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Knigge, Adolph von: Ueber den Umgang mit Menschen. Bd. 1. Hannover, 1788.

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Zweytes Capitel.

Von dem Umgange unter Menschen von
verschiedenem Alter.


1.

Der Umgang unter Menschen von gleichen Jah¬
ren scheint freylich viel Vorzüge und Annehm¬
lichkeiten zu haben. Aehnlichkeit in Denkungs¬
art und wechselseitige Austauschung solcher Ideen,
die gleich lebhaft die Aufmerksamkeit erregen,
ketten die Menschen aneinander. Jedem Alter
sind gewisse Neigungen und leidenschaftliche
Triebe eigen. In der Folge der Zeit verändert
sich die Stimmung: Man rückt nicht so fort mit
dem Geschmacke und der Mode; Das Herz ist
nicht mehr so warm, fasst nicht mehr so leicht
Interesse an neuen Gegenständen; Lebhaftigkeit
und Phantasie werden herabgestimmt; Manche
glückliche Täuschungen sind verschwunden; Viel
Gegenstände, die uns theuer waren, sind um uns
her abgestorben, entwichen, unsern Augen ent¬
rückt; Die Gefährten unsrer glücklichen Jugend
sind fern von uns, oder schlummern schon im
mütterlichen Schooße; Der Jüngling hört die

Erzäh¬
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Zweytes Capitel.

Von dem Umgange unter Menſchen von
verſchiedenem Alter.


1.

Der Umgang unter Menſchen von gleichen Jah¬
ren ſcheint freylich viel Vorzuͤge und Annehm¬
lichkeiten zu haben. Aehnlichkeit in Denkungs¬
art und wechſelſeitige Austauſchung ſolcher Ideen,
die gleich lebhaft die Aufmerkſamkeit erregen,
ketten die Menſchen aneinander. Jedem Alter
ſind gewiſſe Neigungen und leidenſchaftliche
Triebe eigen. In der Folge der Zeit veraͤndert
ſich die Stimmung: Man ruͤckt nicht ſo fort mit
dem Geſchmacke und der Mode; Das Herz iſt
nicht mehr ſo warm, faſſt nicht mehr ſo leicht
Intereſſe an neuen Gegenſtaͤnden; Lebhaftigkeit
und Phantaſie werden herabgeſtimmt; Manche
gluͤckliche Taͤuſchungen ſind verſchwunden; Viel
Gegenſtaͤnde, die uns theuer waren, ſind um uns
her abgeſtorben, entwichen, unſern Augen ent¬
ruͤckt; Die Gefaͤhrten unſrer gluͤcklichen Jugend
ſind fern von uns, oder ſchlummern ſchon im
muͤtterlichen Schooße; Der Juͤngling hoͤrt die

Erzaͤh¬
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[87/0117] Zweytes Capitel. Von dem Umgange unter Menſchen von verſchiedenem Alter. 1. Der Umgang unter Menſchen von gleichen Jah¬ ren ſcheint freylich viel Vorzuͤge und Annehm¬ lichkeiten zu haben. Aehnlichkeit in Denkungs¬ art und wechſelſeitige Austauſchung ſolcher Ideen, die gleich lebhaft die Aufmerkſamkeit erregen, ketten die Menſchen aneinander. Jedem Alter ſind gewiſſe Neigungen und leidenſchaftliche Triebe eigen. In der Folge der Zeit veraͤndert ſich die Stimmung: Man ruͤckt nicht ſo fort mit dem Geſchmacke und der Mode; Das Herz iſt nicht mehr ſo warm, faſſt nicht mehr ſo leicht Intereſſe an neuen Gegenſtaͤnden; Lebhaftigkeit und Phantaſie werden herabgeſtimmt; Manche gluͤckliche Taͤuſchungen ſind verſchwunden; Viel Gegenſtaͤnde, die uns theuer waren, ſind um uns her abgeſtorben, entwichen, unſern Augen ent¬ ruͤckt; Die Gefaͤhrten unſrer gluͤcklichen Jugend ſind fern von uns, oder ſchlummern ſchon im muͤtterlichen Schooße; Der Juͤngling hoͤrt die Erzaͤh¬ F4

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Zitationshilfe: Knigge, Adolph von: Ueber den Umgang mit Menschen. Bd. 1. Hannover, 1788, S. 87. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/knigge_umgang01_1788/117>, abgerufen am 20.10.2018.