Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 1. Bonn, 1888.

Bild:
<< vorherige Seite
Zweites Buch.

Von diesem in seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahre ver-
storbenen Prinzen liest man, dass er, von den drei Brüdern der
kräftigste, für klug, lebhaft, ja leidenschaftlich galt. Beim Tode
des Erzherzog Albrecht (1621) hatte man ihn nach Flandern
schicken wollen, damit er sich an der Seite der Statthalterin
Witwe in die Verwaltungsgeschäfte einlebe, und dereinst ihr
Nachfolger werden könne. Olivares wusste ihn von den Geschäften
völlig auszuschliessen, ja er verhinderte seine Vermählung, weil
er den Einfluss einer fremden Prinzessin fürchtete; er wuchs auf
ohne jeglichen Unterricht. Aus der Zeit unsers Bildes entwirft
Mocenigo folgende Schilderung. "Er ist so zurückhaltend im
Gespräch und beobachtet eine solche Unterwürfigkeit gegen
seinen Bruder, von dem er sich nie einen Schritt entfernt, dass
man nicht weiss, was für Neigungen er haben mag. Dieselben
Junker, welche dem König in der einen Woche aufwarten, dienen
in der zweiten dem Infanten. Er speist mit S. Maj., folgt ihm
überall hin, und ist stets bei ihm wie sein Schatten. Allein
lässt er ihn nur, wenn der König die Consulten durchsieht oder
mit dem Grafen Herzog in Geschäften zusammen ist. Kurz er
lebt in immerwährender Gefangenschaft." So ist denn auch sein
Bildniss wie aus der Gussform des brüderlichen hervorgegangen.
Nur ist es dunkler gehalten: auf rostbraunem Grund tritt die in
reiche schwarzseidene Hoftracht gehüllte Gestalt und das bron-
zene Antlitz dämmerhaft hervor. Glatt gewellte und gedrehte
Haare, eine schön modellirte rechte Hand, welche den Hand-
schuh mit einem Finger nachlässig hält, die verhüllte linke den
nach vorn offenen grossen Hut fassend. Es ist ein Zug von
Verachtung im Spiel der Muskeln um den Mund: er leistete im
sosiego erhebliches, selbst italienische Diplomaten zuweilen ver-
blüffendes1). Er starb im Juli 1632 an einem Fieber, das nach
Zuan Corner einem Streit mit Olivares folgte. Ja man glaubte
noch Schlimmeres2). Nach Capecelatro hatte er sterbend den
König vor seinen "bösen Räthen" gewarnt.



Figur aus dem Jahre 1622; den Hut in der Hand sieht er auf zu einem Bild des
Kaisers oben an der Wand; auf dem Tisch liegt ein Helm und ein Buch, auf
dessen Schnitt steht: EPIT. CAR. V. (Bibl. nacional.)
1) Feci il complimento ... con l'Infante Carlo e fu ricevuto bene, e con
honore, per quanto comporta il gran sussiego di questi gran principi. Pellegrino
Berlacchi, Vescovo di Modena, 4. April 1622.
2) Quevedo in der an Philipp IV gerichteten Glosse des Vaterunser, spricht
von dem "grünen Kreuz" an dem er gestorben (en cruz verde padecio) und der
lanceta. Es ist das Alcantarakreuz des Olivares gemeint.
Zweites Buch.

Von diesem in seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahre ver-
storbenen Prinzen liest man, dass er, von den drei Brüdern der
kräftigste, für klug, lebhaft, ja leidenschaftlich galt. Beim Tode
des Erzherzog Albrecht (1621) hatte man ihn nach Flandern
schicken wollen, damit er sich an der Seite der Statthalterin
Witwe in die Verwaltungsgeschäfte einlebe, und dereinst ihr
Nachfolger werden könne. Olivares wusste ihn von den Geschäften
völlig auszuschliessen, ja er verhinderte seine Vermählung, weil
er den Einfluss einer fremden Prinzessin fürchtete; er wuchs auf
ohne jeglichen Unterricht. Aus der Zeit unsers Bildes entwirft
Mocenigo folgende Schilderung. „Er ist so zurückhaltend im
Gespräch und beobachtet eine solche Unterwürfigkeit gegen
seinen Bruder, von dem er sich nie einen Schritt entfernt, dass
man nicht weiss, was für Neigungen er haben mag. Dieselben
Junker, welche dem König in der einen Woche aufwarten, dienen
in der zweiten dem Infanten. Er speist mit S. Maj., folgt ihm
überall hin, und ist stets bei ihm wie sein Schatten. Allein
lässt er ihn nur, wenn der König die Consulten durchsieht oder
mit dem Grafen Herzog in Geschäften zusammen ist. Kurz er
lebt in immerwährender Gefangenschaft.“ So ist denn auch sein
Bildniss wie aus der Gussform des brüderlichen hervorgegangen.
Nur ist es dunkler gehalten: auf rostbraunem Grund tritt die in
reiche schwarzseidene Hoftracht gehüllte Gestalt und das bron-
zene Antlitz dämmerhaft hervor. Glatt gewellte und gedrehte
Haare, eine schön modellirte rechte Hand, welche den Hand-
schuh mit einem Finger nachlässig hält, die verhüllte linke den
nach vorn offenen grossen Hut fassend. Es ist ein Zug von
Verachtung im Spiel der Muskeln um den Mund: er leistete im
sosiego erhebliches, selbst italienische Diplomaten zuweilen ver-
blüffendes1). Er starb im Juli 1632 an einem Fieber, das nach
Zuan Corner einem Streit mit Olivares folgte. Ja man glaubte
noch Schlimmeres2). Nach Capecelatro hatte er sterbend den
König vor seinen „bösen Räthen“ gewarnt.



