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Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 2. Bonn, 1888.

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Bildnisse des Velazquez.
son erkannt, der an Juan de Pareja dachte 1). Schreiber dieses
glaubte im Jahre 1874 die Hand des Mazo zu erkennen, und auf
diese Ansicht ist auch Curtis unabhängig gekommen.

Bei allem Ungestüm des unverarbeiteten, oft wie stossweisen
Strichs, bei aller Wahrheit zarter Kinderhaut, Seiden- und
Silberglanzes, vermisst man Velazquez' allverbreitete Klarheit
auch im Dämmerlicht, die Zurückhaltung in der Farbe, die Sicher-
heit der Zeichnung. Statt der leichten, schwebenden toques ein
dicker zäher Auftrag, dunkelbraune, hart in die Züge einschnei-
dende Schatten. Nimmt man das lebensgrosse Brustbild des Kö-
nigs als Massstab, so sind die ein paar Schritt tiefer stehenden Fi-
guren im Alkoven viel zu klein gerathen. Auch die Komposition
ist sehr befremdlich. Velazquez hat zu allen Zeiten mit umsich-
tiger Raumabwägung und sogar mit Eleganz gruppirt, auf Rundung
und Abstufung nach der Tiefe Werth gelegt. Damit vergleiche
man nun diese steife Diagonale, diese zusammengedrängte, unge-
schickte Aneinanderreihung der im Einzelnen gut gedachten
Figuren.

Der Maler hat die Meninas vor Augen gehabt, aber er war
darauf bedacht Reminiscenzen zu vermeiden, daraus erklären
sich manche Sonderbarkeiten. Es ist wieder eine Reihe von
Kindern, dem Betrachter zugewandt, auch hier steht der Maler
vor einem grossen Rahmen mit der Figur derselben Marianne
vielleicht, auch das Bildniss Philipp IV zeigt sich an der Wand
gegenüber, wie dort im Spiegel.

Bildnisse des Velazquez.

Die Figur vor der Staffelei in den Meninas ist das einzige
ganz sicher eigenhändige Selbstporträt des Malers. Die Figur
erscheint schmal und mittel, der Gesichtsumriss hat etwas
vom Oblongum: ziemlich hohe steile Stirn mit ausgeprägten
Höckern über den starken schwarzen Brauen, hohle Nase mit
vortretender Spitze, breiter Unterkiefer, starkes Kinn. Dieser
Kopf gehört einem in Spanien nicht seltenen Typus an. Die
Haare, auf dem Schädeldach anliegend, in der Mitte gescheitelt,
fallen in kegelförmigen leicht gewellten Massen, nach der Mode
dieser Jahre, bis auf den Kragen herab 2).

1) J. C. Robinson, Memoranda on fifty pictures. London 1868 S. 44.
2) Gestochen in einem Oval von Fed. Navarrete.

Bildnisse des Velazquez.
son erkannt, der an Juan de Pareja dachte 1). Schreiber dieses
glaubte im Jahre 1874 die Hand des Mazo zu erkennen, und auf
diese Ansicht ist auch Curtis unabhängig gekommen.

Bei allem Ungestüm des unverarbeiteten, oft wie stossweisen
Strichs, bei aller Wahrheit zarter Kinderhaut, Seiden- und
Silberglanzes, vermisst man Velazquez’ allverbreitete Klarheit
auch im Dämmerlicht, die Zurückhaltung in der Farbe, die Sicher-
heit der Zeichnung. Statt der leichten, schwebenden toques ein
dicker zäher Auftrag, dunkelbraune, hart in die Züge einschnei-
dende Schatten. Nimmt man das lebensgrosse Brustbild des Kö-
nigs als Massstab, so sind die ein paar Schritt tiefer stehenden Fi-
guren im Alkoven viel zu klein gerathen. Auch die Komposition
ist sehr befremdlich. Velazquez hat zu allen Zeiten mit umsich-
tiger Raumabwägung und sogar mit Eleganz gruppirt, auf Rundung
und Abstufung nach der Tiefe Werth gelegt. Damit vergleiche
man nun diese steife Diagonale, diese zusammengedrängte, unge-
schickte Aneinanderreihung der im Einzelnen gut gedachten
Figuren.

