Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Knigge, Adolph von: Ueber den Umgang mit Menschen. Bd. 1. Hannover, 1788.

Bild:
<< vorherige Seite
8.

Kein Grundsatz scheint mir unfeiner, und
eines gefühlvollen Herzens unwürdiger, als
der: "daß es ein Trost sey, Gefährten oder
"Mitleidende im Unglücke zu haben." Ist es
nicht genug, selbst leiden, und dabey überzeugt
seyn zu müssen, daß in der Welt noch viel eben
so redlich gute Menschen, wie wir sind, nicht
weniger Elend zu tragen haben? Sollen wir
noch die Summe dieser Unglücklichen muthwil¬
ligerweise dadurch vermehren, daß wir Andre
zwingen, auch unsre Last mitzutragen, die da¬
durch um nichts leichter wird? Denn man sage
doch nicht, daß es Erleichterung sey, sich von
seinem Schmerze zu unterhalten! Nur für ei¬
nige alte Weiber, nicht aber für einen verstän¬
digen Mann, kann Geschwätzigkeit von der
Art Wohlthat werden. Ich habe im zweyten
Abschnitte des ersten Capittels im Allgemeinen
davon geredet: ob es gut sey, Andern seine
Widerwärtigkeiten zu klagen. Damals sagte
ich zu Beantwortung dieser Frage nur das, was
Weltklugheit und Vorsichtigkeit lehren; Im
Umgange mit Freunden hingegen, wovon hier
die Rede ist, muß uns auch Feinheit des Ge¬

fühls
Q 2
8.

Kein Grundſatz ſcheint mir unfeiner, und
eines gefuͤhlvollen Herzens unwuͤrdiger, als
der: „daß es ein Troſt ſey, Gefaͤhrten oder
„Mitleidende im Ungluͤcke zu haben.“ Iſt es
nicht genug, ſelbſt leiden, und dabey uͤberzeugt
ſeyn zu muͤſſen, daß in der Welt noch viel eben
ſo redlich gute Menſchen, wie wir ſind, nicht
weniger Elend zu tragen haben? Sollen wir
noch die Summe dieſer Ungluͤcklichen muthwil¬
ligerweiſe dadurch vermehren, daß wir Andre
zwingen, auch unſre Laſt mitzutragen, die da¬
durch um nichts leichter wird? Denn man ſage
doch nicht, daß es Erleichterung ſey, ſich von
ſeinem Schmerze zu unterhalten! Nur fuͤr ei¬
nige alte Weiber, nicht aber fuͤr einen verſtaͤn¬
digen Mann, kann Geſchwaͤtzigkeit von der
Art Wohlthat werden. Ich habe im zweyten
Abſchnitte des erſten Capittels im Allgemeinen
davon geredet: ob es gut ſey, Andern ſeine
Widerwaͤrtigkeiten zu klagen. Damals ſagte
ich zu Beantwortung dieſer Frage nur das, was
Weltklugheit und Vorſichtigkeit lehren; Im
Umgange mit Freunden hingegen, wovon hier
die Rede iſt, muß uns auch Feinheit des Ge¬

fuͤhls
Q 2
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <pb facs="#f0273" n="243"/>
          </div>
          <div n="3">
            <head>8.<lb/></head>
            <p>Kein Grund&#x017F;atz &#x017F;cheint mir unfeiner, und<lb/>
eines gefu&#x0364;hlvollen Herzens unwu&#x0364;rdiger, als<lb/>
der: &#x201E;daß es ein Tro&#x017F;t &#x017F;ey, Gefa&#x0364;hrten oder<lb/>
&#x201E;Mitleidende im Unglu&#x0364;cke zu haben.&#x201C; I&#x017F;t es<lb/>
nicht genug, &#x017F;elb&#x017F;t leiden, und dabey u&#x0364;berzeugt<lb/>
&#x017F;eyn zu mu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en, daß in der Welt noch viel eben<lb/>
&#x017F;o redlich gute Men&#x017F;chen, wie wir &#x017F;ind, nicht<lb/>
weniger Elend zu tragen haben? Sollen wir<lb/>
noch die Summe die&#x017F;er Unglu&#x0364;cklichen muthwil¬<lb/>
ligerwei&#x017F;e dadurch vermehren, daß wir Andre<lb/>
zwingen, auch un&#x017F;re La&#x017F;t mitzutragen, die da¬<lb/>
durch um nichts leichter wird? Denn man &#x017F;age<lb/>
doch nicht, daß es Erleichterung &#x017F;ey, &#x017F;ich von<lb/>
&#x017F;einem Schmerze zu unterhalten! Nur fu&#x0364;r ei¬<lb/>
nige alte Weiber, nicht aber fu&#x0364;r einen ver&#x017F;ta&#x0364;<lb/>
digen Mann, kann Ge&#x017F;chwa&#x0364;tzigkeit von der<lb/>
Art Wohlthat werden. Ich habe im zweyten<lb/>
Ab&#x017F;chnitte des er&#x017F;ten Capittels im Allgemeinen<lb/>
davon geredet: ob es gut &#x017F;ey, Andern &#x017F;eine<lb/>
Widerwa&#x0364;rtigkeiten zu klagen. Damals &#x017F;agte<lb/>
ich zu Beantwortung die&#x017F;er Frage nur das, was<lb/>
Weltklugheit und Vor&#x017F;ichtigkeit lehren; Im<lb/>
Umgange mit Freunden hingegen, wovon hier<lb/>
die Rede i&#x017F;t, muß uns auch Feinheit des Ge¬<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">Q 2<lb/></fw> <fw place="bottom" type="catch">fu&#x0364;hls<lb/></fw>
</p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[243/0273] 8. Kein Grundſatz ſcheint mir unfeiner, und eines gefuͤhlvollen Herzens unwuͤrdiger, als der: „daß es ein Troſt ſey, Gefaͤhrten oder „Mitleidende im Ungluͤcke zu haben.“ Iſt es nicht genug, ſelbſt leiden, und dabey uͤberzeugt ſeyn zu muͤſſen, daß in der Welt noch viel eben ſo redlich gute Menſchen, wie wir ſind, nicht weniger Elend zu tragen haben? Sollen wir noch die Summe dieſer Ungluͤcklichen muthwil¬ ligerweiſe dadurch vermehren, daß wir Andre zwingen, auch unſre Laſt mitzutragen, die da¬ durch um nichts leichter wird? Denn man ſage doch nicht, daß es Erleichterung ſey, ſich von ſeinem Schmerze zu unterhalten! Nur fuͤr ei¬ nige alte Weiber, nicht aber fuͤr einen verſtaͤn¬ digen Mann, kann Geſchwaͤtzigkeit von der Art Wohlthat werden. Ich habe im zweyten Abſchnitte des erſten Capittels im Allgemeinen davon geredet: ob es gut ſey, Andern ſeine Widerwaͤrtigkeiten zu klagen. Damals ſagte ich zu Beantwortung dieſer Frage nur das, was Weltklugheit und Vorſichtigkeit lehren; Im Umgange mit Freunden hingegen, wovon hier die Rede iſt, muß uns auch Feinheit des Ge¬ fuͤhls Q 2

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/knigge_umgang01_1788
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/knigge_umgang01_1788/273
Zitationshilfe: Knigge, Adolph von: Ueber den Umgang mit Menschen. Bd. 1. Hannover, 1788, S. 243. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/knigge_umgang01_1788/273>, abgerufen am 10.08.2020.