Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 2. Bonn, 1888.

Bild:
<< vorherige Seite
Letzte Bildnisse Philipp IV.

Aus dem blassen Gesicht mit viel Blau um Auge und Mund
strahlt keine kindliche Munterkeit, diese Verheissung der Lebens-
dauer. Warum aber ist das hübsche bis auf den Boden rei-
chende hellrosa Kleid mit Silberborten (ausser den geschlitzten
Aermeln) durch die schneeweisse Schürze mit Latz verdeckt? an
deren Gürtelband allerlei Spielzeug, ein Pfeifchen, ein Glöckchen,
eine Schelle herabhängt. An dem schräg über die Brust gehenden
Goldkettchen sind zwei Schmuckstücke aus schwarzen Perlen und
Brillanten befestigt. Die Händchen gleichen matten Lilienkelchen.
Und diess weisse Figürchen schwimmt dann in einer Flut von
tiefgesättigtem Roth verschiedenen Tons des schweren Vor-
hangs, des Teppichs u. s. w. Als sollte Kraft und Feuer auf
den Wegen der Farbe in die seichten Canäle des bleichen
zerbrechlichen Gefässes einströmen. Dieses schwache Lebens-
flämmchen erlosch am 1. November 1661 1).

Letzte Bildnisse Philipp IV.

Diese zweite Ehe gab die Veranlassung zu neuen Auf-
nahmen des alternden Monarchen in ganzer Figur mit Mariannen
als Pendant. Zwei solcher Paare vermehren die Zahl der Ve-
lazquez im Prado. Das eine, frühere, wo er kniet, gehört zu dem
schon geschilderten der Königin und stammt aus dem Escorial;
dort war früher auch eine kleine Skizze dazu.

Zu den letzten Arbeiten des Meisters gehört der Alterskopf
Philipp IV, der so oft in den Galerien vorkommt. Die besten
Exemplare sind das nicht ganz intakte des Prado (1080), und
das der Nationalgalerie zu London, auch der Wiener Kopf, einst
im Schloss Ambras, dürfte ein Original sein (612). Das erstge-
nannte steht dem Kopf der Figur in voller Rüstung nahe (1077).
Nur macht dieser durch die energischere Modellirung einen
martialischeren Eindruck. Nach dem datirten Stich des Villa-
franca in der Beschreibung des Escorial von de los Santos, dem
dieselbe Aufnahme zu Grunde liegt, lässt sich die Entstehungs-
zeit bestimmen -- um 1657.

behandelt. Der Hund mit dem Knochen bei Lord Elgin in Broomhall, die streiten-
den Köter in Castle Howard werden dem Meister ohne Grund zugeschrieben. Ponz
sah im Schloss zu Villa Viciosa bei Chinchon das Bild eines Schuhu's.
1) Es giebt auch einen gleichzeitigen Kupferstich des Prinzen Prosper, wo der
Wasserkopf viel mehr auffällt.
Letzte Bildnisse Philipp IV.

Aus dem blassen Gesicht mit viel Blau um Auge und Mund
strahlt keine kindliche Munterkeit, diese Verheissung der Lebens-
dauer. Warum aber ist das hübsche bis auf den Boden rei-
chende hellrosa Kleid mit Silberborten (ausser den geschlitzten
Aermeln) durch die schneeweisse Schürze mit Latz verdeckt? an
deren Gürtelband allerlei Spielzeug, ein Pfeifchen, ein Glöckchen,
eine Schelle herabhängt. An dem schräg über die Brust gehenden
Goldkettchen sind zwei Schmuckstücke aus schwarzen Perlen und
Brillanten befestigt. Die Händchen gleichen matten Lilienkelchen.
Und diess weisse Figürchen schwimmt dann in einer Flut von
tiefgesättigtem Roth verschiedenen Tons des schweren Vor-
hangs, des Teppichs u. s. w. Als sollte Kraft und Feuer auf
den Wegen der Farbe in die seichten Canäle des bleichen
zerbrechlichen Gefässes einströmen. Dieses schwache Lebens-
flämmchen erlosch am 1. November 1661 1).

Letzte Bildnisse Philipp IV.