Der Maler hat die Meninas vor Augen gehabt, aber er war
darauf bedacht Reminiscenzen zu vermeiden, daraus erklären
sich manche Sonderbarkeiten. Es ist wieder eine Reihe von
Kindern, dem Betrachter zugewandt, auch hier steht der Maler
vor einem grossen Rahmen mit der Figur derselben Marianne
vielleicht, auch das Bildniss Philipp IV zeigt sich an der Wand
gegenüber, wie dort im Spiegel.

Bildnisse des Velazquez.

Die Figur vor der Staffelei in den Meninas ist das einzige
ganz sicher eigenhändige Selbstporträt des Malers. Die Figur
erscheint schmal und mittel, der Gesichtsumriss hat etwas
vom Oblongum: ziemlich hohe steile Stirn mit ausgeprägten
Höckern über den starken schwarzen Brauen, hohle Nase mit
vortretender Spitze, breiter Unterkiefer, starkes Kinn. Dieser
Kopf gehört einem in Spanien nicht seltenen Typus an. Die
Haare, auf dem Schädeldach anliegend, in der Mitte gescheitelt,
fallen in kegelförmigen leicht gewellten Massen, nach der Mode
dieser Jahre, bis auf den Kragen herab 2).

1) J. C. Robinson, Memoranda on fifty pictures. London 1868 S. 44.
2) Gestochen in einem Oval von Fed. Navarrete.
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[323/0345] Bildnisse des Velazquez. son erkannt, der an Juan de Pareja dachte 1). Schreiber dieses glaubte im Jahre 1874 die Hand des Mazo zu erkennen, und auf diese Ansicht ist auch Curtis unabhängig gekommen. Bei allem Ungestüm des unverarbeiteten, oft wie stossweisen Strichs, bei aller Wahrheit zarter Kinderhaut, Seiden- und Silberglanzes, vermisst man Velazquez’ allverbreitete Klarheit auch im Dämmerlicht, die Zurückhaltung in der Farbe, die Sicher- heit der Zeichnung. Statt der leichten, schwebenden toques ein dicker zäher Auftrag, dunkelbraune, hart in die Züge einschnei- dende Schatten. Nimmt man das lebensgrosse Brustbild des Kö- nigs als Massstab, so sind die ein paar Schritt tiefer stehenden Fi- guren im Alkoven viel zu klein gerathen. Auch die Komposition ist sehr befremdlich. Velazquez hat zu allen Zeiten mit umsich- tiger Raumabwägung und sogar mit Eleganz gruppirt, auf Rundung und Abstufung nach der Tiefe Werth gelegt. Damit vergleiche man nun diese steife Diagonale, diese zusammengedrängte, unge- schickte Aneinanderreihung der im Einzelnen gut gedachten Figuren. Der Maler hat die Meninas vor Augen gehabt, aber er war darauf bedacht Reminiscenzen zu vermeiden, daraus erklären sich manche Sonderbarkeiten. Es ist wieder eine Reihe von Kindern, dem Betrachter zugewandt, auch hier steht der Maler vor einem grossen Rahmen mit der Figur derselben Marianne vielleicht, auch das Bildniss Philipp IV zeigt sich an der Wand gegenüber, wie dort im Spiegel. Bildnisse des Velazquez. Die Figur vor der Staffelei in den Meninas ist das einzige ganz sicher eigenhändige Selbstporträt des Malers. Die Figur erscheint schmal und mittel, der Gesichtsumriss hat etwas vom Oblongum: ziemlich hohe steile Stirn mit ausgeprägten Höckern über den starken schwarzen Brauen, hohle Nase mit vortretender Spitze, breiter Unterkiefer, starkes Kinn. Dieser Kopf gehört einem in Spanien nicht seltenen Typus an. Die Haare, auf dem Schädeldach anliegend, in der Mitte gescheitelt, fallen in kegelförmigen leicht gewellten Massen, nach der Mode dieser Jahre, bis auf den Kragen herab 2). 1) J. C. Robinson, Memoranda on fifty pictures. London 1868 S. 44. 2) Gestochen in einem Oval von Fed. Navarrete.

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Zitationshilfe: Justi, Carl: Diego Velazquez und sein Jahrhundert. Bd. 2. Bonn, 1888, S. 323. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/justi_velazquez02_1888/345>, abgerufen am 21.03.2019.