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Kaempfer, Engelbert: Geschichte und Beschreibung von Japan. Hrsg. v. Christian Wilhelm von Dohm. Bd. 1. Lemgo, 1777.

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Neunt. Kap. Von der Fruchtbarkeit der Länder an Pflanzen.
süßen Oels, und werden wegen ihrer Arzneikräfte unter Confituren aufgetragen. Das
ausgepreste Oel ist beinahe wie Mandelöl, und wird zu Speisen und Arzneien gebraucht.
Der Rauch dieser Nuskerne, ist die vornehmste Jngredienz der allertheuresten und feinsten
japanischen Dinte. Eine andere Art Nüsse, Ginau genant, von Gestalt wie große Pi-
stacien, wachsen durch das ganze Reich auf einem schönen, ungeheuer großen Baume mit
weiten adiantinen Blättern, Namens Jtsjo no ki. Jhr Oel dient zu vielerlei Ge-
brauch. Man hat zwei fremde Arten von Eichbäumen: die Früchte des größeren werden
gekocht, und von gemeinen Leuten gegessen. -- Der Nantsme oder Lotusbaum giebt in
diesen Ländern eine gesunde wohlschmeckende Frucht, und zwar größer als sie mir sonst jemals
vorgekommen ist. Citronenbaum findet man hin und wieder in Gärten, der Liebhaber von
sonderbaren Gewächsen aber doch wenig. Limonen und Pomeranzen wachsen hier häufig,
und von verschiedener Art. Die edelste Art nent man Mican, deren Figur und Größe
einem Borstorferapfel gleichet, und welche einen sehr angenehmen Geruch und weinsauren
Geschmak haben. Kinkan ist eine andere seltne Art, von der Größe und Figur einer Muska-
tennus; sie ist überaus sauer, wächset auf einer kleinen Staude, und wird in Speisen und
Atsiaar gebraucht.

Trauben u. s. f.

Trauben werden hier selten reif, und deswegen wird der Weinstok wenig ange-
bauet. Brombeeren und Himbeeren haben aber keinen angenehmen Geschmak; Erdbeeren
aber sind ganz ohne Geschmak, und nicht esbar. Pfirsige, Aprikosen und Pflaumen giebts
im Ueberflus; und unter diesen lezten zwei fremde Arten, nemlich weiße und purpurfarbene,
tuberculirt wie Maulbeeren: diese werden mehrentheils zu Atsjar verbraucht. Kirschen-
und Haberschleenbäume, Kriekenbäume werden nur wegen ihrer schönen Blüthen
unterhalten, welche durch die Cultur die Größe einer doppelten Rose gewinnen, und in
solcher Menge hervor brechen, daß sie den ganzen Baum wie ein blutiger Schnee bedecken.
Diese Bäume geben allen Haus- und Tempelgarten die beste Zierde: und blos zu diesem
Endzwek werden auch mehrmals Aprikosen und andere Pflaumenbäume unterhalten.

Tannen, Cypressen u. s. f.

Von Tannen und Cypressen giebts hier vielerlei Arten; und es sind die gemeinsten
Bäume der Wälder, aus welchen Häuser, Bretter und Gefäße gemacht werden. Die
Aeste und anderer Abfal dienen zu gemeinem Küchenfeuer; das gemeine Volk aber braucht
hiezu die abfallenden Pienäpfel und Blätter, welche sie täglich zusammen fegen, und mit
eben derselben Mühe den Boden sauber erhalten. Zum Zierath werden diese Bäume in

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Neunt. Kap. Von der Fruchtbarkeit der Laͤnder an Pflanzen.
ſuͤßen Oels, und werden wegen ihrer Arzneikraͤfte unter Confituren aufgetragen. Das
ausgepreſte Oel iſt beinahe wie Mandeloͤl, und wird zu Speiſen und Arzneien gebraucht.
Der Rauch dieſer Nuskerne, iſt die vornehmſte Jngredienz der allertheureſten und feinſten
japaniſchen Dinte. Eine andere Art Nuͤſſe, Ginau genant, von Geſtalt wie große Pi-
ſtacien, wachſen durch das ganze Reich auf einem ſchoͤnen, ungeheuer großen Baume mit
weiten adiantinen Blaͤttern, Namens Jtſjo no ki. Jhr Oel dient zu vielerlei Ge-
brauch. Man hat zwei fremde Arten von Eichbaͤumen: die Fruͤchte des groͤßeren werden
gekocht, und von gemeinen Leuten gegeſſen. — Der Nantſme oder Lotusbaum giebt in
dieſen Laͤndern eine geſunde wohlſchmeckende Frucht, und zwar groͤßer als ſie mir ſonſt jemals
vorgekommen iſt. Citronenbaum findet man hin und wieder in Gaͤrten, der Liebhaber von
ſonderbaren Gewaͤchſen aber doch wenig. Limonen und Pomeranzen wachſen hier haͤufig,
und von verſchiedener Art. Die edelſte Art nent man Mican, deren Figur und Groͤße
einem Borſtorferapfel gleichet, und welche einen ſehr angenehmen Geruch und weinſauren
Geſchmak haben. Kinkan iſt eine andere ſeltne Art, von der Groͤße und Figur einer Muſka-
tennus; ſie iſt uͤberaus ſauer, waͤchſet auf einer kleinen Staude, und wird in Speiſen und
Atſiaar gebraucht.

Trauben u. ſ. f.

