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Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich. Bd. 4. Braunschweig, 1855.

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Fünftes Kapitel.

Er verschwieg dies sorgsam vor seiner Mutter,
schrieb ihr aber auch nicht, daß er etwas erwerbe,
da es ihm nicht einfiel, sie anzulügen, und da es
ihm in der That bei seiner Sorglosigkeit und
seinem sicheren Gefühl, daß er schon etwas wer¬
den müsse und würde, ganz gut erging, so berich¬
tete er der Mutter in jedem Briefe, es ginge ihm
gut, und erzählte ihr weitläufig allerlei lustige
Dinge, die ihm begegneten oder welche er in dem
fremden Lande beobachtete. Die Mutter hingegen
glaubte ächt frauenhaft, wenn man von einem Uebel
nicht spreche, so bleibe es ungeschehen, und hütete
sich, ihn nach etwaigen Schulden zu befragen,
in der Meinung, daß wenn solche noch nicht vor¬
handen wären, so würden sie durch diese Erkun¬

Fünftes Kapitel.

Er verſchwieg dies ſorgſam vor ſeiner Mutter,
ſchrieb ihr aber auch nicht, daß er etwas erwerbe,
da es ihm nicht einfiel, ſie anzuluͤgen, und da es
ihm in der That bei ſeiner Sorgloſigkeit und
ſeinem ſicheren Gefuͤhl, daß er ſchon etwas wer¬
den muͤſſe und wuͤrde, ganz gut erging, ſo berich¬
tete er der Mutter in jedem Briefe, es ginge ihm
gut, und erzaͤhlte ihr weitlaͤufig allerlei luſtige
Dinge, die ihm begegneten oder welche er in dem
fremden Lande beobachtete. Die Mutter hingegen
glaubte aͤcht frauenhaft, wenn man von einem Uebel
nicht ſpreche, ſo bleibe es ungeſchehen, und huͤtete
ſich, ihn nach etwaigen Schulden zu befragen,
in der Meinung, daß wenn ſolche noch nicht vor¬
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[0150] Fünftes Kapitel. Er verſchwieg dies ſorgſam vor ſeiner Mutter, ſchrieb ihr aber auch nicht, daß er etwas erwerbe, da es ihm nicht einfiel, ſie anzuluͤgen, und da es ihm in der That bei ſeiner Sorgloſigkeit und ſeinem ſicheren Gefuͤhl, daß er ſchon etwas wer¬ den muͤſſe und wuͤrde, ganz gut erging, ſo berich¬ tete er der Mutter in jedem Briefe, es ginge ihm gut, und erzaͤhlte ihr weitlaͤufig allerlei luſtige Dinge, die ihm begegneten oder welche er in dem fremden Lande beobachtete. Die Mutter hingegen glaubte aͤcht frauenhaft, wenn man von einem Uebel nicht ſpreche, ſo bleibe es ungeſchehen, und huͤtete ſich, ihn nach etwaigen Schulden zu befragen, in der Meinung, daß wenn ſolche noch nicht vor¬ handen waͤren, ſo wuͤrden ſie durch dieſe Erkun¬

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Zitationshilfe: Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich. Bd. 4. Braunschweig, 1855, S. . In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/keller_heinrich04_1855/150>, abgerufen am 20.08.2019.