Diese zweite Ehe gab die Veranlassung zu neuen Auf-
nahmen des alternden Monarchen in ganzer Figur mit Mariannen
als Pendant. Zwei solcher Paare vermehren die Zahl der Ve-
lazquez im Prado. Das eine, frühere, wo er kniet, gehört zu dem
schon geschilderten der Königin und stammt aus dem Escorial;
dort war früher auch eine kleine Skizze dazu.

Zu den letzten Arbeiten des Meisters gehört der Alterskopf
Philipp IV, der so oft in den Galerien vorkommt. Die besten
Exemplare sind das nicht ganz intakte des Prado (1080), und
das der Nationalgalerie zu London, auch der Wiener Kopf, einst
im Schloss Ambras, dürfte ein Original sein (612). Das erstge-
nannte steht dem Kopf der Figur in voller Rüstung nahe (1077).
Nur macht dieser durch die energischere Modellirung einen
martialischeren Eindruck. Nach dem datirten Stich des Villa-
franca in der Beschreibung des Escorial von de los Santos, dem
dieselbe Aufnahme zu Grunde liegt, lässt sich die Entstehungs-
zeit bestimmen — um 1657.

behandelt. Der Hund mit dem Knochen bei Lord Elgin in Broomhall, die streiten-
den Köter in Castle Howard werden dem Meister ohne Grund zugeschrieben. Ponz
sah im Schloss zu Villa Viciosa bei Chinchon das Bild eines Schuhu’s.
1) Es giebt auch einen gleichzeitigen Kupferstich des Prinzen Prosper, wo der
Wasserkopf viel mehr auffällt.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <pb facs="#f0329" n="309"/>
            <fw place="top" type="header">Letzte Bildnisse Philipp IV.</fw><lb/>
            <p>Aus dem blassen Gesicht mit viel Blau um Auge und Mund<lb/>
strahlt keine kindliche Munterkeit, diese Verheissung der Lebens-<lb/>
dauer. Warum aber ist das hübsche bis auf den Boden rei-<lb/>
chende hellrosa Kleid mit Silberborten (ausser den geschlitzten<lb/>
Aermeln) durch die schneeweisse Schürze mit Latz verdeckt? an<lb/>
deren Gürtelband allerlei Spielzeug, ein Pfeifchen, ein Glöckchen,<lb/>
eine Schelle herabhängt. An dem schräg über die Brust gehenden<lb/>
Goldkettchen sind zwei Schmuckstücke aus schwarzen Perlen und<lb/>
Brillanten befestigt. Die Händchen gleichen matten Lilienkelchen.<lb/>
Und diess weisse Figürchen schwimmt dann in einer Flut von<lb/>
tiefgesättigtem Roth verschiedenen Tons des schweren Vor-<lb/>
hangs, des Teppichs u. s. w. Als sollte Kraft und Feuer auf<lb/>
den Wegen der Farbe in die seichten Canäle des bleichen<lb/>
zerbrechlichen Gefässes einströmen. Dieses schwache Lebens-<lb/>
flämmchen erlosch am 1. November 1661 <note place="foot" n="1)">Es giebt auch einen gleichzeitigen Kupferstich des Prinzen Prosper, wo der<lb/>
Wasserkopf viel mehr auffällt.</note>.</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#b">Letzte Bildnisse Philipp IV.</hi> </head><lb/>
            <p>Diese zweite Ehe gab die Veranlassung zu neuen Auf-<lb/>
nahmen des alternden Monarchen in ganzer Figur mit Mariannen<lb/>
als Pendant. Zwei solcher Paare vermehren die Zahl der Ve-<lb/>
lazquez im Prado. Das eine, frühere, wo er kniet, gehört zu dem<lb/>
schon geschilderten der Königin und stammt aus dem Escorial;<lb/>
dort war früher auch eine kleine Skizze dazu.</p><lb/>
            <p>Zu den letzten Arbeiten des Meisters gehört der Alterskopf<lb/>
Philipp IV, der so oft in den Galerien vorkommt. Die besten<lb/>
Exemplare sind das nicht ganz intakte des Prado (1080), und<lb/>
das der Nationalgalerie zu London, auch der Wiener Kopf, einst<lb/>
im Schloss Ambras, dürfte ein Original sein (612). Das erstge-<lb/>
