Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Immermann, Karl: Münchhausen. Bd. 2. Düsseldorf, 1839.

Bild:
<< vorherige Seite

Das erschütterte ihn. Er sah mein Leiden,
welches durch den Scherz schauerte. Thränen traten
in sein Auge, er sagte: Sie sind doch sehr gut,
und ich bin's denn also. Er ging, übermannt
von edler, menschlicher Rührung.

In seinen Thränen fand ihn mein Gefühl, wie
mein Verstand ihn schon früher erkannt hatte. Sei-
ner Rolle blieb er sonst treu. Mittags meldete
er sich um die zwei Pfund Rindfleisch. Ich gab
sie ihm und bereitete für uns einen Pfannkuchen,
den Vater täuschend mit der Nachricht, die Katze
habe das Fleisch gefressen. Er hat es rein auf-
gegessen; seine Verstellung muß ihm doch schwer
gefallen seyn.

Wo die alberne Lisbeth nur bleiben mag, der
Aschenbrödel? Mit dieser Welt im Busen muß ich
nun jetzt am Feuerheerde stehen! Auch war der
Pfannkuchen versalzen und ungenießbar.



Heute ist es zu einer vollständigen Erklärung
zwischen uns gekommen. Ich erinnerte ihn an
unsere Spaziergänge bei Nizza, an die Wechselver-
fertigung, an die sechste Elephantencompagnie und
an die Cabale des Kaisers aller Birmanen. Ich

Das erſchütterte ihn. Er ſah mein Leiden,
welches durch den Scherz ſchauerte. Thränen traten
in ſein Auge, er ſagte: Sie ſind doch ſehr gut,
und ich bin’s denn alſo. Er ging, übermannt
von edler, menſchlicher Rührung.

In ſeinen Thränen fand ihn mein Gefühl, wie
mein Verſtand ihn ſchon früher erkannt hatte. Sei-
ner Rolle blieb er ſonſt treu. Mittags meldete
er ſich um die zwei Pfund Rindfleiſch. Ich gab
ſie ihm und bereitete für uns einen Pfannkuchen,
den Vater täuſchend mit der Nachricht, die Katze
habe das Fleiſch gefreſſen. Er hat es rein auf-
gegeſſen; ſeine Verſtellung muß ihm doch ſchwer
gefallen ſeyn.

Wo die alberne Lisbeth nur bleiben mag, der
Aſchenbrödel? Mit dieſer Welt im Buſen muß ich
nun jetzt am Feuerheerde ſtehen! Auch war der
Pfannkuchen verſalzen und ungenießbar.



Heute iſt es zu einer vollſtändigen Erklärung
zwiſchen uns gekommen. Ich erinnerte ihn an
unſere Spaziergänge bei Nizza, an die Wechſelver-
fertigung, an die ſechſte Elephantencompagnie und
an die Cabale des Kaiſers aller Birmanen. Ich

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0047" n="29"/>
          <p>Das er&#x017F;chütterte ihn. Er &#x017F;ah mein Leiden,<lb/>
welches durch den Scherz &#x017F;chauerte. Thränen traten<lb/>
in &#x017F;ein Auge, er &#x017F;agte: Sie &#x017F;ind doch &#x017F;ehr gut,<lb/>
und ich bin&#x2019;s denn al&#x017F;o. Er ging, übermannt<lb/>
von edler, men&#x017F;chlicher Rührung.</p><lb/>
          <p>In &#x017F;einen Thränen fand ihn mein Gefühl, wie<lb/>
mein Ver&#x017F;tand ihn &#x017F;chon früher erkannt hatte. Sei-<lb/>
ner Rolle blieb er &#x017F;on&#x017F;t treu. Mittags meldete<lb/>
er &#x017F;ich um die zwei Pfund Rindflei&#x017F;ch. Ich gab<lb/>
&#x017F;ie ihm und bereitete für uns einen Pfannkuchen,<lb/>
den Vater täu&#x017F;chend mit der Nachricht, die Katze<lb/>
habe das Flei&#x017F;ch gefre&#x017F;&#x017F;en. Er hat es rein auf-<lb/>
gege&#x017F;&#x017F;en; &#x017F;eine Ver&#x017F;tellung muß ihm doch &#x017F;chwer<lb/>
gefallen &#x017F;eyn.</p><lb/>
          <p>Wo die alberne Lisbeth nur bleiben mag, der<lb/>
A&#x017F;chenbrödel? Mit die&#x017F;er Welt im Bu&#x017F;en muß ich<lb/>
nun jetzt am Feuerheerde &#x017F;tehen! Auch war der<lb/>
Pfannkuchen ver&#x017F;alzen und ungenießbar.</p><lb/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
          <p>Heute i&#x017F;t es zu einer voll&#x017F;tändigen Erklärung<lb/>
zwi&#x017F;chen uns gekommen. Ich erinnerte ihn an<lb/>
un&#x017F;ere Spaziergänge bei Nizza, an die Wech&#x017F;elver-<lb/>
fertigung, an die &#x017F;ech&#x017F;te Elephantencompagnie und<lb/>
an die Cabale des Kai&#x017F;ers aller Birmanen. Ich<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[29/0047] Das erſchütterte ihn. Er ſah mein Leiden, welches durch den Scherz ſchauerte. Thränen traten in ſein Auge, er ſagte: Sie ſind doch ſehr gut, und ich bin’s denn alſo. Er ging, übermannt von edler, menſchlicher Rührung. In ſeinen Thränen fand ihn mein Gefühl, wie mein Verſtand ihn ſchon früher erkannt hatte. Sei- ner Rolle blieb er ſonſt treu. Mittags meldete er ſich um die zwei Pfund Rindfleiſch. Ich gab ſie ihm und bereitete für uns einen Pfannkuchen, den Vater täuſchend mit der Nachricht, die Katze habe das Fleiſch gefreſſen. Er hat es rein auf- gegeſſen; ſeine Verſtellung muß ihm doch ſchwer gefallen ſeyn. Wo die alberne Lisbeth nur bleiben mag, der Aſchenbrödel? Mit dieſer Welt im Buſen muß ich nun jetzt am Feuerheerde ſtehen! Auch war der Pfannkuchen verſalzen und ungenießbar. Heute iſt es zu einer vollſtändigen Erklärung zwiſchen uns gekommen. Ich erinnerte ihn an unſere Spaziergänge bei Nizza, an die Wechſelver- fertigung, an die ſechſte Elephantencompagnie und an die Cabale des Kaiſers aller Birmanen. Ich

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/immermann_muenchhausen02_1839
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/immermann_muenchhausen02_1839/47
Zitationshilfe: Immermann, Karl: Münchhausen. Bd. 2. Düsseldorf, 1839, S. 29. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/immermann_muenchhausen02_1839/47>, abgerufen am 26.03.2019.