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Kaempfer, Engelbert: Geschichte und Beschreibung von Japan. Hrsg. v. Christian Wilhelm von Dohm. Bd. 1. Lemgo, 1777.

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Acht. Kap. Von dem Clima der japanischen Länder etc.
wegen Awano Narroto, d. i. das Geräusch von Awa; weil nemlich das Wasser mit großer
Gewalt und beständigem Rauschen sich um ein klippichtes Jnselgen drehet, und solches unauf-
hörlich erschüttert. Dieser Strudel scheint sehr fürchterlich, wird aber nicht für gefährlich ge-
halten, weil man sein erschrökliches Geräusch von ferne hört, und ihn deswegen leichter
vermeiden kan. Wegen dieser bewundrungswurdigen Natur und Bewegung wird der
Narroto in ihren Uta, oder Liedern, und in nachdenklichen Reden sehr oft angefürt. Man
sieht auch im japanischen Meer bisweilen Wasserhosen, die aus der See sich erheben, und
über das Land wegstreichen. Man mahlet sie ab wie einen Drachen mit einem Wasser-
schwanze; und glaubt daß es ein Wasserdrache sey, der mit gewaltsamen Drehungen in
der Luft fahre, und nennt deswegen diese Wirbelwinde Tats Maki d. i. Drachenwirbel.

Boden.

Der japanische Boden ist mehrentheils uneben, mager, felsigt und bergigt; aber
durch unverdrossenen Fleis der Einwohner fruchtbar gemacht. Doch nicht so sehr, daß er
seine Bewohner, ohne Beihülfe desjenigen, was die See an Fischen, Muscheln und man-
cherlei Seekräutern hergiebt, könte Narung geben: wozu noch außerdem die nicht urbaren
Berge und steinigte Gründe beitragen müssen, durch Wurzel und wilde Kräuter; welche
aus Dürftigkeit ihre Vorfahren gelernt haben zu bereiten und eßbar zu machen. Bei die-
sen Umständen kan man wohl glauben, daß die Japaner bei ihrer mäßigen Lebensart mit
allen nothwendigen Lebensbedürfnissen versehen sind; und daß dieses äußerst volkreiche Land
ohne die geringste Hülfe aus fremden Ländern, als eine abgesonderte kleine Welt, wohl
bestehn kan, so lange die Unterthanen bei ihrem Ackerbau und Nahrung in Ruhe gelassen
werden.

Flüsse.

Das Land ist mit vielen süßen und wasserreichen Strömen versehen, deren viele
wegen der hohen Gebirge, von welchen sie herabstürzen, und der oftmahligen Plazregen so
schnel fließen, daß man nicht wohl herüber kommen kan. Die berühmtesten derselben sind
folgende: 1) der gefährliche Ujingava oder Ujinflus. Er ist ohne Brücke; eine gute Viertel-
meile breit, und mus durchgewatet werden: er hat auf seinem Grunde große Triebsteine
und fält mit einer großen Macht Wassers wie ein Pfeil herab. Ohne kündige dazu bestelte
Führer, deren fünfe bei knietiefem Wasser ein Pferd durchführen müssen, kan man nicht
hindurch reiten. Wenn diese Führer jemanden verlohren gehen lassen, so kostets ihnen ihr
Leben. 2) Der Oomifluß; er ist deswegen berühmt, weil er nach dem Zeugnis der Ja-
panischen Chroniken im Jahr 285 vor Christi Geburt in der Provinz, wovon er seinen Na-

men

Acht. Kap. Von dem Clima der japaniſchen Laͤnder ꝛc.
wegen Awano Narroto, d. i. das Geraͤuſch von Awa; weil nemlich das Waſſer mit großer
Gewalt und beſtaͤndigem Rauſchen ſich um ein klippichtes Jnſelgen drehet, und ſolches unauf-
hoͤrlich erſchuͤttert. Dieſer Strudel ſcheint ſehr fuͤrchterlich, wird aber nicht fuͤr gefaͤhrlich ge-
halten, weil man ſein erſchroͤkliches Geraͤuſch von ferne hoͤrt, und ihn deswegen leichter
vermeiden kan. Wegen dieſer bewundrungswurdigen Natur und Bewegung wird der
Narroto in ihren Uta, oder Liedern, und in nachdenklichen Reden ſehr oft angefuͤrt. Man
ſieht auch im japaniſchen Meer bisweilen Waſſerhoſen, die aus der See ſich erheben, und
uͤber das Land wegſtreichen. Man mahlet ſie ab wie einen Drachen mit einem Waſſer-
ſchwanze; und glaubt daß es ein Waſſerdrache ſey, der mit gewaltſamen Drehungen in
der Luft fahre, und nennt deswegen dieſe Wirbelwinde Tats Maki d. i. Drachenwirbel.

Boden.

Der japaniſche Boden iſt mehrentheils uneben, mager, felſigt und bergigt; aber
durch unverdroſſenen Fleis der Einwohner fruchtbar gemacht. Doch nicht ſo ſehr, daß er
ſeine Bewohner, ohne Beihuͤlfe desjenigen, was die See an Fiſchen, Muſcheln und man-
cherlei Seekraͤutern hergiebt, koͤnte Narung geben: wozu noch außerdem die nicht urbaren
Berge und ſteinigte Gruͤnde beitragen muͤſſen, durch Wurzel und wilde Kraͤuter; welche
aus Duͤrftigkeit ihre Vorfahren gelernt haben zu bereiten und eßbar zu machen. Bei die-
ſen Umſtaͤnden kan man wohl glauben, daß die Japaner bei ihrer maͤßigen Lebensart mit
allen nothwendigen Lebensbeduͤrfniſſen verſehen ſind; und daß dieſes aͤußerſt volkreiche Land
ohne die geringſte Huͤlfe aus fremden Laͤndern, als eine abgeſonderte kleine Welt, wohl
beſtehn kan, ſo lange die Unterthanen bei ihrem Ackerbau und Nahrung in Ruhe gelaſſen
werden.