nannte steht dem Kopf der Figur in voller Rüstung nahe (1077).<lb/>
Nur macht dieser durch die energischere Modellirung einen<lb/>
martialischeren Eindruck. Nach dem datirten Stich des Villa-<lb/>
franca in der Beschreibung des Escorial von de los Santos, dem<lb/>
dieselbe Aufnahme zu Grunde liegt, lässt sich die Entstehungs-<lb/>
zeit bestimmen &#x2014; um 1657.</p><lb/>
            <p>
              <note xml:id="seg2pn_14_2" prev="#seg2pn_14_1" place="foot" n="3)">behandelt. Der Hund mit dem Knochen bei Lord Elgin in Broomhall, die streiten-<lb/>
den Köter in Castle Howard werden dem Meister ohne Grund zugeschrieben. Ponz<lb/>
sah im Schloss zu Villa Viciosa bei Chinchon das Bild eines Schuhu&#x2019;s.</note>
            </p><lb/>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[309/0329] Letzte Bildnisse Philipp IV. Aus dem blassen Gesicht mit viel Blau um Auge und Mund strahlt keine kindliche Munterkeit, diese Verheissung der Lebens- dauer. Warum aber ist das hübsche bis auf den Boden rei- chende hellrosa Kleid mit Silberborten (ausser den geschlitzten Aermeln) durch die schneeweisse Schürze mit Latz verdeckt? an deren Gürtelband allerlei Spielzeug, ein Pfeifchen, ein Glöckchen, eine Schelle herabhängt. An dem schräg über die Brust gehenden Goldkettchen sind zwei Schmuckstücke aus schwarzen Perlen und Brillanten befestigt. Die Händchen gleichen matten Lilienkelchen. Und diess weisse Figürchen schwimmt dann in einer Flut von tiefgesättigtem Roth verschiedenen Tons des schweren Vor- hangs, des Teppichs u. s. w. Als sollte Kraft und Feuer auf den Wegen der Farbe in die seichten Canäle des bleichen zerbrechlichen Gefässes einströmen. Dieses schwache Lebens- flämmchen erlosch am 1. November 1661 1). Letzte Bildnisse Philipp IV. Diese zweite Ehe gab die Veranlassung zu neuen Auf- nahmen des alternden Monarchen in ganzer Figur mit Mariannen als Pendant. Zwei solcher Paare vermehren die Zahl der Ve- lazquez im Prado. Das eine, frühere, wo er kniet, gehört zu dem schon geschilderten der Königin und stammt aus dem Escorial; dort war früher auch eine kleine Skizze dazu. Zu den letzten Arbeiten des Meisters gehört der Alterskopf Philipp IV, der so oft in den Galerien vorkommt. Die besten Exemplare sind das nicht ganz intakte des Prado (1080), und das der Nationalgalerie zu London, auch der Wiener Kopf, einst im Schloss Ambras, dürfte ein Original sein (612). Das erstge- nannte steht dem Kopf der Figur in voller Rüstung nahe (1077). Nur macht dieser durch die energischere Modellirung einen martialischeren Eindruck. Nach dem datirten Stich des Villa- franca in der Beschreibung des Escorial von de los Santos, dem dieselbe Aufnahme zu Grunde liegt, lässt sich die Entstehungs- zeit bestimmen — um 1657. 3) 1) Es giebt auch einen gleichzeitigen Kupferstich des Prinzen Prosper, wo der Wasserkopf viel mehr auffällt. 3) behandelt. Der Hund mit dem Knochen bei Lord Elgin in Broomhall, die streiten- den Köter in Castle Howard werden dem Meister ohne Grund zugeschrieben. Ponz sah im Schloss zu Villa Viciosa bei Chinchon das Bild eines Schuhu’s.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez02_1888
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez02_1888/329
Zitationshilfe: Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 2. Bonn, 1888, S. 309. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez02_1888/329>, abgerufen am 24.03.2019.