zubringen, ohne mich durch ihre
Einfoͤrmigkeit zu beleidigen.

Nach dieſem erſten fluͤchtigen Blicke ſehe ich zuruͤck nach dem Fuße des Huͤgels,
wo ich mich befinde, und meine Augen verweilen ſich bey der Meyerey.

Die Verbindung verſchiedener Gebaͤude, Hoͤfe, eingeſchloſſener Plaͤtze, feſ-
ſelt meinen Blick, und erregt meine Aufmerkſamkeit. Ich ſteige vom Huͤgel herab;
meine Einbildungskraft iſt voll von ſchaͤferiſchen Ideen. Das Verlangen iſt erregt,
es koͤmmt darauf an, es zu unterhalten und zu befriedigen. Aber je vollkommener
der Geſchmack in der Geſellſchaft iſt, davon ich einen Theil ausmache, eine deſto fei-
nere Kunſt muß angewendet werden. Das Nutzbare und das Angenehme muͤſſen auf

eine
*) Eſſai ſur les Jardins S. 22 u. f.
Faſt um eben dieſe Zeit trug auch der un-
genannte Verfaſſer von der Theorie des
[Spaltenumbruch] Jardins
S. 113 u. 307 u. f. einige Vor-
ſchriften uͤber dieſe Gattung von Verſchoͤ-
nerung vor.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <pb facs="#f0143" n="135"/>
            <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#b">einzelner Theile eines Land&#x017F;itzes.</hi> </fw><lb/>
            <div n="4">
              <head> <hi rendition="#b">3.</hi> </head><lb/>
              <p>Einige Zeit nachher gab der maleri&#x017F;che <hi rendition="#fr">Watelet</hi> <note place="foot" n="*)"><hi rendition="#aq">E&#x017F;&#x017F;ai &#x017F;ur les Jardins</hi> S. 22 u. f.<lb/>
Fa&#x017F;t um eben die&#x017F;e Zeit trug auch der un-<lb/>
genannte Verfa&#x017F;&#x017F;er von der <hi rendition="#aq">Theorie des<lb/><cb/>
Jardins</hi> S. 113 u. 307 u. f. einige Vor-<lb/>
&#x017F;chriften u&#x0364;ber die&#x017F;e Gattung von Ver&#x017F;cho&#x0364;-<lb/>
nerung vor.</note> in <hi rendition="#fr">Frankreich</hi> zuer&#x017F;t eine<lb/>
&#x017F;cho&#x0364;ne Be&#x017F;chreibung von einer Meyerey <hi rendition="#aq">(ferme ornée),</hi> die von den Ideen der <hi rendition="#fr">Brit-<lb/>
ten</hi> etwas abweicht, aber eine freye, leichte und anmuthige Zu&#x017F;ammen&#x017F;etzung in &#x017F;ei-<lb/>
nem Gema&#x0364;lde macht.</p><lb/>
              <p>Die Wohnung, &#x017F;agt er, &#x017F;oll an dem Abhang eines Hu&#x0364;gels liegen, von wel-<lb/>
chem man die Geba&#x0364;ude und die Beha&#x0364;ltni&#x017F;&#x017F;e, wo die Wohlthaten der Natur aufbe-<lb/>
wahret und genutzet werden, leicht u&#x0364;ber&#x017F;ehen kann. Der Genuß des Landes muß<lb/>
ein Zu&#x017F;ammenhang von unerku&#x0364;n&#x017F;telten Begierden und von leicht erlangten Befriedi-<lb/>
gungen &#x017F;eyn. Die Wohnung, worinn Nutzbarkeit und Vergnu&#x0364;gen &#x017F;ich vereinigen<lb/>
&#x017F;ollen, muß daher &#x017F;o gelegen &#x017F;eyn, daß man den ganzen Umfang der angra&#x0364;nzenden<lb/>
Einrichtungen ohne Hinderniß entdecken kann. Gegen Mitternacht wu&#x0364;rde &#x017F;ie zu oft<lb/>
die Strenge eines be&#x017F;chwerlichen Windes erfahren. Gegen Abend wu&#x0364;rde der Glanz<lb/>
der brennenden Sonne, deren Strahlen die Gra&#x0364;nzen des Horizonts blenden, den<lb/>
Blick ermu&#x0364;den und zuru&#x0364;ck &#x017F;toßen. Aber die Aus&#x017F;icht zwi&#x017F;chen Mittag und Morgen<lb/>
wird der Neigung, &#x017F;ich mit dem Anblicke der Land&#x017F;chaft zu be&#x017F;cha&#x0364;ftigen, keine Hin-<lb/>
derni&#x017F;&#x017F;e entgegen &#x017F;tellen, und die&#x017F;e Neigung wird durch die Leichtigkeit des Genu&#x017F;&#x017F;es<lb/>
gena&#x0364;hrt werden.</p><lb/>
              <p>Die&#x017F;em Vergnu&#x0364;gen u&#x0364;berla&#x017F;&#x017F;en, werde ich gewahr, daß der Hu&#x0364;gel auf Wie&#x017F;en<lb/>
herunter &#x017F;teigt, durch die ein kleiner Bach &#x017F;ich &#x017F;chla&#x0364;ngelt; daß der entgegen &#x017F;tehende<lb/>
Abhang angebauete Pla&#x0364;tze, Weinberge dar&#x017F;tellet, und auf dem Gipfel &#x017F;ehe ich Wa&#x0364;l-<lb/>
der, die nahe genug &#x017F;ind, um in mir das Verlangen, mich dahin zu begeben, rege<lb/>
zu machen. Auf eben die&#x017F;em Gipfel &#x017F;ehe ich, aber in einer gro&#x0364;ßern Entfernung,<lb/>
Kornfelder, die mir die Idee ihres Reichthums zubringen, ohne mich durch ihre<lb/>
Einfo&#x0364;rmigkeit zu beleidigen.</p><lb/>