Figur aus dem Jahre 1622; den Hut in der Hand sieht er auf zu einem Bild des
Kaisers oben an der Wand; auf dem Tisch liegt ein Helm und ein Buch, auf
dessen Schnitt steht: EPIT. CAR. V. (Bibl. nacional.)
1) Feci il complimento … con l’Infante Carlo e fu ricevuto bene, e con
honore, per quanto comporta il gran sussiego di questi gran principi. Pellegrino
Berlacchi, Vescovo di Modena, 4. April 1622.
2) Quevedo in der an Philipp IV gerichteten Glosse des Vaterunser, spricht
von dem „grünen Kreuz“ an dem er gestorben (en cruz verde padeció) und der
lanceta. Es ist das Alcántarakreuz des Olivares gemeint.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0228" n="206"/>
          <fw place="top" type="header">Zweites Buch.</fw><lb/>
          <p>Von diesem in seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahre ver-<lb/>
storbenen Prinzen liest man, dass er, von den drei Brüdern der<lb/>
kräftigste, für klug, lebhaft, ja leidenschaftlich galt. Beim Tode<lb/>
des Erzherzog Albrecht (1621) hatte man ihn nach Flandern<lb/>
schicken wollen, damit er sich an der Seite der Statthalterin<lb/>
Witwe in die Verwaltungsgeschäfte einlebe, und dereinst ihr<lb/>
Nachfolger werden könne. Olivares wusste ihn von den Geschäften<lb/>
völlig auszuschliessen, ja er verhinderte seine Vermählung, weil<lb/>
er den Einfluss einer fremden Prinzessin fürchtete; er wuchs auf<lb/>
ohne jeglichen Unterricht. Aus der Zeit unsers Bildes entwirft<lb/>
Mocenigo folgende Schilderung. &#x201E;Er ist so zurückhaltend im<lb/>
Gespräch und beobachtet eine solche Unterwürfigkeit gegen<lb/>
seinen Bruder, von dem er sich nie einen Schritt entfernt, dass<lb/>
man nicht weiss, was für Neigungen er haben mag. Dieselben<lb/>
Junker, welche dem König in der einen Woche aufwarten, dienen<lb/>
in der zweiten dem Infanten. Er speist mit S. Maj., folgt ihm<lb/>
überall hin, und ist stets bei ihm wie sein Schatten. Allein<lb/>
lässt er ihn nur, wenn der König die Consulten durchsieht oder<lb/>
mit dem Grafen Herzog in Geschäften zusammen ist. Kurz er<lb/>
lebt in immerwährender Gefangenschaft.&#x201C; So ist denn auch sein<lb/>
Bildniss wie aus der Gussform des brüderlichen hervorgegangen.<lb/>
Nur ist es dunkler gehalten: auf rostbraunem Grund tritt die in<lb/>
reiche schwarzseidene Hoftracht gehüllte Gestalt und das bron-<lb/>
zene Antlitz dämmerhaft hervor. Glatt gewellte und gedrehte<lb/>
Haare, eine schön modellirte rechte Hand, welche den Hand-<lb/>
schuh mit einem Finger nachlässig hält, die verhüllte linke den<lb/>
nach vorn offenen grossen Hut fassend. Es ist ein Zug von<lb/>
Verachtung im Spiel der Muskeln um den Mund: er leistete im<lb/><hi rendition="#i">sosiego</hi> erhebliches, selbst italienische Diplomaten zuweilen ver-<lb/>
blüffendes<note place="foot" n="1)">Feci il complimento &#x2026; con l&#x2019;Infante Carlo e fu ricevuto bene, e con<lb/>
honore, per quanto comporta <hi rendition="#i">il gran sussiego</hi> di questi gran principi. Pellegrino<lb/>
Berlacchi, Vescovo di Modena, 4. April 1622.</note>. Er starb im Juli 1632 an einem Fieber, das nach<lb/>
Zuan Corner einem Streit mit Olivares folgte. Ja man glaubte<lb/>
noch Schlimmeres<note place="foot" n="2)">Quevedo in der an Philipp IV gerichteten Glosse des Vaterunser, spricht<lb/>
von dem &#x201E;grünen Kreuz&#x201C; an dem er gestorben (en cruz verde padeció) und der<lb/>
lanceta. Es ist das Alcántarakreuz des Olivares gemeint.</note>. Nach Capecelatro hatte er sterbend den<lb/>
