Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 1. Bonn, 1888.

Bild:
<< vorherige Seite
Christus an der Säule.

Neuerdings hat das Krucifix ein Seitenstück erhalten: eine
Episode aus dem Sturm des Leidens, der jener Todesruhe
vorherging, den

Christus an der Säule.

Dieses Gemälde, erst seit fünf Jahren öffentlich zugäng-
lich, kann wol als die merkwürdigste Vermehrung des bisher
bekannten Bilderschatzes des Meisters bezeichnet werden. Vor
fünfundzwanzig Jahren zu Madrid erworben, hatte es schon bei
seiner ersten Ausstellung in Manchester (1857) und in der British
Institution (1860) vielfach tiefen Eindruck gemacht1), doch auch
Zweifler an seiner Echtheit gefunden, -- wie es oft das Schick-
sal neuentdeckter Originale ist. Das Dunkel, aus dem es nach
mehr als zwei Jahrhunderten Vergessens plötzlich auftaucht, ist
räthselhaft; vielleicht war es, ursprünglich Andachtsbild, als Fami-
lieneigenthum fortgeerbt worden, ohne dass man den Kunstwerth
beachtete. Seitdem blieb es wieder über zwanzig Jahre in einem
Privathause verborgen, und so konnte vielen Freunden des
Velazquez keine grössere Ueberraschung begegnen, als die bei
seinem Erscheinen in der Nationalgalerie, der es Sir John Savil
Lumley geschenkt hat.

Ein religiöses Bild, völlig von den sonst bekannten seiner
Hand abweichend, in der Verwebung gegenwärtigen Lebens
mit dem Wunderbaren und der heiligen Geschichte mehr mittel-
alterlich als modern; eine Passionsscene (paso) die, soviel man
wusste, so nie dargestellt war, ein Werk endlich, in welchem
einmal des Meisters religiöses Empfinden hervortritt. Und von
diesem Werk findet sich in alten Nachrichten und Inventaren

von Chinchon, der Gemahlin des Friedensfürsten, die es nach Paris zum Verkauf
schickte (1826), wo es auf 20,000 Francs geschätzt wurde; als sie starb, übernahm
es ihr Schwager, Herzog von S. Fernando auf seinen Erbantheil und schenkte es
Ferdinand VII. Falsch ist, die Gräfin habe, als es in der Kapelle ihres Palasts
zu Boadilla war, das Stück mit Schlange und Schädel ansetzen lassen. Diess
findet sich schon im Stich von Carmona. -- Prado 1055. 2,48 x 1,69.
1) There is an originality and solemnity about this picture, not only in the
general tone, but in the simplicity of the composition. The resignation of the
saviour and the silent awe of the child -- for his heart only speaks -- cannot
fail to leave a deep and yet painful impression on all who have beheld it.
Athenaeum 1860 I. p. 859. -- National Gallery Nr. 1148; 6'4" x 5'8".
Christus an der Säule.

Neuerdings hat das Krucifix ein Seitenstück erhalten: eine
Episode aus dem Sturm des Leidens, der jener Todesruhe
vorherging, den

Christus an der Säule.

Dieses Gemälde, erst seit fünf Jahren öffentlich zugäng-
lich, kann wol als die merkwürdigste Vermehrung des bisher
bekannten Bilderschatzes des Meisters bezeichnet werden. Vor
fünfundzwanzig Jahren zu Madrid erworben, hatte es schon bei
seiner ersten Ausstellung in Manchester (1857) und in der British
Institution (1860) vielfach tiefen Eindruck gemacht1), doch auch
Zweifler an seiner Echtheit gefunden, — wie es oft das Schick-
sal neuentdeckter Originale ist. Das Dunkel, aus dem es nach
mehr als zwei Jahrhunderten Vergessens plötzlich auftaucht, ist
räthselhaft; vielleicht war es, ursprünglich Andachtsbild, als Fami-
lieneigenthum fortgeerbt worden, ohne dass man den Kunstwerth
beachtete. Seitdem blieb es wieder über zwanzig Jahre in einem
Privathause verborgen, und so konnte vielen Freunden des
Velazquez keine grössere Ueberraschung begegnen, als die bei
seinem Erscheinen in der Nationalgalerie, der es Sir John Savil
Lumley geschenkt hat.