              <p>Nach die&#x017F;em er&#x017F;ten flu&#x0364;chtigen Blicke &#x017F;ehe ich zuru&#x0364;ck nach dem Fuße des Hu&#x0364;gels,<lb/>
wo ich mich befinde, und meine Augen verweilen &#x017F;ich bey der Meyerey.</p><lb/>
              <p>Die Verbindung ver&#x017F;chiedener Geba&#x0364;ude, Ho&#x0364;fe, einge&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;ener Pla&#x0364;tze, fe&#x017F;-<lb/>
&#x017F;elt meinen Blick, und erregt meine Aufmerk&#x017F;amkeit. Ich &#x017F;teige vom Hu&#x0364;gel herab;<lb/>
meine Einbildungskraft i&#x017F;t voll von &#x017F;cha&#x0364;feri&#x017F;chen Ideen. Das Verlangen i&#x017F;t erregt,<lb/>
es ko&#x0364;mmt darauf an, es zu unterhalten und zu befriedigen. Aber je vollkommener<lb/>
der Ge&#x017F;chmack in der Ge&#x017F;ell&#x017F;chaft i&#x017F;t, davon ich einen Theil ausmache, eine de&#x017F;to fei-<lb/>
nere Kun&#x017F;t muß angewendet werden. Das Nutzbare und das Angenehme mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en auf<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">eine</fw><lb/></p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[135/0143] einzelner Theile eines Landſitzes. 3. Einige Zeit nachher gab der maleriſche Watelet *) in Frankreich zuerſt eine ſchoͤne Beſchreibung von einer Meyerey (ferme ornée), die von den Ideen der Brit- ten etwas abweicht, aber eine freye, leichte und anmuthige Zuſammenſetzung in ſei- nem Gemaͤlde macht. Die Wohnung, ſagt er, ſoll an dem Abhang eines Huͤgels liegen, von wel- chem man die Gebaͤude und die Behaͤltniſſe, wo die Wohlthaten der Natur aufbe- wahret und genutzet werden, leicht uͤberſehen kann. Der Genuß des Landes muß ein Zuſammenhang von unerkuͤnſtelten Begierden und von leicht erlangten Befriedi- gungen ſeyn. Die Wohnung, worinn Nutzbarkeit und Vergnuͤgen ſich vereinigen ſollen, muß daher ſo gelegen ſeyn, daß man den ganzen Umfang der angraͤnzenden Einrichtungen ohne Hinderniß entdecken kann. Gegen Mitternacht wuͤrde ſie zu oft die Strenge eines beſchwerlichen Windes erfahren. Gegen Abend wuͤrde der Glanz der brennenden Sonne, deren Strahlen die Graͤnzen des Horizonts blenden, den Blick ermuͤden und zuruͤck ſtoßen. Aber die Ausſicht zwiſchen Mittag und Morgen wird der Neigung, ſich mit dem Anblicke der Landſchaft zu beſchaͤftigen, keine Hin- derniſſe entgegen ſtellen, und dieſe Neigung wird durch die Leichtigkeit des Genuſſes genaͤhrt werden. Dieſem Vergnuͤgen uͤberlaſſen, werde ich gewahr, daß der Huͤgel auf Wieſen herunter ſteigt, durch die ein kleiner Bach ſich ſchlaͤngelt; daß der entgegen ſtehende Abhang angebauete Plaͤtze, Weinberge darſtellet, und auf dem Gipfel ſehe ich Waͤl- der, die nahe genug ſind, um in mir das Verlangen, mich dahin zu begeben, rege zu machen. Auf eben dieſem Gipfel ſehe ich, aber in einer groͤßern Entfernung, Kornfelder, die mir die Idee ihres Reichthums zubringen, ohne mich durch ihre Einfoͤrmigkeit zu beleidigen. Nach dieſem erſten fluͤchtigen Blicke ſehe ich zuruͤck nach dem Fuße des Huͤgels, wo ich mich befinde, und meine Augen verweilen ſich bey der Meyerey. Die Verbindung verſchiedener Gebaͤude, Hoͤfe, eingeſchloſſener Plaͤtze, feſ- ſelt meinen Blick, und erregt meine Aufmerkſamkeit. Ich ſteige vom Huͤgel herab; meine Einbildungskraft iſt voll von ſchaͤferiſchen Ideen. Das Verlangen iſt erregt, es koͤmmt darauf an, es zu unterhalten und zu befriedigen. Aber je vollkommener der Geſchmack in der Geſellſchaft iſt, davon ich einen Theil ausmache, eine deſto fei- nere Kunſt muß angewendet werden. Das Nutzbare und das Angenehme muͤſſen auf eine *) Eſſai ſur les Jardins S. 22 u. f. Faſt um eben dieſe Zeit trug auch der un- genannte Verfaſſer von der Theorie des Jardins S. 113 u. 307 u. f. einige Vor- ſchriften uͤber dieſe Gattung von Verſchoͤ- nerung vor.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/hirschfeld_gartenkunst5_1785
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/hirschfeld_gartenkunst5_1785/143
Zitationshilfe: Hirschfeld, Christian Cay Lorenz: Theorie der Gartenkunst. Bd. 5. Leipzig, 1785, S. 135. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/hirschfeld_gartenkunst5_1785/143>, abgerufen am 19.09.2019.