König vor seinen &#x201E;bösen Räthen&#x201C; gewarnt.</p><lb/>
          <note xml:id="note-0228" prev="#note-0227" place="foot" n="2)">Figur aus dem Jahre 1622; den Hut in der Hand sieht er auf zu einem Bild des<lb/>
Kaisers oben an der Wand; auf dem Tisch liegt ein Helm und ein Buch, auf<lb/>
dessen Schnitt steht: EPIT. CAR. V. (Bibl. nacional.)</note>
        </div><lb/>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[206/0228] Zweites Buch. Von diesem in seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahre ver- storbenen Prinzen liest man, dass er, von den drei Brüdern der kräftigste, für klug, lebhaft, ja leidenschaftlich galt. Beim Tode des Erzherzog Albrecht (1621) hatte man ihn nach Flandern schicken wollen, damit er sich an der Seite der Statthalterin Witwe in die Verwaltungsgeschäfte einlebe, und dereinst ihr Nachfolger werden könne. Olivares wusste ihn von den Geschäften völlig auszuschliessen, ja er verhinderte seine Vermählung, weil er den Einfluss einer fremden Prinzessin fürchtete; er wuchs auf ohne jeglichen Unterricht. Aus der Zeit unsers Bildes entwirft Mocenigo folgende Schilderung. „Er ist so zurückhaltend im Gespräch und beobachtet eine solche Unterwürfigkeit gegen seinen Bruder, von dem er sich nie einen Schritt entfernt, dass man nicht weiss, was für Neigungen er haben mag. Dieselben Junker, welche dem König in der einen Woche aufwarten, dienen in der zweiten dem Infanten. Er speist mit S. Maj., folgt ihm überall hin, und ist stets bei ihm wie sein Schatten. Allein lässt er ihn nur, wenn der König die Consulten durchsieht oder mit dem Grafen Herzog in Geschäften zusammen ist. Kurz er lebt in immerwährender Gefangenschaft.“ So ist denn auch sein Bildniss wie aus der Gussform des brüderlichen hervorgegangen. Nur ist es dunkler gehalten: auf rostbraunem Grund tritt die in reiche schwarzseidene Hoftracht gehüllte Gestalt und das bron- zene Antlitz dämmerhaft hervor. Glatt gewellte und gedrehte Haare, eine schön modellirte rechte Hand, welche den Hand- schuh mit einem Finger nachlässig hält, die verhüllte linke den nach vorn offenen grossen Hut fassend. Es ist ein Zug von Verachtung im Spiel der Muskeln um den Mund: er leistete im sosiego erhebliches, selbst italienische Diplomaten zuweilen ver- blüffendes 1). Er starb im Juli 1632 an einem Fieber, das nach Zuan Corner einem Streit mit Olivares folgte. Ja man glaubte noch Schlimmeres 2). Nach Capecelatro hatte er sterbend den König vor seinen „bösen Räthen“ gewarnt. 2) 1) Feci il complimento … con l’Infante Carlo e fu ricevuto bene, e con honore, per quanto comporta il gran sussiego di questi gran principi. Pellegrino Berlacchi, Vescovo di Modena, 4. April 1622. 2) Quevedo in der an Philipp IV gerichteten Glosse des Vaterunser, spricht von dem „grünen Kreuz“ an dem er gestorben (en cruz verde padeció) und der lanceta. Es ist das Alcántarakreuz des Olivares gemeint. 2) Figur aus dem Jahre 1622; den Hut in der Hand sieht er auf zu einem Bild des Kaisers oben an der Wand; auf dem Tisch liegt ein Helm und ein Buch, auf dessen Schnitt steht: EPIT. CAR. V. (Bibl. nacional.)

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez01_1888
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez01_1888/228
Zitationshilfe: Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 1. Bonn, 1888, S. 206. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez01_1888/228>, abgerufen am 25.10.2020.