Ein religiöses Bild, völlig von den sonst bekannten seiner
Hand abweichend, in der Verwebung gegenwärtigen Lebens
mit dem Wunderbaren und der heiligen Geschichte mehr mittel-
alterlich als modern; eine Passionsscene (paso) die, soviel man
wusste, so nie dargestellt war, ein Werk endlich, in welchem
einmal des Meisters religiöses Empfinden hervortritt. Und von
diesem Werk findet sich in alten Nachrichten und Inventaren

von Chinchon, der Gemahlin des Friedensfürsten, die es nach Paris zum Verkauf
schickte (1826), wo es auf 20,000 Francs geschätzt wurde; als sie starb, übernahm
es ihr Schwager, Herzog von S. Fernando auf seinen Erbantheil und schenkte es
Ferdinand VII. Falsch ist, die Gräfin habe, als es in der Kapelle ihres Palasts
zu Boadilla war, das Stück mit Schlange und Schädel ansetzen lassen. Diess
findet sich schon im Stich von Carmona. — Prado 1055. 2,48 × 1,69.
1) There is an originality and solemnity about this picture, not only in the
general tone, but in the simplicity of the composition. The resignation of the
saviour and the silent awe of the child — for his heart only speaks — cannot
fail to leave a deep and yet painful impression on all who have beheld it.
Athenæum 1860 I. p. 859. — National Gallery Nr. 1148; 6'4″ × 5'8″.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <pb facs="#f0449" n="421"/>
            <fw place="top" type="header">Christus an der Säule.</fw><lb/>
            <p>Neuerdings hat das Krucifix ein Seitenstück erhalten: eine<lb/>
Episode aus dem Sturm des Leidens, der jener Todesruhe<lb/>
vorherging, den</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#b">Christus an der Säule.</hi> </head><lb/>
            <p>Dieses Gemälde, erst seit fünf Jahren öffentlich zugäng-<lb/>
lich, kann wol als die merkwürdigste Vermehrung des bisher<lb/>
bekannten Bilderschatzes des Meisters bezeichnet werden. Vor<lb/>
fünfundzwanzig Jahren zu Madrid erworben, hatte es schon bei<lb/>
seiner ersten Ausstellung in Manchester (1857) und in der British<lb/>
Institution (1860) vielfach tiefen Eindruck gemacht<note place="foot" n="1)">There is an originality and solemnity about this picture, not only in the<lb/>
general tone, but in the simplicity of the composition. The resignation of the<lb/>
saviour and the silent awe of the child &#x2014; for his heart only speaks &#x2014; cannot<lb/>
fail to leave a deep and yet painful impression on all who have beheld it.<lb/>
Athenæum 1860 I. p. 859. &#x2014; National Gallery Nr. 1148; 6'4&#x2033; × 5'8&#x2033;.</note>, doch auch<lb/>
Zweifler an seiner Echtheit gefunden, &#x2014; wie es oft das Schick-<lb/>
sal neuentdeckter Originale ist. Das Dunkel, aus dem es nach<lb/>
mehr als zwei Jahrhunderten Vergessens plötzlich auftaucht, ist<lb/>
räthselhaft; vielleicht war es, ursprünglich Andachtsbild, als Fami-<lb/>
lieneigenthum fortgeerbt worden, ohne dass man den Kunstwerth<lb/>
beachtete. Seitdem blieb es wieder über zwanzig Jahre in einem<lb/>
Privathause verborgen, und so konnte vielen Freunden des<lb/>
Velazquez keine grössere Ueberraschung begegnen, als die bei<lb/>
seinem Erscheinen in der Nationalgalerie, der es Sir John Savil<lb/>
Lumley geschenkt hat.</p><lb/>
            <p>Ein religiöses Bild, völlig von den sonst bekannten seiner<lb/>
Hand abweichend, in der Verwebung gegenwärtigen Lebens<lb/>
mit dem Wunderbaren und der heiligen Geschichte mehr mittel-<lb/>
alterlich als modern; eine Passionsscene (<hi rendition="#i">paso</hi>) die, soviel man<lb/>
