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Jahn, Friedrich Ludwig: Deutsches Volksthum. Lübeck, 1810.

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Einfälle in den dicksten Mägdchenrudel hinein¬
rennen, und aus der Ergriffenen eine Gattin
nach Belieben ziehn wollen. Beide Ausgebur¬
ten verhöhnen die Menschheit, lästern die Liebe,
schmähen das Leben.

Der Mann soll kein Schaustück der Frau,
sie kein Spielzeug für ihn werden. Wo Ein
Wesen nur das andere für sich und nach sich
bilden will, muß das letztere zum todten Mittel
verderben. Wenn es aber sein Menschenthums¬
recht fühlt; so entzweit es sich zum nachtragenden
Groll oder offenbaren Krieg mit dem selbstver¬
messenen alleinvollkommenen Dünkrich. Und das
macht das Übel unheilbar, ein- und um-sichfres¬
send; daß Menschen die ungebildet und kaum
bildungsfähig sind, von solcher Hofmeistersucht
befallen werden. Anbilden läßt sich dem Men¬
schen ein Mahl nichts! Solche Versuche sind
wie das Beklexen der hölzernen Häuser, um sie
äußerlich zu vermarmorn: Kein Anputz von
Dauer, bloß eine vergängliche Schminke. Was
der Mensch an Bildung gewinnen soll, kann
ihm nur eigene Selbstthätigkeit erwerben. Wer
die zu erwecken versteht, ist ein tüchtiger Erzie¬

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Einfälle in den dickſten Mägdchenrudel hinein¬
rennen, und aus der Ergriffenen eine Gattin
nach Belieben ziehn wollen. Beide Ausgebur¬
ten verhöhnen die Menſchheit, läſtern die Liebe,
ſchmähen das Leben.

Der Mann ſoll kein Schauſtück der Frau,
ſie kein Spielzeug für ihn werden. Wo Ein
Weſen nur das andere für ſich und nach ſich
bilden will, muß das letztere zum todten Mittel
verderben. Wenn es aber ſein Menſchenthums¬
recht fühlt; ſo entzweit es ſich zum nachtragenden
Groll oder offenbaren Krieg mit dem ſelbſtver¬
meſſenen alleinvollkommenen Dünkrich. Und das
macht das Übel unheilbar, ein- und um-ſichfreſ¬
ſend; daß Menſchen die ungebildet und kaum
bildungsfähig ſind, von ſolcher Hofmeiſterſucht
befallen werden. Anbilden läßt ſich dem Men¬
ſchen ein Mahl nichts! Solche Verſuche ſind
wie das Beklexen der hölzernen Häuſer, um ſie
äußerlich zu vermarmorn: Kein Anputz von
Dauer, bloß eine vergängliche Schminke. Was
der Menſch an Bildung gewinnen ſoll, kann
ihm nur eigene Selbſtthätigkeit erwerben. Wer
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[407/0437] 407 Einfälle in den dickſten Mägdchenrudel hinein¬ rennen, und aus der Ergriffenen eine Gattin nach Belieben ziehn wollen. Beide Ausgebur¬ ten verhöhnen die Menſchheit, läſtern die Liebe, ſchmähen das Leben. Der Mann ſoll kein Schauſtück der Frau, ſie kein Spielzeug für ihn werden. Wo Ein Weſen nur das andere für ſich und nach ſich bilden will, muß das letztere zum todten Mittel verderben. Wenn es aber ſein Menſchenthums¬ recht fühlt; ſo entzweit es ſich zum nachtragenden Groll oder offenbaren Krieg mit dem ſelbſtver¬ meſſenen alleinvollkommenen Dünkrich. Und das macht das Übel unheilbar, ein- und um-ſichfreſ¬ ſend; daß Menſchen die ungebildet und kaum bildungsfähig ſind, von ſolcher Hofmeiſterſucht befallen werden. Anbilden läßt ſich dem Men¬ ſchen ein Mahl nichts! Solche Verſuche ſind wie das Beklexen der hölzernen Häuſer, um ſie äußerlich zu vermarmorn: Kein Anputz von Dauer, bloß eine vergängliche Schminke. Was der Menſch an Bildung gewinnen ſoll, kann ihm nur eigene Selbſtthätigkeit erwerben. Wer die zu erwecken verſteht, iſt ein tüchtiger Erzie¬

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Zitationshilfe: Jahn, Friedrich Ludwig: Deutsches Volksthum. Lübeck, 1810, S. 407. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/jahn_volksthum_1810/437>, abgerufen am 18.06.2019.