Fluͤſſe.

Das Land iſt mit vielen ſuͤßen und waſſerreichen Stroͤmen verſehen, deren viele
wegen der hohen Gebirge, von welchen ſie herabſtuͤrzen, und der oftmahligen Plazregen ſo
ſchnel fließen, daß man nicht wohl heruͤber kommen kan. Die beruͤhmteſten derſelben ſind
folgende: 1) der gefaͤhrliche Ujingava oder Ujinflus. Er iſt ohne Bruͤcke; eine gute Viertel-
meile breit, und mus durchgewatet werden: er hat auf ſeinem Grunde große Triebſteine
und faͤlt mit einer großen Macht Waſſers wie ein Pfeil herab. Ohne kuͤndige dazu beſtelte
Fuͤhrer, deren fuͤnfe bei knietiefem Waſſer ein Pferd durchfuͤhren muͤſſen, kan man nicht
hindurch reiten. Wenn dieſe Fuͤhrer jemanden verlohren gehen laſſen, ſo koſtets ihnen ihr
Leben. 2) Der Oomifluß; er iſt deswegen beruͤhmt, weil er nach dem Zeugnis der Ja-
paniſchen Chroniken im Jahr 285 vor Chriſti Geburt in der Provinz, wovon er ſeinen Na-

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[119/0207] Acht. Kap. Von dem Clima der japaniſchen Laͤnder ꝛc. wegen Awano Narroto, d. i. das Geraͤuſch von Awa; weil nemlich das Waſſer mit großer Gewalt und beſtaͤndigem Rauſchen ſich um ein klippichtes Jnſelgen drehet, und ſolches unauf- hoͤrlich erſchuͤttert. Dieſer Strudel ſcheint ſehr fuͤrchterlich, wird aber nicht fuͤr gefaͤhrlich ge- halten, weil man ſein erſchroͤkliches Geraͤuſch von ferne hoͤrt, und ihn deswegen leichter vermeiden kan. Wegen dieſer bewundrungswurdigen Natur und Bewegung wird der Narroto in ihren Uta, oder Liedern, und in nachdenklichen Reden ſehr oft angefuͤrt. Man ſieht auch im japaniſchen Meer bisweilen Waſſerhoſen, die aus der See ſich erheben, und uͤber das Land wegſtreichen. Man mahlet ſie ab wie einen Drachen mit einem Waſſer- ſchwanze; und glaubt daß es ein Waſſerdrache ſey, der mit gewaltſamen Drehungen in der Luft fahre, und nennt deswegen dieſe Wirbelwinde Tats Maki d. i. Drachenwirbel. Boden. Der japaniſche Boden iſt mehrentheils uneben, mager, felſigt und bergigt; aber durch unverdroſſenen Fleis der Einwohner fruchtbar gemacht. Doch nicht ſo ſehr, daß er ſeine Bewohner, ohne Beihuͤlfe desjenigen, was die See an Fiſchen, Muſcheln und man- cherlei Seekraͤutern hergiebt, koͤnte Narung geben: wozu noch außerdem die nicht urbaren Berge und ſteinigte Gruͤnde beitragen muͤſſen, durch Wurzel und wilde Kraͤuter; welche aus Duͤrftigkeit ihre Vorfahren gelernt haben zu bereiten und eßbar zu machen. Bei die- ſen Umſtaͤnden kan man wohl glauben, daß die Japaner bei ihrer maͤßigen Lebensart mit allen nothwendigen Lebensbeduͤrfniſſen verſehen ſind; und daß dieſes aͤußerſt volkreiche Land ohne die geringſte Huͤlfe aus fremden Laͤndern, als eine abgeſonderte kleine Welt, wohl beſtehn kan, ſo lange die Unterthanen bei ihrem Ackerbau und Nahrung in Ruhe gelaſſen werden. Fluͤſſe. Das Land iſt mit vielen ſuͤßen und waſſerreichen Stroͤmen verſehen, deren viele wegen der hohen Gebirge, von welchen ſie herabſtuͤrzen, und der oftmahligen Plazregen ſo ſchnel fließen, daß man nicht wohl heruͤber kommen kan. Die beruͤhmteſten derſelben ſind folgende: 1) der gefaͤhrliche Ujingava oder Ujinflus. Er iſt ohne Bruͤcke; eine gute Viertel- meile breit, und mus durchgewatet werden: er hat auf ſeinem Grunde große Triebſteine und faͤlt mit einer großen Macht Waſſers wie ein Pfeil herab. Ohne kuͤndige dazu beſtelte Fuͤhrer, deren fuͤnfe bei knietiefem Waſſer ein Pferd durchfuͤhren muͤſſen, kan man nicht hindurch reiten. Wenn dieſe Fuͤhrer jemanden verlohren gehen laſſen, ſo koſtets ihnen ihr Leben. 2) Der Oomifluß; er iſt deswegen beruͤhmt, weil er nach dem Zeugnis der Ja- paniſchen Chroniken im Jahr 285 vor Chriſti Geburt in der Provinz, wovon er ſeinen Na- men

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Zitationshilfe: Kaempfer, Engelbert: Geschichte und Beschreibung von Japan. Hrsg. v. Christian Wilhelm von Dohm. Bd. 1. Lemgo, 1777, S. 119. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/kaempfer_japan01_1777/207>, abgerufen am 25.05.2019.