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Kölliker, Albert von: Entwicklungsgeschichte des Menschen und der höheren Thiere. Leipzig, 1861.

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Achte Vorlesung.

Meine Herren! Die bisher beschriebenen Veränderungen der
Erste Entstehung
des Embryo.
Embryonalanlage des Hühnchens lassen noch nicht erkennen, wie aus
ihr die zusammengesetzten Organe und namentlich auch die spätere
Leibesform hervorgeht, und ist es nun erst die nächstfolgende Zeit,
welche uns lehrt, wie aus der flachen länglichen mässig dicken Mitte
der Area pellucida ein wirklicher Embryo sich gestaltet. Die Vorgänge,
durch welche diess geschieht, sind wesentlich drei. Einmal erheben
sich an der äussern Fläche der Embryonalanlage die äussern Ränder
der Medullarplatte sammt den daran grenzenden Theilen der Urwir-
belplatten und des Hornblattes, so dass sie eine breite Furche, die
Rückenfurche, begrenzen, und bildet sich dann durch das Ver-
wachsen der Ränder dieser Furche das Medullarrohr oder die
Anlage von Gehirn und Rückenmark und der Rücken des Embryo.
In analoger Weise entsteht zweitens an der untern Fläche der Em-
bryonalanlage die erste Anlage des Bauches -- das Wort im wei-
tern Sinne genommen -- und des Darmkanals, indem die Sei-
tenplatten zugleich mit den anliegenden beiden andern Keimblättern
nach unten sich wölben, von allen Seiten einander entgegenwuchern
und schliesslich so verschmelzen, dass nur noch eine Lücke, der
Nabel, offen bleibt. Im Zusammenhange mit diesem Vorgange und
unter beständiger Vergrösserung schnürt sich der Embryo zuerst am
Kopfe, dann auch seitlich und hinten von dem peripherischen Theile
der Keimhaut, d. h. zunächst von der Area pellucida ab. Zu diesen
Vorgängen gesellen sich dann noch die grössere Entwicklung des
vordern Leibesendes zum Kopf, die Spaltung der Seitenplatten in
Leibeswand und Darmwand, womit zugleich die Bildung der gros-
sen vordern Leibeshöhlen gegeben ist, endlich die Entwicklung des

Achte Vorlesung.

Meine Herren! Die bisher beschriebenen Veränderungen der
Erste Entstehung
des Embryo.
Embryonalanlage des Hühnchens lassen noch nicht erkennen, wie aus
ihr die zusammengesetzten Organe und namentlich auch die spätere
Leibesform hervorgeht, und ist es nun erst die nächstfolgende Zeit,
welche uns lehrt, wie aus der flachen länglichen mässig dicken Mitte
der Area pellucida ein wirklicher Embryo sich gestaltet. Die Vorgänge,
durch welche diess geschieht, sind wesentlich drei. Einmal erheben
sich an der äussern Fläche der Embryonalanlage die äussern Ränder
der Medullarplatte sammt den daran grenzenden Theilen der Urwir-
belplatten und des Hornblattes, so dass sie eine breite Furche, die
Rückenfurche, begrenzen, und bildet sich dann durch das Ver-
wachsen der Ränder dieser Furche das Medullarrohr oder die
Anlage von Gehirn und Rückenmark und der Rücken des Embryo.
In analoger Weise entsteht zweitens an der untern Fläche der Em-
bryonalanlage die erste Anlage des Bauches — das Wort im wei-
tern Sinne genommen — und des Darmkanals, indem die Sei-
tenplatten zugleich mit den anliegenden beiden andern Keimblättern
nach unten sich wölben, von allen Seiten einander entgegenwuchern
und schliesslich so verschmelzen, dass nur noch eine Lücke, der
Nabel, offen bleibt. Im Zusammenhange mit diesem Vorgange und
unter beständiger Vergrösserung schnürt sich der Embryo zuerst am
Kopfe, dann auch seitlich und hinten von dem peripherischen Theile
der Keimhaut, d. h. zunächst von der Area pellucida ab. Zu diesen
Vorgängen gesellen sich dann noch die grössere Entwicklung des
vordern Leibesendes zum Kopf, die Spaltung der Seitenplatten in
Leibeswand und Darmwand, womit zugleich die Bildung der gros-
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[[46]/0062] Achte Vorlesung. Meine Herren! Die bisher beschriebenen Veränderungen der Embryonalanlage des Hühnchens lassen noch nicht erkennen, wie aus ihr die zusammengesetzten Organe und namentlich auch die spätere Leibesform hervorgeht, und ist es nun erst die nächstfolgende Zeit, welche uns lehrt, wie aus der flachen länglichen mässig dicken Mitte der Area pellucida ein wirklicher Embryo sich gestaltet. Die Vorgänge, durch welche diess geschieht, sind wesentlich drei. Einmal erheben sich an der äussern Fläche der Embryonalanlage die äussern Ränder der Medullarplatte sammt den daran grenzenden Theilen der Urwir- belplatten und des Hornblattes, so dass sie eine breite Furche, die Rückenfurche, begrenzen, und bildet sich dann durch das Ver- wachsen der Ränder dieser Furche das Medullarrohr oder die Anlage von Gehirn und Rückenmark und der Rücken des Embryo. In analoger Weise entsteht zweitens an der untern Fläche der Em- bryonalanlage die erste Anlage des Bauches — das Wort im wei- tern Sinne genommen — und des Darmkanals, indem die Sei- tenplatten zugleich mit den anliegenden beiden andern Keimblättern nach unten sich wölben, von allen Seiten einander entgegenwuchern und schliesslich so verschmelzen, dass nur noch eine Lücke, der Nabel, offen bleibt. Im Zusammenhange mit diesem Vorgange und unter beständiger Vergrösserung schnürt sich der Embryo zuerst am Kopfe, dann auch seitlich und hinten von dem peripherischen Theile der Keimhaut, d. h. zunächst von der Area pellucida ab. Zu diesen Vorgängen gesellen sich dann noch die grössere Entwicklung des vordern Leibesendes zum Kopf, die Spaltung der Seitenplatten in Leibeswand und Darmwand, womit zugleich die Bildung der gros- sen vordern Leibeshöhlen gegeben ist, endlich die Entwicklung des Erste Entstehung des Embryo.

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Zitationshilfe: Kölliker, Albert von: Entwicklungsgeschichte des Menschen und der höheren Thiere. Leipzig, 1861, S. [46]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/koelliker_entwicklungs_1861/62>, abgerufen am 22.03.2019.