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Horner, Heinrich [d. i. Heinrich Homberger]: Der Säugling. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 23. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 211–295. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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Auf dem Platze vor der Porta di San Niccolo stand an einem Herbstabend kurz nach Sonnenuntergang ein Mädchen und warf ungeduldige Blicke durch das Thor hinein in das enge Borgo, das, selbst am hellen Tage eine der düstersten Gassen von Florenz, jetzt in der Dämmerung einem Sacke mit schwarzem unergründlichem Boden glich. Obwohl ein lebhaftes Zuglüftchen durch das Thor wehte, ließ die mit einem halben Dutzend Ringe geschmückte Hand des Mädchens doch ihren rothen Papierfächer nicht einen Augenblick in Ruhe; die andere Hand aber zog den großen flachen Strohhut, der sonst wie üblich hinten im Nacken hing, in das Gesicht herein. Allein das half ihr nichts. Sie wurde doch erkannt von dem langen, langhalsigen Burschen, der eben durch das Thor kam und auf sie zu schritt.

Guten Abend, Gigia, redete er sie an. Wir machen also heute den Weg zusammen?

Nein, versetzte sie kurz, ich fahre.

Auf dem Platze vor der Porta di San Niccolò stand an einem Herbstabend kurz nach Sonnenuntergang ein Mädchen und warf ungeduldige Blicke durch das Thor hinein in das enge Borgo, das, selbst am hellen Tage eine der düstersten Gassen von Florenz, jetzt in der Dämmerung einem Sacke mit schwarzem unergründlichem Boden glich. Obwohl ein lebhaftes Zuglüftchen durch das Thor wehte, ließ die mit einem halben Dutzend Ringe geschmückte Hand des Mädchens doch ihren rothen Papierfächer nicht einen Augenblick in Ruhe; die andere Hand aber zog den großen flachen Strohhut, der sonst wie üblich hinten im Nacken hing, in das Gesicht herein. Allein das half ihr nichts. Sie wurde doch erkannt von dem langen, langhalsigen Burschen, der eben durch das Thor kam und auf sie zu schritt.

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[0007] Auf dem Platze vor der Porta di San Niccolò stand an einem Herbstabend kurz nach Sonnenuntergang ein Mädchen und warf ungeduldige Blicke durch das Thor hinein in das enge Borgo, das, selbst am hellen Tage eine der düstersten Gassen von Florenz, jetzt in der Dämmerung einem Sacke mit schwarzem unergründlichem Boden glich. Obwohl ein lebhaftes Zuglüftchen durch das Thor wehte, ließ die mit einem halben Dutzend Ringe geschmückte Hand des Mädchens doch ihren rothen Papierfächer nicht einen Augenblick in Ruhe; die andere Hand aber zog den großen flachen Strohhut, der sonst wie üblich hinten im Nacken hing, in das Gesicht herein. Allein das half ihr nichts. Sie wurde doch erkannt von dem langen, langhalsigen Burschen, der eben durch das Thor kam und auf sie zu schritt. Guten Abend, Gigia, redete er sie an. Wir machen also heute den Weg zusammen? Nein, versetzte sie kurz, ich fahre.

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Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-15T12:13:28Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-15T12:13:28Z)

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Bogensignaturen: nicht gekennzeichnet; Druckfehler: dokumentiert; fremdsprachliches Material: nicht gekennzeichnet; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): nicht ausgezeichnet; i/j in Fraktur: keine Angabe; I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert; Kolumnentitel: nicht gekennzeichnet; Kustoden: keine Angabe; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine; rundes r (ꝛ): keine Angabe; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: aufgelöst; u/v bzw. U/V: keine Angabe; Vokale mit übergest. e: keine Angabe; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: nein;




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Zitationshilfe: Horner, Heinrich [d. i. Heinrich Homberger]: Der Säugling. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 23. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 211–295. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/horner_saeugling_1910/7>, abgerufen am 04.07.2020.