Trauben werden hier ſelten reif, und deswegen wird der Weinſtok wenig ange-
bauet. Brombeeren und Himbeeren haben aber keinen angenehmen Geſchmak; Erdbeeren
aber ſind ganz ohne Geſchmak, und nicht esbar. Pfirſige, Aprikoſen und Pflaumen giebts
im Ueberflus; und unter dieſen lezten zwei fremde Arten, nemlich weiße und purpurfarbene,
tuberculirt wie Maulbeeren: dieſe werden mehrentheils zu Atſjar verbraucht. Kirſchen-
und Haberſchleenbaͤume, Kriekenbaͤume werden nur wegen ihrer ſchoͤnen Bluͤthen
unterhalten, welche durch die Cultur die Groͤße einer doppelten Roſe gewinnen, und in
ſolcher Menge hervor brechen, daß ſie den ganzen Baum wie ein blutiger Schnee bedecken.
Dieſe Baͤume geben allen Haus- und Tempelgarten die beſte Zierde: und blos zu dieſem
Endzwek werden auch mehrmals Aprikoſen und andere Pflaumenbaͤume unterhalten.

Tannen, Cypreſſen u. ſ. f.

Von Tannen und Cypreſſen giebts hier vielerlei Arten; und es ſind die gemeinſten
Baͤume der Waͤlder, aus welchen Haͤuſer, Bretter und Gefaͤße gemacht werden. Die
Aeſte und anderer Abfal dienen zu gemeinem Kuͤchenfeuer; das gemeine Volk aber braucht
hiezu die abfallenden Pienaͤpfel und Blaͤtter, welche ſie taͤglich zuſammen fegen, und mit
eben derſelben Muͤhe den Boden ſauber erhalten. Zum Zierath werden dieſe Baͤume in

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[133/0221] Neunt. Kap. Von der Fruchtbarkeit der Laͤnder an Pflanzen. ſuͤßen Oels, und werden wegen ihrer Arzneikraͤfte unter Confituren aufgetragen. Das ausgepreſte Oel iſt beinahe wie Mandeloͤl, und wird zu Speiſen und Arzneien gebraucht. Der Rauch dieſer Nuskerne, iſt die vornehmſte Jngredienz der allertheureſten und feinſten japaniſchen Dinte. Eine andere Art Nuͤſſe, Ginau genant, von Geſtalt wie große Pi- ſtacien, wachſen durch das ganze Reich auf einem ſchoͤnen, ungeheuer großen Baume mit weiten adiantinen Blaͤttern, Namens Jtſjo no ki. Jhr Oel dient zu vielerlei Ge- brauch. Man hat zwei fremde Arten von Eichbaͤumen: die Fruͤchte des groͤßeren werden gekocht, und von gemeinen Leuten gegeſſen. — Der Nantſme oder Lotusbaum giebt in dieſen Laͤndern eine geſunde wohlſchmeckende Frucht, und zwar groͤßer als ſie mir ſonſt jemals vorgekommen iſt. Citronenbaum findet man hin und wieder in Gaͤrten, der Liebhaber von ſonderbaren Gewaͤchſen aber doch wenig. Limonen und Pomeranzen wachſen hier haͤufig, und von verſchiedener Art. Die edelſte Art nent man Mican, deren Figur und Groͤße einem Borſtorferapfel gleichet, und welche einen ſehr angenehmen Geruch und weinſauren Geſchmak haben. Kinkan iſt eine andere ſeltne Art, von der Groͤße und Figur einer Muſka- tennus; ſie iſt uͤberaus ſauer, waͤchſet auf einer kleinen Staude, und wird in Speiſen und Atſiaar gebraucht. Trauben u. ſ. f. Trauben werden hier ſelten reif, und deswegen wird der Weinſtok wenig ange- bauet. Brombeeren und Himbeeren haben aber keinen angenehmen Geſchmak; Erdbeeren aber ſind ganz ohne Geſchmak, und nicht esbar. Pfirſige, Aprikoſen und Pflaumen giebts im Ueberflus; und unter dieſen lezten zwei fremde Arten, nemlich weiße und purpurfarbene, tuberculirt wie Maulbeeren: dieſe werden mehrentheils zu Atſjar verbraucht. Kirſchen- und Haberſchleenbaͤume, Kriekenbaͤume werden nur wegen ihrer ſchoͤnen Bluͤthen unterhalten, welche durch die Cultur die Groͤße einer doppelten Roſe gewinnen, und in ſolcher Menge hervor brechen, daß ſie den ganzen Baum wie ein blutiger Schnee bedecken. Dieſe Baͤume geben allen Haus- und Tempelgarten die beſte Zierde: und blos zu dieſem Endzwek werden auch mehrmals Aprikoſen und andere Pflaumenbaͤume unterhalten. Tannen, Cypreſſen u. ſ. f. Von Tannen und Cypreſſen giebts hier vielerlei Arten; und es ſind die gemeinſten Baͤume der Waͤlder, aus welchen Haͤuſer, Bretter und Gefaͤße gemacht werden. Die Aeſte und anderer Abfal dienen zu gemeinem Kuͤchenfeuer; das gemeine Volk aber braucht hiezu die abfallenden Pienaͤpfel und Blaͤtter, welche ſie taͤglich zuſammen fegen, und mit eben derſelben Muͤhe den Boden ſauber erhalten. Zum Zierath werden dieſe Baͤume in lange R 3

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Zitationshilfe: Kaempfer, Engelbert: Geschichte und Beschreibung von Japan. Hrsg. v. Christian Wilhelm von Dohm. Bd. 1. Lemgo, 1777, S. 133. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/kaempfer_japan01_1777/221>, abgerufen am 25.05.2019.