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Immermann, Karl: Münchhausen. Bd. 2. Düsseldorf, 1839.

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III.
Der magische Schneider.


Nicht weit vom Orte in einem engen Thalwege,
von wo ich bereits deutlich die Weibertreue ragen
sah, bemerkte ich, daß ein spindeldürrer Mensch
vor meinem Wagen auf der Landstraße hin und
her wankte, der nach gemeinen Begriffen für be-
trunken gelten konnte, denn er taumelte in der
That außerordentlich und fiel nach einigen Ver-
suchen, Grund und Boden dennoch fest unter den
Füßen zu halten, nebenan in den Graben. Seine
Lage da unten zwischen Wegerich, Nesseln und Vo-
gelkraut war nicht die eines gewöhnlichen Menschen,
denn ganz symmetrisch war er gefallen, mit dem
Rücken und Kopfe genau in die Mitte des Stra-
ßengrabens, die Arme und Füße aber rechts und
links auf die Ränder des Grabens gestreckt, so daß
der Meridian gerade durch sein Centrum ging.
Dieses außerordentliche Schauspiel regte meine be-

III.
Der magiſche Schneider.


Nicht weit vom Orte in einem engen Thalwege,
von wo ich bereits deutlich die Weibertreue ragen
ſah, bemerkte ich, daß ein ſpindeldürrer Menſch
vor meinem Wagen auf der Landſtraße hin und
her wankte, der nach gemeinen Begriffen für be-
trunken gelten konnte, denn er taumelte in der
That außerordentlich und fiel nach einigen Ver-
ſuchen, Grund und Boden dennoch feſt unter den
Füßen zu halten, nebenan in den Graben. Seine
Lage da unten zwiſchen Wegerich, Neſſeln und Vo-
gelkraut war nicht die eines gewöhnlichen Menſchen,
denn ganz ſymmetriſch war er gefallen, mit dem
Rücken und Kopfe genau in die Mitte des Stra-
ßengrabens, die Arme und Füße aber rechts und
links auf die Ränder des Grabens geſtreckt, ſo daß
der Meridian gerade durch ſein Centrum ging.
Dieſes außerordentliche Schauſpiel regte meine be-

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[249/0267] III. Der magiſche Schneider. Nicht weit vom Orte in einem engen Thalwege, von wo ich bereits deutlich die Weibertreue ragen ſah, bemerkte ich, daß ein ſpindeldürrer Menſch vor meinem Wagen auf der Landſtraße hin und her wankte, der nach gemeinen Begriffen für be- trunken gelten konnte, denn er taumelte in der That außerordentlich und fiel nach einigen Ver- ſuchen, Grund und Boden dennoch feſt unter den Füßen zu halten, nebenan in den Graben. Seine Lage da unten zwiſchen Wegerich, Neſſeln und Vo- gelkraut war nicht die eines gewöhnlichen Menſchen, denn ganz ſymmetriſch war er gefallen, mit dem Rücken und Kopfe genau in die Mitte des Stra- ßengrabens, die Arme und Füße aber rechts und links auf die Ränder des Grabens geſtreckt, ſo daß der Meridian gerade durch ſein Centrum ging. Dieſes außerordentliche Schauſpiel regte meine be-

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Zitationshilfe: Immermann, Karl: Münchhausen. Bd. 2. Düsseldorf, 1839, S. 249. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/immermann_muenchhausen02_1839/267>, abgerufen am 20.04.2019.