wusste, so nie dargestellt war, ein Werk endlich, in welchem<lb/>
einmal des Meisters religiöses Empfinden hervortritt. Und von<lb/>
diesem Werk findet sich in alten Nachrichten und Inventaren<lb/><note xml:id="note-0449" prev="#note-0448" place="foot" n="2)">von Chinchon, der Gemahlin des Friedensfürsten, die es nach Paris zum Verkauf<lb/>
schickte (1826), wo es auf 20,000 Francs geschätzt wurde; als sie starb, übernahm<lb/>
es ihr Schwager, Herzog von S. Fernando auf seinen Erbantheil und schenkte es<lb/>
Ferdinand VII. Falsch ist, die Gräfin habe, als es in der Kapelle ihres Palasts<lb/>
zu Boadilla war, das Stück mit Schlange und Schädel ansetzen lassen. Diess<lb/>
findet sich schon im Stich von Carmona. &#x2014; Prado 1055. 2,48 × 1,69.</note><lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[421/0449] Christus an der Säule. Neuerdings hat das Krucifix ein Seitenstück erhalten: eine Episode aus dem Sturm des Leidens, der jener Todesruhe vorherging, den Christus an der Säule. Dieses Gemälde, erst seit fünf Jahren öffentlich zugäng- lich, kann wol als die merkwürdigste Vermehrung des bisher bekannten Bilderschatzes des Meisters bezeichnet werden. Vor fünfundzwanzig Jahren zu Madrid erworben, hatte es schon bei seiner ersten Ausstellung in Manchester (1857) und in der British Institution (1860) vielfach tiefen Eindruck gemacht 1), doch auch Zweifler an seiner Echtheit gefunden, — wie es oft das Schick- sal neuentdeckter Originale ist. Das Dunkel, aus dem es nach mehr als zwei Jahrhunderten Vergessens plötzlich auftaucht, ist räthselhaft; vielleicht war es, ursprünglich Andachtsbild, als Fami- lieneigenthum fortgeerbt worden, ohne dass man den Kunstwerth beachtete. Seitdem blieb es wieder über zwanzig Jahre in einem Privathause verborgen, und so konnte vielen Freunden des Velazquez keine grössere Ueberraschung begegnen, als die bei seinem Erscheinen in der Nationalgalerie, der es Sir John Savil Lumley geschenkt hat. Ein religiöses Bild, völlig von den sonst bekannten seiner Hand abweichend, in der Verwebung gegenwärtigen Lebens mit dem Wunderbaren und der heiligen Geschichte mehr mittel- alterlich als modern; eine Passionsscene (paso) die, soviel man wusste, so nie dargestellt war, ein Werk endlich, in welchem einmal des Meisters religiöses Empfinden hervortritt. Und von diesem Werk findet sich in alten Nachrichten und Inventaren 2) 1) There is an originality and solemnity about this picture, not only in the general tone, but in the simplicity of the composition. The resignation of the saviour and the silent awe of the child — for his heart only speaks — cannot fail to leave a deep and yet painful impression on all who have beheld it. Athenæum 1860 I. p. 859. — National Gallery Nr. 1148; 6'4″ × 5'8″. 2) von Chinchon, der Gemahlin des Friedensfürsten, die es nach Paris zum Verkauf schickte (1826), wo es auf 20,000 Francs geschätzt wurde; als sie starb, übernahm es ihr Schwager, Herzog von S. Fernando auf seinen Erbantheil und schenkte es Ferdinand VII. Falsch ist, die Gräfin habe, als es in der Kapelle ihres Palasts zu Boadilla war, das Stück mit Schlange und Schädel ansetzen lassen. Diess findet sich schon im Stich von Carmona. — Prado 1055. 2,48 × 1,69.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez01_1888
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez01_1888/449
Zitationshilfe: Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 1. Bonn, 1888, S. 421. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez01_1888/449>, abgerufen am 25.10.2020.